Jugendlicher im Zug-Wrack eingeklemmt

Notarzt kämpfte drei Stunden um das Leben eines 17-Jährigen

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Die Rettungskräfte waren in Bad Aibling stundenlang im Einsatz. 

Bad Aibling - Notarzt Michael Riffelmacher eilte zum Einsatz, nachdem bei Bad Aibling die beiden Züge kollidiert waren. Der Notarzt erzählt von den schrecklichen Bildern - und den drei dramatischen Stunden Kampf um das Leben eines Jugendlichen.

Er sah nur aschblonde Haare und ein völlig blutverschmiertes, schmerzverzerrtes Gesicht. Sein Handrücken blickte noch aus einem chaotischen Gewirr von Metall, Blut und Plastik. „Er schrie in Panik, denn er war komplett eingeklemmt. Angst und Schmerzen müssen ihn fast aufgefressen haben“, sagt Dr. Michael Riffelmacher dem Oberbayerischen Volksblatt. Der Mediziner leistete einem 17-jährigen Schwerverletzten drei Stunden Hilfe, bis er aus dem Unglückszug geborgen werden konnte.

Riffelmacher war als Abschnittsleiter beim Zugunglück. „Die Situation war gespenstisch“, so der Arzt, der seit 30 Jahren als Notarzt unterwegs ist. Doch ein derartiges Grauen habe er noch nie gesehen. Im Zug hat er drei Verunglückte betreut. Sie waren alle schwer verletzt. „Doch der junge Mann, dessen Vornamen ich gar nicht weiß, schien am schlimmsten dran zu sein. Ich brauchte dringend einen Zugang, um ihm Schmerzmittel und Medikamente zu verabreichen.“ Deshalb mussten Feuerwehrler mit schwerem Gerät kommen. Glücklicherweise konnte bald die Hand freigelegt werden, und Riffelmacher legte die Infusionsnadel. „In dieser Zeit sprach ich unentwegt auf den jungen Mann ein. Er durfte nicht wegkippen und sich nicht aufgeben.“ Und er durfte vor allem nicht seine Situation realistisch wahrnehmen, denn über ihm lag ein Toter.

Irgendwann habe er zu Riffelmacher gesagt: „Ich will nicht mehr leben, lass mich einfach sterben.“ Aber da sei er bei dem Anästhesie-Chefarzt der Schön-Klinik Harthausen an die falsche Adresse geraten. „Hier wird nicht gestorben“, habe er ihn angeherrscht.

Während der ganzen drei Stunden, die der 17-Jährige im Zug eingeklemmt war, habe sich auch eine Bundespolizistin rührend um ihn gekümmert. „Von ihr habe ich nur den Namen Jasmin behalten. Sie hat ihn ständig beruhigt und ihm versichert, dass sie nicht von seiner Seite weichen wird. Das tat sie auch nicht.“ Denn Riffelmacher hatte sich um zwei weitere junge Menschen zu kümmern, einen etwa 20-Jährigen und einen Mann, der etwa Mitte 30 ist. Nach drei Stunden wurde der 17-Jährige mit den aschblonden Haaren als letzter der Verunglückten geborgen. „Es war extrem schwierig, ihn herauszuschneiden. Gleichzeitig mussten wir ihn überwachen, damit er nicht noch schlimmer verletzt wird.“

Doch es ging alles gut. „Und natürlich habe ich mich am Mittwoch gleich im Krankenhaus erkundigt, wie es ihm geht. Er scheint über dem Berg zu sein. Das hilft auch mir. Denn auch ich muss diese Schreie, diese verzerrten Gesichter und diese unglaublichen Bilder aus dem Kopf bekommen.“

Sigrid Knothe

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