Politiker vor Ort

Der Unglücksort am Tag nach der Zug-Katastrophe

Bad Aibling - Das Bahngleis am Mangfallkanal geht als trauriges Kapitel in die deutsche Verkehrsgeschichte ein. Am Tag nach dem Unglück haben die Ermittler ihre Arbeit fortgesetzt. Und die Politik hat sich mit Ministerpräsident Seehofer an der Spitze ein Bild von der Katastrophe gemacht.

Entsetzen und tiefe Trauer am Tag danach – Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer (66, CSU) sprach am Mittwoch von einer „furchtbaren Tragödie für ganz Bayern“. „Bayern trauert“, sagte er bei einer Pressekonferenz im Rathaus von Bad Aibling. Er sprach den Angehörigen der Opfer und der Bevölkerung in der Region seine Anteilnahme und Verbundenheit aus. Er habe am Unfallort gebetet. „Wir beten und hoffen, dass die Verletzten ihre Verletzungen überwinden“, so Seehofer, der sich nach dem Besuch der Unfallstelle tief betroffen zeigte. „Man ist ganz verstört, wenn man diese Bilder noch mal sieht, diese Knäuel.“ Die Ermittlungen müssten nun zeigen, welche Konsequenzen gezogen werden müssen, „um solche Tragödien noch ein Stück unwahrscheinlicher zu machen“. 

Neben dem bayerischen Ministerpräsidenten waren auch Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt und die bayerischen Minister Joachim Herrmann und Ilse Aigner (alle CSU) gekommen. Ebenso Markus Rinderspacher und Maria Noichl von der SPD, Claudia Roth und Margarete Bause von den Grünen und zahlreiche andere Vertreter der Politik. Aber auch Bahnchef Rüdiger Grube besuchte am Mittwoch die Unglücksstelle. „Wir alle bei der Deutschen Bahn sind tief bestürzt und erschüttert über den furchtbaren Unfall, bei dem zehn Menschen ihr Leben verloren haben und weitere zum Teil auch schwer verletzt worden sind. Unsere Gedanken und unser Mitgefühl sind bei den Verletzten und den Angehörigen und Familien der Opfer.“

Auch Münchens OB Dieter Reiter (SPD) drückte am Mittwoch in München seine Trauer aus: „Das sind schreckliche Tage für alle, die von diesem tragischen Unglück betroffen sind. Wir können nur versuchen zu ermessen, was sie in diesen Stunden durchmachen. Mein tiefes Mitgefühl gilt den Opfern, ihren Familien und Freunden. Ich wünsche ihnen viel Kraft und Unterstützung.“

+++ Alle neuen Informationen rund um das Zugunglück in Bad Aibling finden Sie im News-Ticker +++

Die Ermittlungen: Wer ist schuld am Unfall?

Hat die Technik versagt? Oder unterlief jemandem ein schlimmer Fehler? Auch am Mittwoch konnten die Ermittler diese Fragen nicht klären. Mittlerweile arbeitet eine 50-köpfige Sonderkommission an dem Fall – dennoch machen immer mehr Spekulationen über die Ursache die Runde.

Polizei und Staatsanwaltschaft sagen zu Anfragen derzeit nichts, verweisen auf laufende Ermittlungen. Nach ersten Vernehmungen ergibt sich allerdings wohl kein dringender Verdacht gegen einen Fahrdienstleiter. „Wir wehren uns vehement gegen dieses Gerücht“, sagt ein Polizeisprecher. Zwar könne ein Fehler oder Vergehen des Diensthabenden nicht ausgeschlossen werden, die Ermittlungen stünden aber noch am Anfang. Doch sei der Fahrdienstleiter bereits unmittelbar nach dem Unglück befragt worden. Daraus ergebe sich „noch kein dringender Tatverdacht“.

Trotzdem durchsuchten Polizisten am Mittwoch die Räume am Bahnhof Bad Aibling, in denen sich üblicherweise die Fahrdienstleiter aufhalten. Zuvor hatte es Medienberichte gegeben, wonach der Fahrdienstleiter im Stellwerk den beiden aufeinander zufahrenden Zügen am Dienstagmorgen gleichzeitig die Einfahrt in den Streckenabschnitt erlaubt haben soll.

Auch aus der Politik gab es in dieser Hinsicht noch keine nähere Einschätzung – weder vom bayerischen Innenminister Joachim Herrmann (59, CSU) noch von Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (45, CSU). Die Auswertung einer Blackbox war unauffällig, offenbar gibt es keinen Hinweis auf ein Fehlverhalten des Lokführers. Die zweite Blackbox wird noch ausgewertet, die dritte wurde noch nicht gefunden.

Die Bergung: Spezialkräne sind eingetroffen

Die Bergung der Unglückszüge von Bad Aibling wird nach Einschätzung der Rettungskräfte noch mindestens zwei Tage andauern.

Das Vorhaben, die total demolierten Züge von der Unfallstelle abzutransportieren, ist höchst kompliziert. Zum einen sind die Züge völlig ineinander verkeilt, zum anderen kann die Unfallstelle nicht von der Seite angefahren werden, da sie sich zwischen der Mangfall auf der einen und einem sumpfigen Waldgebiet auf der anderen Seite befindet. Man kann nicht mit schwerem Gerät auf der Straße heranfahren.

Darum beorderte die Bahn am Mittwoch zwei ihrer drei Bergezüge an die Unfallstelle. Einer ist normalerweise in Leipzig, einer in Fulda stationiert. Am Vormittag trafen die Züge ein. Der Bergungskran aus Fulda kann eine Last von 160 Tonnen bei einer Ausladung von 7,5 Metern heben. Bei 14,5 Metern sind es immer noch 60 Tonnen. Fünf Mann bedienen das schwere Gerät, das sogar eine eigene Werkstatt an Bord hat. Ein weiterer Kran aus Leipzig kann 75 Tonnen heben und stand auf Abruf bereit.

Die heruntergerissenen Oberleitungen der elektrifizierten Bahnstrecke wurden auf die Seite geräumt. Anschließend begannen Mitarbeiter des Technischen Hilfswerks (THW) mit schwerem Schneidegerät, die Triebköpfe auseinanderzuschneiden, die Züge voneinander zu trennen und die Teile nach Kolbermoor und Bad Aibling zu transportieren.

Gegen Mittag traf einer der beiden Bergekräne am Unfallort ein. Das Unterfangen ist schwierig. Am Nachmittag kehrten die Bergezüge in den Bahnhof von Kolbermoor zurück.

Markus Christandl, Johannes Welte

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Rubriklistenbild: © dpa

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