Berlinale

„My Salinger Year“: So konsensfähig wie eine Kaffeebar

Die Berlinale eröffnet denkbar unspektakulär mit der kanadischen Literaturverfilmung „My Salinger Year“.

  • Berlinale eröffnet mit „My Salinger Year“
  • Film mit Sigourney Weaver und Jungstar Margaret Qualley
  • Regisseur missversteht Salinger-Fans als eine Art sentimentalen „Club der toten Dichter“

Berlin - Welcher Job auf der Welt könnte anspruchsloser sein, als der der Sekretärin eines Autors, der grundsätzlich keine Post beantwortet? J. D. Salingers Zurückgezogenheit war sprichwörtlich, und alles, was seine langjährige Literaturagentin von ihrer Assistentin erwartete, war, dafür zu sorgen, dass es so blieb. Joanna Rakoff hieß die glückliche Bewerberin um den vielleicht ruhigsten Job im New York des Jahres 1995. Zwanzig Jahre immerhin ließ sie sich Zeit, um dann doch noch eine große Geschichte aus einer Tätigkeit zu machen, die im Wesentlichen im Kopieren von Formbriefen bestand.

„My Salinger Year“ auf der Berlinale

Unter dem Titel „My Salinger Year“ brachte sie ihre Erinnerungen erfolgreich in Romanform, der kanadische Regisseur Philippe Falardeau machte nun einen entsprechend ereignisarmen Film daraus. Dass die Berlinale ihn dennoch für ihre prunkvolle Eröffnung auswählte, ist erst einmal nichts Ungewöhnliches. Verlockend genug sind die Stars, die er jetzt auf den roten Teppich holte, darunter die legendäre Sigourney Weaver und Jungstar Margaret Qualley, unvergessen als Anhalterin „Pussycat“ im letzten Quentin-Tarantino-Film „Once Upon a Time in Hollywood“.

Und dann ist da noch eine andere, vermeintliche Qualität, die gerade dieses Festival bei seinen Eröffnungsfilmen besonderes hoch hält: Möglichst konsensfähig sollten sie auch schon in der Dieter-Kosslick-Ära sein, mit anderen Worten: unanstößig. Das ist diesmal fraglos gelungen: „My Salinger Year“ ist so konsensfähig wie eine Kaffeebar.

„My Salinger Year“ - Denkmal der literarischen Fankultur

Da die Titelfigur erwartungsgemäß kaum vorkommt – immerhin fällt die Spielzeit in die Beinahe-Wiederveröffentlichung seiner letzten Kurzgeschichte „Hapworth 16, 1924“ – setzt Philippe Falardeau auf andere Attraktionen. Da ist zunächst der Nostalgiefaktor, der sich inzwischen um das späte 20. Jahrhundert rankt. Zeitzeugen werden verständig nicken, wenn in einer Szene der erste Computer im Büro bestaunt wird: „Ich bleibe dabei, diese Geräte machen mehr Arbeit, als sie einem abnehmen“, ist sich Weavers Filmfigur sicher. Was ihre junge Assistentin später nicht daran hindern wird, die eigenen literarischen Ambitionen auf einem frühen „Macintosh“ zu verwirklichen. Es sind zustimmungsheischende „Generation Golf“-Momente für die Dabeigewesenen. Natürlich ist unverschämtes Product Placement nicht verboten, aber der Filmkunst kommt man durch sie auch nicht näher.

In ihrem autobiographischen Roman hatte Joanna Rakoff insbesondere der literarischen Fankultur ein Denkmal setzen wollen, die sich in der Steinzeit des Internets noch in leidenschaftlichen Briefen in Papierform artikulierte. Aber wäre es nicht interessant, erst einmal zu vermitteln, ob denn das Verhältnis zum Schreiben wirklich ein grundsätzlich anderes war?

Aber Falardeau missversteht die Salinger-Fans als eine Art sentimentalen „Club der toten Dichter“. Sein New York sieht nicht nur falsch aus (gedreht wurde in Montreal). Immer wieder ruft sein Film auch unfreiwillig in Erinnerung, was Holden Caulfield, der Antiheld von „Der Fänger im Roggen“ am meisten verachtete: Es wimmelt darin von „phonies“, wie immer man dieses englische Wort für die Anhänger des Spießigen und Falschen auch übersetzen möchte.

„My Salinger Year“ auf der Berlinale

Eines der besten Beispiele für dieses verachtungswürdige Wertesystem ist der „reflektierte Ruhm“, das Prahlen mit der Prominenz der anderen. Dieser dreiste Versuch eines unechten „Salinger-Films“ fördert all das zu Tage, was dieser Autor an Hollywood verachtete und bestätigt ihn noch einmal posthum in seiner Verweigerung.

Was also soll ein großes Filmfestival damit anfangen? Vorsorglich wagte man es in Berlin gar nicht erst, den Film im Wettbewerb zu zeigen, sondern deklarierte ihn als ein „Special“. Wenn man es gut meint mit dem neuen künstlerischen Leiter Carlo Chatrian, könnte man es so sehen: Auch das Unanstößige, ja das Sentimentale und vorrangig Kommerzielle hat im Kino seinen Platz.

Aber spätestens von diesem Freitag an muss die glamouröse Leinwand am Potsdamer Platz wieder auch dem Sperrigen, dem Verqueren und dem Radikalen gehören. Das heißt, einem Kino, das sich nicht darin gefällt, allen gefallen zu wollen.

Von Daniel Kothenschulte

Rubriklistenbild: © micro_scope

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