Nach Zugunglück von Bad Aibling

BOB-Chef fordert mehr Überholstellen im Oberland

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Bernd Rosenbusch, Chef der BOB.

Holzkirchen – Mehr Überholstellen im Oberland - das fordert BOB-Chef Bernd Rosenbusch im Interview mit dem "Münchner Merkur". Außerdem berichtet er über Ärger mit Trophäenjägern.

Als das Zugunglück geschah, hatte BOB-Chef Bernd Rosenbusch, 42, gerade Urlaub. Er wurde gegen 7 Uhr in Kärnten angerufen. Noch bevor er ins Auto stieg, informierte er die Mitarbeiter und schrieb die erste Presseinformation. Als er an der Unglücksstelle eintraf, so gegen Mittag, ging der Rettungseinsatz zu Ende, aber die Bergung der Züge lief auf Hochtouren.

Wenn Sie an das Unglück zurückdenken, was kommt Ihnen in den Sinn?

Ganz klar, es war ein Riesenschock. Als ich ankam, sah ich die verkeilten Züge. Diese geballte Tragik, diese Emotionen – das kann man nicht verdrängen. Aber ich denke, wir haben insgesamt professionell reagiert. Ich habe es an mir selbst gemerkt: Die Tage nach dem Unglück waren sehr anstrengend, aber man hat es dadurch auch ein Stück weit verarbeitet. Das lag auch an den vielen Helfern – Polizei, Feuerwehr, THW und andere. Sie waren unersetzlich. Wir haben uns bei allen bedankt, haben auch gespendet und werden uns auch finanziell an dem Helferfest im April beteiligen. Sie haben wirklich Außerordentliches geleistet.

Gab es auch Situationen, bei denen Sie im Nachhinein sagen, das hätte besser laufen können?

Ja, die gab es. Wir konnten zwei bis drei Tage lang nicht Kontakt mit den Angehörigen von Reisenden aufnehmen, die beim Unglück verletzt oder gar getötet worden waren. Wir bekamen zunächst die Daten nicht.

Zugunglück Bad Aibling: BOB-Chef erzählt von unliebsamen Vorkommnissen

Warum?

Datenschutz. Wir haben Verständnis dafür. Aber das muss schneller gehen, denke ich. Die Frage ist, ob die Staatsanwaltschaft in solchen Fällen dem betroffenen Verkehrsunternehmen alle verfügbaren Daten geben sollte. Laut EU-Recht müssen wir ohnehin innerhalb von zwei Wochen Kontakt aufnehmen. Am Donnerstag sind wir auf gut Glück in die Krankenhäuser gefahren, haben dort auch Verletzte angetroffen. Am Freitag erst bekamen wir eine Liste mit den Daten der Angehörigen. Dann erst konnten wir Psychologen anbieten und in einem Schreiben informieren, wie es auch versicherungsrechtlich weitergeht. Niemand sollte das Gefühl haben: Da kümmert sich keiner. Ich glaube, das haben wir erreicht.

Politiker beraten über Zugunglück in Bayern

Der BOB-Chef erzählt von weiteren unliebsamen Vorkommnissen. „Wir hatten Leute, die in Rosenheim in Container eingestiegen sind und sich Metallteile der Unglückszüge sichern wollten.“ Rosenbusch nennt das „absurd und traurig“. Ein Sicherheitsdienst hat sie festgenommen und der Polizei übergeben. In einem weiteren Fall sind Leute in Tarnanzügen an die Unfallstelle und die Unfallzüge herangerobbt.

Herr Rosenbusch, Sie haben mit Angehörigen geredet, was sicher nicht leicht ist. Sind Sie für solche Fälle psychologisch geschult?

Nein, das sind wir nicht. Wir konnten über einen Gesundheits-Dienstleister auf einen großen Stamm von Psychologen, geschult für Unfälle aller Art, zurückgreifen und Angehörigen so Hilfe anbieten. Im Grunde stellten sie immer eine Frage: Warum? Warum ist das passiert?

Das haben Sie sich sicher auch gefragt?

Schon als ich auf dem Weg nach Bad Aibling die Namen der Lokführer hörte, wusste ich eigentlich, dass es an ihnen nicht gelegen haben kann. Das waren Super-Lokführer, einer war selber Ausbilder. Ich kannte sie auch persönlich. Zwei der Toten waren am Unglückstag nicht im Führerstand eingesetzt, sondern sie waren auf dem Weg zu einer Fortbildung nach Lenggries, sie sollten eine neue Baureihe lernen, den Talent, von dem die Oberlandbahn neun Züge hat. Um acht Uhr sollten sie im Werk sein. Reisende und Mitarbeiter zu verlieren, ist für uns unglaublich tragisch und traurig.

Wie lief die Wiederaufnahme des Betriebs?

Trotz der Umstände gut. Wir hatten am Samstag in Holzkirchen und Rosenheim je zwei Psychologen an den Bahnsteigen stehen. Es kamen mehr allgemeine Anfragen, große Besorgnis hatten die Reisenden wohl nicht. Auch am Montag, als die Schüler wieder fuhren, hatten wir Psychologen engagiert. Aber diese wurden gar nicht benötigt. Die Schulen haben das selbst sehr gut aufgearbeitet. Die Zahl der Fahrgäste ist, soweit wir sehen, nach dem Unglück nicht zurückgegangen.

Zugunglück Bad Aibling: Mitarbeiter wollten am Unglückstag nicht mehr fahren

Wie reagierten Ihre Mitarbeiter?

Es haben sich Mitarbeiter gemeldet, die am Unglückstag nicht mehr fahren wollten, was ich verstehen kann. Mittlerweile fahren alle wieder. Jeder Lokführer, der das erste Mal an der Unfallstelle vorbeifuhr, sollte einen zweiten Kollegen an Bord haben. Das war unsere Vorgabe. Fast alle haben das begrüßt. Bis Mitte März werden alle 89 Meridian-Lokführer einmal im Mangfalltal gefahren sein.

Vom Büro Rosenbuschs blickt man auf den Holzkirchner Bahnhof. Es schneit. BOB- und Meridian-Züge treffen ein. Rosenbusch erzählt, dass nicht jeder Lokführer alles fahren kann. Für jeden Typ benötigt man eine spezielle Baureihen-Kenntnis. Der BOB-Chef sucht derzeit nach Ersatz für die zwei zerstörten Züge. Ein Desiro der Mittelrhein-Bahn ist im Einsatz, zwei Züge sollen von einer Schwestergesellschaft aus Sachsen-Anhalt ausgeliehen werden. Ob die Züge selbst ersetzt werden können? Unklar, sagt der BOB-Chef. Eventuell werden sie gar nicht mehr hergestellt.

Herr Rosenbusch, das Unglück passierte auf einer eingleisigen Strecke. Wie ist das zu bewerten?

Im Grunde ist uns Zweigleisigkeit natürlich lieber. Das ist ein Garant für höhere Pünktlichkeit. Das ist zum Beispiel bei unserem Tochterunternehmen Bayerische Regiobahn ein großes Thema – aber nicht nur dort. Wir als Eisenbahn-Betreiber hätten gerne mehr Zweigleisigkeit. Mehr Überholungs- und Begegnungsmöglichkeiten wären wichtig. Auch klar: Das kostet natürlich Geld.

Hat die Politik da etwas versäumt, hat sie die Bahn stiefmütterlich behandelt?

Die Bahn hat seit der Regionalisierung, seit 1998, als die BOB die erste Strecke im Oberland gewann, einen echten Boom erlebt. Die Fahrgastzahlen haben sich verdoppelt, teilweise verdreifacht. Damit konnte man anfangs nicht rechnen. Es ist an der Zeit, dass man da auch bei der Infrastruktur nachlegt. Wir müssen auch dringend mehr Begegnungsmöglichkeiten im Oberland schaffen und den Takt verbessern.

Was heißt das?

Das Oberland-Netz muss nicht durchgehend zweigleisig ausgebaut werden, wohl aber brauchen wir mehr Überholmöglichkeiten.

Wo zum Beispiel?

Wir arbeiten mit DB Netz an einer Studie, in der wir die Stellen genau aufführen werden. Unser Ziel ist ein sauberer Halbstunden-Takt. Wenn die Studie fertig ist, dann haben wir das konkret: Es gibt Möglichkeiten, hier deutliche Verbesserungen zu erzielen.

Und im Mangfalltal?

Rosenheim-Holzkirchen generell zweigleisig auszubauen, wird schwierig. Aber im Rosenheimer Bereich, ab Kolbermoor oder Bad Aibling etwa, ist eine Zweigleisigkeit sinnvoll, weil wir sehr viel Schülerverkehr und insgesamt einen sehr dichten Takt haben. Ehrlicherweise muss man sagen, dass das sehr viel Geld kostet.

Zugunglück Bad Aibling: Abwarten, was bei den Ermittlungen herauskommt

Was wissen Sie über die Unglücksursachen?

Wir müssen abwarten, was bei den Ermittlungen herauskommt. Der Bad Aiblinger Fahrdienstleiter scheint mehrere Fehler gemacht zu haben und hat dann die Notrufe abgesetzt, die nicht ankamen. So hat es die Staatsanwaltschaft erklärt. Alles andere ist Spekulation. Ganz klar ist: Wir haben vollstes Vertrauen zu den jetzt eingesetzten Fahrdienstleitern, auch zu denjenigen, die in Bad Aibling arbeiten. Als wir mit dem Betrieb wieder begannen, habe ich den jetzt diensthabenden Fahrdienstleiter vor Ort besucht.

Waren Sie auch mit dem Fahrdienstleiter des Unglückstags in Kontakt?

Nein. Aber ich möchte, dass er weiß: Wenn er Gesprächsbedarf haben sollte, stehen wir bereit.

Es hieß, es gebe auf der Strecke ein Funkloch. Was wissen Sie darüber?

Wir haben eine Anfrage an DB Netz gestellt, dass wir dieses Thema gerne geklärt hätten. Das ist schon eine relevante Frage. Dabei geht es nicht um normale Handys, sondern um den in den Fahrzeugen verbauten Zugfunk GSM-R. Dieser ist unabhängig vom normalen Handybetrieb. Dass es bei GSM-R Probleme gegeben hat, hatte ich vorher nie gehört.

Wäre das Kollisionswarnsystem TCAS eine Möglichkeit, um solche Unglücke zu verhindern?

Wir machen uns natürlich Gedanken über die Sicherheit. Wir überlegen intern, was verbessert werden kann und werden reagieren. Da gibt es künftig wohl verschiedene Softwaremöglichkeiten. TCAS wird derzeit bei der Harzer Schmalspurbahn eingebaut, mögliche Ergebnisse muss man abwarten. Für uns ist wichtig, was im finalen Bericht der Staatsanwaltschaft steht und wie die Eisenbahn insgesamt dann reagiert, wir fahren ja nicht alleine auf dem Netz.

Herr Rosenbusch, wie wird man langfristig mit dem Unglück umgehen?

Es hat uns nie jemand gesagt: Ihr habt Fehler gemacht. Die Kunden differenzieren da. Aber sicher, das Unglück trifft die gesamte Eisenbahn. Bad Aibling wird immer ein Begriff bleiben. Wir wollen nun durch gute Arbeit Vertrauen in die Eisenbahn zurückbringen.

Das Gespräch führte Dirk Walter.

Bilder: Feuerwehr-Großaufgebot im Bad Aiblinger Stadtrat

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