Familie kämpft um Gerechtigkeit

„Fahr sie um“: Junge Frau im Vollrausch überfahren - droht eine Verurteilung wegen Mordes?

Eine 20-Jährige musste sterben, weil ein betrunkener Fahranfänger sie bei Würzburg überfuhr. Die Strafe betrug 5000 Euro – und sorgte für Empörung. Nun wird das Urteil überprüft. 

  • Ist ein Menschenleben nur 5000 Euro wert? In Würzburg wird ein tragischer Unfalltod neu aufgerollt.
  • Theresa Stahl (20) musste sterben, weil sich ein Fahranfänger nach einem Weinfest im Vollrausch ins Auto setzte.
  • Das Gerichtsurteil im Herbst 2019 löste Empörung aus. Der Fahrer wurde nicht für die Tötung der 20-Jährigen belangt.

Update vom 24. September: Im Berufungsprozess um eine totgeraste 20-Jährige hat sich der Verdacht erhärtet, der betrunkene Fahrer wäre gezielt auf die Fußgängerin zugerast. „Fahr sie um oder überfahr‘ sie“, soll der Beifahrer des Unfallwagens scherzhaft zum alkoholisierten Fahrer gesagt haben. So zitierte ein Ermittler eine Zeugin bei seiner Befragung am Donnerstag vor dem Landgericht Würzburg. Der Beifahrer hätte demnach nicht gedacht, dass der Fahrer tatsächlich auf die Frau zusteuern würde. Der Aussage nach, hätten die drei Mitfahrer den damals 18-jährigen Deutschen nach dem Weinfest im April 2017 bewusst ans Steuer gesetzt, da er „am besoffensten“ war und am wenigsten zu befürchten hätte.

Nach dem Aufprall ist der Fahrer auf der Ortsstraße in Richtung Untereisenheim (Landkreis Würzburg) weitergefahren und ohnmächtig geworden. Wie die Zeugin erfahren haben soll, wären die Mitfahrer daraufhin ausgestiegen und hätten das Auto absichtlich einen Abhang herunterfahren lassen. Die drei Deutschen liefen weiter und legten sich schlafen. Rettungskräfte fanden den bewusstlosen Mann am Steuer, nur wenige Meter entfernt von der schwer verletzten Frau. Laut dem Polizisten passt die Aussage der Zeugin „sehr gut ins Bild“.

Das Gericht setzte die Hauptverhandlung im Berufungsprozess, in dem es um fahrlässige Tötung geht, am Donnerstag aus. Man wolle zunächst den neuen Ermittlungsansätzen nachgehen. Dem Vorsitzenden Richter zufolge kommt auch eine Verurteilung wegen Mordes gegen den Hauptangeklagten und wegen Anstiftung zum Mord gegen den Beifahrer in Betracht. In Erster Instanz wurden beide zu Geldstrafen verurteilt.

5000 Euro für ein Menschenleben: Junge Frau im Vollrausch überfahren - Bleibt es bei der Geldstrafe?

Erstmeldung vom 9. September: Würzburg - Theresa Stahl war 20 Jahre alt, als sie im April 2017 früh um 3 Uhr mit ihrem Freund zu Fuß von einem Weinfest in Untereisenheim bei Würzburg nach Hause ging, da sie nicht mehr fahren wollten. Dabei wurde sie am Straßenrand von einem VW Golf von hinten überrollt und getötet – am Steuer der damals 18-jährige Niclas H. mit über 2,89 Promille im Blut. Unfassbar: Im vergangenen Oktober wurde der Todesfahrer nur zu einer Geldstrafe von 5000 Euro verurteilt. Theresa Stahls Familie und die Staatsanwaltschaft kämpfen für ein härteres Urteil. Am Mittwoch begann der Berufungsprozess.

Vollrausch-Unfall bei Würzburg: Ist ein Menschenleben nur 5000 Euro wert?

„Das Leben von meiner Tochter und das für 5000 Euro“, erklärt Ronald Stahl, der Vater der Toten, wieso er einen neuen Prozess wollte. „Ich hatte erhebliche Zweifel an unserem Rechtssystem und dem Rechtsstaat.“ Ein Gutachter hatte den Hauptangeklagten beim Prozess im Herbst als schuldunfähig eingestuft – weil er stark betrunken war. Verurteilt wurde er darum nicht wegen der Tötung der 20-Jährigen, sondern nur noch wegen fahrlässiger Volltrunkenheit.

Ronald Stahl hat die Aktion „Gegen-Alkohol-am-Steuer.de“ gegründet, damit sich Fälle wie der seiner Tochter möglichst nicht wiederholen. Das Symbol der Aktion wurde ein Pfeil, den sich Theresa auf die linke Ferse tätowiert hatte, den ihr Vater auf dem Sterbebett fotografierte und sich selbst tätowieren ließ. Auch Theresa Stahls Schwester Annabell (14) trat in Würzburg als Nebenklägerin auf.

Der Anwalt der Familie, Philipp Schulz-Merkel, zweifelt das alte Gutachten an: „Schwer nachvollziehbar, wie jemand, der sich so stark betrinkt, nur wegen einer Fahrlässigkeit verurteilt wird. Man wird nicht von jetzt auf gleich berauscht, sondern man muss dazu etwas trinken.“ Niclas H. hatte vor der Todesfahrt noch das Ende einer Polizeikontrolle abgewartet, kurvte auf einem Parkplatz herum und fuhr mehrere Kilometer.

Theresa Stahl stirbt bei Unfall: Anwalt eines Mitfahrers beklagt „mediale Kampagne“

Am Mittwoch standen neben Niclas H. auch seine drei Mitfahrer vor Gericht, die keine Erste Hilfe geleistet hatten. Ihre Verteidiger erklärten zunächst, ihre Mandanten würden nicht noch mal aussagen. Der Vorsitzende Richter Reinhold Emmert warnte jedoch, dies würde „einen katastrophalen Eindruck“ machen. Niclas H.s Verteidiger Hans-Jochen Schrepfer sowie Peter Auffermann, Anwalt eines der weiteren Angeklagten, beklagten sich über Beschimpfungen im Internet und dass der Angeklagte einer „medialen Kampagne“ ausgesetzt sei. Dann sagten die drei Mitfahrer aus, machten aber wegen des Alkoholkonsums Filmrisse geltend. Einer sagte, er habe drei Liter Wein getrunken.

Der Freund des Opfers, der an jenem Tag Geburtstag hatte, sagte auch aus: „Für mich war es das Schlimmste, was mir jemals passiert ist.“ Er leide seither unter einer posttraumatischen Belastungsstörung. Im Mittelpunkt der weiteren Verhandlung am 24. September stehen zwei Gutachten über die Schuldfähigkeit des Hauptangeklagten: Eines des Gutachters vom Oktober 2019 und eines des Psychiaters Hans-Ludwig Kröber von der Berliner Charité, der in den Verfahren Peggy Knobloch, Gustl Mollath oder Jörg Kachelmann zu Rate gezogen wurde.

Bei einem Unglück in Südtirol wurden gleich sieben junge Deutsche aus dem Leben gerissen. Der Unfallverursacher wartet in einem Kloster auf die Anklage. Ein tragisches Unglück ereignete sich auch in einer Novembernacht 2019 in München: Ein Schüler wird von einem Raser überfahren, Nun wird Anklage erhoben.

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Rubriklistenbild: © Monika Skolimowska/dpa

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