Zwickauer Terror-Zelle: War er Bombenlieferant?

Michael Krause trug immer rote, säurebeständige Handschuhe. Bei der dramatischen Polizeikon­trolle hatte er eine Pistole sowie aufmunitionierte Magazine dabei

Bayreuth - Im Mai 2008 hat sich ein Mann mit auffälligen roten Gummihandschuhen nach Schüssen auf Polizisten selbst hingerichtet. War er der Bombenlieferant der Zwickauer Terror-Zelle?

Ein heißer Mai-Tag im Jahr 2008. Nahe eines Bayreuther Kreisels fällt einer Polizeistreife ein Mann mit roten Handschuhen ins Auge. Als Hauptkommissar Jürgen G. und sein Kollege Alexander S. den Mann kontrollieren wollen, zieht der auf einmal eine Walther-­Polizeipistole, feuert auf die Be­amten und flieht – hinter einem Baum richtet er sich mit einem Schuss in den Kopf selbst.

Dreieinhalb Jahre später, nach der Enttarnung der Zwickauer Terror-Zelle, bekommt der Fall ungeahnte Brisanz: Nicht nur der mysteriöse Selbstmord des kontollierten Michael Krause (53) lässt die Ermittler aufhor­chen und nach Parallelen zum Suizid der beiden Neonazis Uwe Böhnhardt (34) und Uwe Mundlos (38) fragen. Vielmehr fanden sich in Krauses Rucksack 38 verschlüsselte Lagepläne zu geheimen Erddepots in Sachsen, Thüringen, Brandenburg, Bayern und Österreich. Als sie im Sommer 2009 gehoben wurden, stie­ßen die Spezialisten vom Bayeri­schen Landeskriminalamt auf ein Waffen- und Bombenlager, das die explosiven Vorräte der Zwickauer Zelle noch weit übertraf. War der aus Berlin stammen­de Krause vielleicht sogar ein Waffenlieferant für die Neonazi-Mörder? Auf tz-Anfrage bestätigt das Pol­izeipräsidium Oberfranken: „Aufgrund der neuen Erkenntnisse zu dem Personenkreis der Zwickauer Zelle wird der Fall Krause hinsichtlich der Waffen- und Sprengstofffunde nochmals überprüft.“

Wer war dieser Michael Krause? Er wurde 1955 in Berlin geboren, lernte Betonbauer, schmiss aber 1975 hin und brach alle Brücken zur Familie ab. Er lebte später in Hannover und wurde 2001 mit Verdacht auf eine psychische Störung in Hildesheim behandelt. Auch Aufenthalte in sächsischen Kliniken sind dokumentiert. 2005 hatte er in Plauen – nur 50 Kilometer von Zwickau entfernt – seinen letzten festen Wohnsitz. Hier wurde auch der Staatsschutz auf ihn aufmerksam: Weil er 5,60 Euro für die Abmeldung eines Autos zahlen sollte, schrie er „Scheiß Staat, Heil Hitler“ durch die Plauener Zulassungs­stelle.

Sein Hang zu Waffen wurde schon bei früheren Kontrollen u.a. in Kulmbach, Marktschorgast und Himmelkron festgestellt. Doch die Polizei tat ihn als Waffennarren ab. Nach der Entdeckung der Bombenver­stecke u.a. im Veldensteiner Forst bei Pegnitz kamen jedoch Zweifel an dieser These auf: „Schon damals war unsere Arbeitshypothese, dass so etwas jemand nicht allein macht“, sagt der Bayreuther Oberstaatsanwalt Ernst Schmalz. Zumal man jetzt weiß, dass beispielsweise eine blaulackierte Bombe aus Krauses Depot der im Bekennervideo des Nationalsozialistischen Unter­grunds gezeigten Nagelbombe vom Kölner Anschlag 2004 frap­pierend ähnelt. Schmalz: „Die Frage nach Ver­bindungen zur Zwickauer Zelle ist ein guter Ansatz. Ich denke mal, dass der Generalbundesanwalt das an sich ziehen wird.“ Im Frühjahr 2007, ein Jahr vor Krauses Selbstmord, endete abrupt die Mordserie. Der Serie waren seit dem Jahr 2000 neun ausländische Händler und eine Polizistin zum Opfer gefallen. Die Frage, warum nach 2007 nichts mehr passierte, zählt mit zu den zentralen Ermittlungs­komplexen.

Unterdessen geht die Verhaftungswelle im Dunstkreis des Trios weiter. Das SEK hat gestern im sächsischen Erzgebirgskreis einen 36-Jährigen wegen mutmaßlicher Unterstützung der Terrorzelle festgenommen. Matthias D. soll für den Nationalsozialistischen Untergrund Wohnungen in Zwickau angemietet haben. Die Ermittler haben damit vier mutmaßliche Unterstützer der Terrorgruppe gefasst.

tz

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