Zehn Jahre ist's her

Als wir Bayern Papst wurden

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Immer nah an Papst Benedikt: Sekretär Georg Gänswein.

München - Vor zehn Jahren wurde Kardinal Joseph Ratzinger zu Papst Benedikt XVI. In der tz erinnert sich sein Sekretär Georg Gänswein.

Es ist 18.44 Uhr am 19. April 2005. 100 000 Menschen blicken auf dem Petersplatz gebannt auf die Loggia des Domes. Millionen in aller Welt sitzen vor dem Fernsehschirm. Vor der Tür der Sixtinischen Kapelle, in der sich die Kardinäle zur Wahl versammelt haben, steht Georg Gänswein, der Sekretär von Kardinal Joseph Ratzinger. Ihm schlägt das Herz bis zum Hals. Er erinnert sich an den Tag, als sei es gestern gewesen.

Als Sekretär des Kardinaldekans, der Ratzinger damals war, darf ihn Gänswein ins streng geheime Konklave begleiten, aber nur bis zur Tür. Es ist der zweite Konklavetag. Der erste Wahlgang an diesem Dienstag ist ohne Ergebnis verlaufen. Nach dem Mittagessen im Haus Santa Martha und einer kurzen Pause geht Ratzinger zu Fuß zurück. Er bittet Gänswein, ihn zu begleiten. „Ich hatte den Eindruck, ihm schwante etwas“, sagt er nun im Gespräch mit dem Münchner Merkur.

Am frühen Abend steigt weißer Rauch aus dem Kamin der Sixtina. Dann tritt Kardinalprotodiakon Jorge Arturo Medina Estevez auf die Loggia des Petersdomes und verkündet „Habemus Papam“ – „Wir haben einen Papst“. Er macht eine kurze Pause, dann fährt er fort: „Eminentissimum ac Reverendissimum Dominum, Dominum Josephum Sanctae Romanae Ecclesia Cardinalem Ratzinger.“

Da war es heraus – der Oberbayer, der frühere Münchner Kardinal, ist zum Papst gewählt worden. Auf dem Petersplatz jubeln die Gläubigen „Benedetto, Benedetto“, nachdem sein Papstname bekannt wird.

Erst nachdem die Kardinäle dem neuen Papst den Gehorsam versprochen haben, sieht Gänswein seinen Chef wieder. „Er hat ja weiße Haare und dazu das weiße Gewand des Papstes. Es war alles weiß, einschließlich der Gesichtsfarbe“, beschreibt Gänswein den ersten Moment. Tausend Gedanken schießen ihm durch den Kopf. „Es war ein Gemisch aus großer Freude, aber auch großer Sorge, weil Kardinal Ratzinger ja schon 78 Jahre alt war.“ Gänswein weiß, dass sein Chef Papst Johannes Paul II. mehrfach gebeten hatte, ihn in den Ruhestand gehen zu lassen. „Giovanni Paolo hat es nicht getan – und nun geht es noch eine Stufe rauf.“

Die Begeisterung über den deutschen Papst überrascht den Pontifex. „Es war eine schöne Erfahrung, dass in der Heimat echte Freude über die Wahl herrscht“, sagte Gänswein. Schließlich galt Ratzinger in seiner Zeit als strenger Glaubenspräfekt. Jetzt rollen Sonderzüge mit bayerischen Pilgern in die Ewige Stadt, Blaskapellen sind auf dem Petersplatz zu hören. Der Weltjugendtag im August 2005 in Köln wird zu einem Benedikt-Festival. Der Heimatbesuch Ratzingers vom 9. bis 14. September 2006 ist ein riesiges Fest. Unvergessen die Feier an der Mariensäule in München am 9. September, der Gottesdienst mit 250 000 Gläubigen auf dem Messegelände.

Inzwischen lebt Benedikt XVI. im Kloster Mater Ecclesiae im Vatikan. Er geht spazieren, mithilfe eines Rollators. Er liest viel, spielt wieder mehr Klavier. „Wenn er abends noch ein wenig in die Tasten greift, dann war es ein guter Tag“, weiß Gänswein. „Sein Kopf funktioniert bestens, sein Gedächtnis ist ausgezeichnet.“

Den 10. Jahrestag seiner Papstwahl wird Benedikt in aller Ruhe verbringen. Mit seinem Bruder, den ihn versorgenden Ordensschwestern und seinem Sekretär. Schaut Franziskus vorbei? „Er wird sich selbstverständlich in irgendeiner Form rühren. Den Tag wird er nicht so vorbeigehen lassen.“

Claudia Möllers

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