Ermittlungen wegen fahrlässiger Tötung

Fahrdienstleiter ist schuld - was geschah im Stellwerk?

Bad Aibling - Nach Erkenntnissen der Ermittler gab der zuständige Fahrdienstleiter im Stellwerk in Bad Aibling ein Sondersignal - und verursachte somit das Zugunglück.

Über die Unglücksursache von Bad Aibling war reichlich spekuliert worden. Doch als der Traunsteiner Leitende Oberstaatsanwalt Wolfgang Giese am Dienstag das vermutete menschliche Versagen bestätigte, klang es immer noch unwirklich. Giese: „Es wurde ein Ermittlungsverfahren gegen den Fahrdienstleiter eingeleitet.“ Und zwar u. a. wegen fahrlässiger Tötung. Das Verfahren läuft bereits seit dem Tag des Unglücks am Faschingsdienstag. Jener Katas­trophe, die elf Menschen das Leben kostete, bei der 24 weitere schwer und 61 leicht verletzt wurden. Giese über den Fahrdienstleiter: „Hätte er sich regelgemäß, also pflichtgerecht, verhalten, wäre es nicht zum Zusammenstoß gekommen.“ Der Fahrdienstleiter hatte sich nach anfänglicher Aussageverweigerung im Beisein seiner Anwälte ausführlich geäußert.

Nach Erkenntnissen der Ermittler hatte der 39-jährige verheiratete Mann ein Sondersignal gegeben. Damit schickte er die zwei Meridian-Züge auf der eingleisigen Strecke zwischen Kolbermoor und Bad Aibling auf Kollisionskurs. Bei dem Signal, dessen Bedeutung die Ermittler nicht spezifizierten, müsste es sich um das Zusatzsignal Zs1 handeln. Das hebt das Hauptsignal Halt! (Hp0) auf und neutralisiert die Punktförmige Zugbeeinflussung (PZB). Diese hätte den Meridian gestoppt.

Ermittler an der Kabine des Fahrdienstleiter-Stellwerks in Bad Aibling.

Der Fahrdienstleiter befindet sich derzeit an einem geheimen Ort, für eine Untersuchungshaft sehen die Ermittler keine Veranlassung. „Man muss nicht davon ausgehen, dass hier ein Haftgrund vorliegt“, sagte Giese. Es gehe um eine fahrlässige Tat, nicht um eine vorsätzliche. Und um einen Strafrahmen von bis zu fünf Jahren. Oberstaatsanwalt Jürgen Branz, der die Ermittlungen führt, sagte über den Beschuldigten: „Ihm geht’s nicht gut. Was wir haben, ist ein furchtbares Einzelversagen.“

Die Ermittler sind indes noch lange nicht fertig mit der Arbeit. Unterlagen wie das Zugmeldebuch müssen weiter gesichtet werden, auch die Aufzeichnungen im Stellwerk. Hinzu kommen Funksprüche, Aufnahmen von Kameras innerhalb der Meridian-Züge. Das Ganze nimmt die Beamten mit. „Wir sind auch nur Menschen, keine Maschinen“, sagte Polizeipräsident Robert Kopp vom Präsidium Oberbayern Süd.

Als er seinen Fehler bemerkte, hatte der Fahrdienstleiter noch einen Notruf abgesetzt. Aber der ging laut Oberstaatsanwalt Branz „ins Leere“. Insgesamt waren es zwei Notrufe. Der Beschuldigte war völlig nüchtern und hatte seinen Dienst pünktlich um fünf Uhr morgens angetreten. Doch weshalb nur entschied er sich knapp zwei Stunden später, dieses verhängnisvolle Sondersignal zu setzen?

Alle Entwicklungen zur Zugkatastrophe im News-Ticker.

Reparaturen noch bis zum Wochenende

Bauarbeiter und schweres Gerät sind derzeit an der Unglücksstelle rund um die Uhr im Einsatz, um die eingleisige Strecke wieder herzustellen. 120 Meter Gleisanlage müssen repariert, etwa 180 Meter Schwellen ausgetauscht und mehrere Tonnen Schotter verarbeitet werden. Danach kann am heutigen Mittwoch der 160-Tonnen-Kran der Bahn den immer noch neben dem Gleis stehenden Zugteil auf einen Güterwagen heben, damit dieser abtransportiert werden kann. Anschließend soll die Oberleitung wieder montiert werden. Die Mangfalltalbahn zwischen Rosenheim und Holzkirchen bleibt voraussichtlich bis zum Wochenende gesperrt. Berufspendler und Schüler müssen so lange auf Omnibusse umsteigen und längere Fahrzeiten in Kauf nehmen. Nachdem bereits am Sonntag erste Versuchsfahrten auf der Unfallstrecke stattfanden, soll nach Angaben des Polizeipräsidiums Oberbayern auch noch eine Simulationsfahrt zweier entgegenkommender Züge stattfinden. So soll das Entstehen des Unfalls besser nachvollziehbar sein.

mc

Rubriklistenbild: © dpa

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