Augsburger Puppenkiste im Kino

Eine wundervolle Bescherung

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Auf einmal hebt das Bett von Ebenezer Scrooge ab – bei einem nächtlichen Flug über London erinnert er sich an seine Kindheit.

Bei „Geister der Weihnacht“ verzieht keiner eine Miene. Und doch erzählen die Figuren, die da über die Bühne der Augsburger Puppenkiste schweben, mehr als so mancher gefeierter Kinostar.

Seit 70 Jahren fertigen die Marionettenkünstler in der Augsburger Spitalgasse voller Liebe Puppen, Dekoration, Kostüme – und stupsen die Zuschauer so mit einfachen Mitteln in immer neue, fantastische Welten.

Die Vorstellungen sind das ganze Jahr über ausverkauft, besonders schön ist’s aber zur Weihnachtszeit. Wenn die Dächer der bunten Altstadthäuser mit Schnee bedeckt sind und man mit roten Wangen vom Christkindlmarkt hinüberläuft zum Haus mit dem großen roten Eingangstor. Jeder, der’s noch nicht erlebt hat, darf das gleich auf seine Vorsatzliste für das neue Jahr schreiben. Als zauberhafte Einstimmung gibt es wieder eine Aufnahme der aktuellen Weihnachtsproduktion im Kino zu sehen. Drehbuchautorin Judith Gardner hat Charles Dickens’ Weihnachtsgeschichte neu adaptiert.

Ein alter Hut? Von wegen! Mögen sie den Plot um den Geizhals Scrooge auch schon hundertfach gehört haben – dieser Inszenierung werden sich auch erwachsene Zuschauer nicht entziehen können. Wo Hollywood kostspielige VFX-Techniker engagiert, setzt die Puppenkiste auf altbewährte Tricks aus ihrer Wunderkammer. Da steigt eine echte Rauchwolke auf, wenn der erste Geist erscheint; da wird das Bett von Scrooge mit den Marionettenfäden nach oben gezogen – und schon schwebt er durch Londons Nachthimmel, unter ihm der Big Ben; und mit extraschneller Fingertechnik gelingt es den Spielern, einen winzigkleinen Nussknacker durch den rieselnden Schnee trippeln zu lassen. Special Effects in Reinform.

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Bei aller Verspieltheit vermeiden die Macher, ihr Publikum zu unterfordern. Und so ist die Inszenierung keine weichgespülte „kinderfreundliche“ Version des Klassikers, sondern ein Märchen, das – wie Märchen das schon immer taten – das Leben auch mit seinen dunklen Seiten schonungslos spiegelt. Zu Beginn lassen die Augsburger die Erzählerpuppe einen geschnitzten Buben fragen, ob es ihm denn gar nichts ausmache, wenn es ein bisschen unheimlich werde. „Nein, denn ich weiß ja: Es geht gut aus“, antwortet das fröhliche Kerlchen – an diesen Satz können sich die jungen Zuschauer in den besonders düsteren Szenen erinnern, in denen Scrooge im Traum sein eigenes Begräbnis erlebt.

Meist filmt die Kamera aus der Totalen, so fühlt es sich an, als säße man selbst im Theater. Gezoomt wird selten, etwa, um neu auftretende Figuren in den Fokus zu stellen. Das Irre: Selbst wenn wir in der Nahansicht noch besser erkennen können, dass sich kein Mund bewegt, scheinen diese kleinen Männchen zum Leben erwacht. Um Klein wie Groß zu verzaubern. Was für eine wundervolle Bescherung!

„Geister der Weihnacht“
Sprecher: Martina Gedeck, Martin Gruber
Regie: Julian Köberer und Judith Gardner
Laufzeit: 64 Minuten

Dieser Film könnte Ihnen und Ihren Kindern gefallen, wenn Sie „Als der Weihnachtsmann vom Himmel fiel“ mochten.

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