Zugunglück bei Bad Aibling

Passagier: "Alle wollten nur weg - einfach weg!"

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Bei dem Zugunglück starben elf Menschen.

München - Hans S. war an Bord eines Unglückszuges, als es zur Kollision kam. So erlebte der 63-Jährige die Zugkatastrophe von Bad Aibling.

Passagier Hans S. (63) hat den Horror-Crash in Bad Aibling nahezu ohne Kratzer überlebt. Die schrecklichen Bilder aus dem Inneren des Zuges wird er aber bis an sein Lebensende nicht vergessen. Am Mittwoch, einen Tag nach der Katastrophe, bei der zehn Männer ihr Leben verloren, spricht S. in die TV-Kameras und erzählt seine Geschichte dem Fernsehsender RTL. Ein fürchterliches Detail wurde erst jetzt bekannt: Bis zum Eintreffen der Rettungskräfte war Hans S. an der Seite eines schwer verletzten Mannes. Für ihn kam am Ende jede Hilfe zu spät.

Sein Blick ist starr, die Gedanken scheinen sich immer wieder in den dramatischen Minuten nach dem Zusammenprall der beiden Züge zu verlieren. Hans S. wirkt dennoch gefasst, realisiert nach und nach, welch großes Glück er am Faschingsdienstag hatte. „Ja, ich bin einer derjenigen, die aus dem Ganzen lebend rausgekommen sind.“ Hans S. hat überlebt, wird auch keine dauerhaften Verletzungen davontragen. Und dennoch hat der 9. Februar 2016 ewige Spuren hinterlassen.

Der Altenpfleger war an diesem Dienstag auf dem Weg zur Arbeit. Wie fast jeden Morgen fährt er die Strecke von Bad Aibling nach Rosenheim. Normalerweise setzt er sich immer in den ersten Waggon. Doch dieses Mal entscheidet er sich anders. S. erinnert sich: „Der Zug war noch nicht da. Er hatte Verspätung, da bin ich einfach ein Stück weiter Richtung Mitte des Bahnsteigs gegangen. Dort bin ich dann auch eingestiegen.“ So grotesk es klingt: Die Verspätung, die vermutlich später zehn Männer das Leben kostete, hat Hans S. wohl vor dem Tod bewahrt.

Der Bad Aiblinger saß erst vier Minuten im Zug. „Dann hörte ich ein lautes Quietschen. Das waren mehrere Sekunden.“ S. wurde in den Sitz gedrückt, er saß entgegen der Fahrtrichtung. „Dann hat es geknallt.“ In der Dunkelheit versuchten die anderen Fahrgäste, mit ihren Handys die Waggons auszuleuchten. Es herrschte Chaos, Sitze waren aus ihren Verankerungen gerissen, überall waren panische Schreie zu hören. S.: „Alle wollten nur weg – einfach nur weg!“ Als der 63-Jährige bemerkte, dass er unverletzt war, kümmerte er sich um andere Fahrgäste. „Ich dachte mir: Okay, Hans, jetzt musst du helfen. Die Leute brauchen dich.“ S. kämpfte sich durch die verwüsteten Gänge. Dabei traf er auf einen am Boden liegenden Mann. „Ich habe ihn angesprochen und gefragt, ob ihm etwas weh tut. Aber er konnte nicht mehr sprechen.“ Also tat der Altenpfleger sein Möglichstes. „Ich habe ihn seitlich gelagert und versucht, seinen Kopf so gut es geht abzupolstern.“ Als die ersten Rettungskräfte am Unglücksort eintrafen, hat auch Hans S. den Zug verlassen.

Erst später erfuhr er, dass der Mann gestorben war – zu schwer waren seine Verletzungen durch die ungeheuerliche Kollision der Meridian-Züge. S. werden die Bilder noch lange verfolgen: „Ich bin am Grübeln, wie ich in Zukunft meinen Arbeitsweg bewältige.“ 

Johannes Heininger

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