Trauma-Experte im Interview

Zugunglück bei Bad Aibling: Das rät der Psychologe

 
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Neun Menschen sind beim Zugunglück bei Bad Aibling gestorben. Etwa 100 wurden verletzt.
 
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Psychologe Professor Florian Holsboer.

München - Die Bilder brennen sich ins Gedächtnis: Zerstörte Züge, Verletzte, Tote. Im Interview erklärt der Psychologe Professor Florian Holsboer, wie Zugpassagiere und Angehörige von Toten am Besten mit den Erlebnissen umgehen und warum sie sich Hilfe holen sollten. 

Ein Zugunglück ist ein Schock für Passagiere und Angehörige. Was sind die psychischen Folgen? 

Ich vermute, dass eine Vielzahl von Menschen traumatisiert wurde. Die Menschen, die im Zug waren, und körperlich nicht verletzt sind, haben psychische Verletzungen. Auch Angehörigen, die Familienmitglieder oder Freunde verloren haben, haben oft ein Trauma. 

-Ist die Trauer nach einem so einem großen Unglück bei Familie und Freunden schlimmer, als bei anderen Todesfällen? 

Die Art wie es passiert ist, ist für die Angehörigen nicht so wesentlich für die Trauer. Um welches Unglück es sich handelt, ist aber wichtig bei der Frage, ob ein Trauma entsteht. Mein Eindruck ist, dass Großunglücke ein größeres Traumarisiko haben. Sie berühren die Öffentlichkeit stärker und sind andauernd überall präsent. Das wühlt die Menschen auf. 

-Wie drückt sich ein Trauma aus? 

Jeder reagiert anders, es gibt ein breites Spektrum an Reaktionen. Die einen können sich gedanklich gar nicht von dem Unglück lösen. Die anderen verdrängen es und möchten sofort wieder zur Tagesordnung übergehen. Doch so zu tun, als hätte man das Unglück nicht erlebt, geht meistens nicht gut. 

-Warum? 

Es ist wichtig, sich mit dem Ereignis auseinanderzusetzen, um langsam wieder ins Leben zurückfinden zu können. Fünf bis zehn Prozent der Beteiligten bei so einem Unglück sind gefährdet, eine dauerhafte posttraumatische Belastungsstörung zu bekommen. Je mehr man die Erlebnisse verdrängt, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit wertvolle Zeit zu verlieren, die zur Prophylaxe genutzt werden sollte. 

-Woran erkennt man eine posttraumatische Stressstörung? 

Psychologe Professor Florian Holsboer.

Die Kernmerkmale sind depressive Verstimmung, emotionale Abstumpfung und vor allem: Das Erlebnis wird immer wieder wachgerüttelt. Da reichen schon Kleinigkeiten aus. 

-Zum Beispiel? 

Zum Beispiel geht jemand spazieren und hört dabei hinter sich einen Zug fahren. Nur das Geräusch reicht aus, dass er das Ereignis wieder in allen Details erlebt. So etwas kann nicht unterdrückt werden. 

-Was kann man gegen die posttraumatische Belastungsstörung machen? 

Die Behandlung erfolgt mit Psychotherapie und Psychopharmaka. Je später man damit anfängt, desto schlechter sind die Aussichten auf Erfolg. Je früher man interveniert, um so besser ist es. Am Besten ist es, sich Hilfe zu holen, bevor die ersten Symptome auftreten. Wichtig ist es, nicht zu denken, es wird schon wieder von selbst vergehen. 

-Brauchen also alle Zugpassagiere psychologische Betreuung? 

Ja, Zugpassagiere und die Angehörigen der Toten sollen sich in jedem Fall Rat suchen und die Angebote, die ihnen gemacht werden, annehmen. Es ist wichtig, nicht nur auf die gebrochene Schulter zu achten, sondern auch auf die psychischen Verletzungen. Zur Prävention einer posttraumatischen Belastungsstörung soll man sich an Experten wenden. 

-Können auch Familie und Freunde helfen? 

Sie können Betroffene ansprechen und ihnen den Rat geben, sich Hilfe zu holen. Man kann zwar niemanden dazu zwingen, aber viele Menschen denken selbst gar nicht daran. Wichtig ist, dass man zeigt, dass der andere mit dem Problem nicht alleine ist. Auch reden hilft. Angehörige sollen aber nicht zum Familientherapeuten werden. 

-Wie geht es den Rettungskräften nach so einem Unglück? Sind sie auch belastet? 

Einsatzkräfte leiden besonders häufig unter einer posttraumatischen Belastungsstörung. Sie sehen verstümmelte Leichen und schlimme Verletzungen. Das geht nicht spurlos an ihnen vorüber. So etwas berührt jeden, auch diejenigen, die von Berufs wegen oft damit konfrontiert sind. Normalerweise kennen sich die Einsatzkräfte selbst ganz gut. Wenn sie bemerken, dass sie etwas besonders gepackt hat, holen auch sie sich Hilfe. 

Interview: Claudia Schuri

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