Fantasy Filmfest

Horrorkino: Kannibalismus-Drama und Rache-Western in München

Das Münchner Fantasy Filmfest startet an diesem Mittwoch mit der Leinwand-Version von Stephen Kings „Es“. Vom Kannibalismus-Drama bis zum Rache-Western - die Besucher erwartet mehr als Gänsehaut.

München - Unsere Kultur verlernt zusehends, die Verstörung zu schätzen. Wir lieben die schnell hochkochende Empörung, opfern am Altar des Götzen Nostalgie oder lassen uns in algorithmische „Wenn Sie X mochten, wird Ihnen auch Y gefallen“-Schleifen lullen. Doch Kunst, die unsere Positionen ins Wanken bringt, dringt gerade im Kino kaum noch an eine größere Öffentlichkeit.

Freilich ist auch das Fantasy Filmfest eine Filterblase. Es hat eine traditionalistische Ader und Fans, die seit 31 Jahren mit Dauerkarte dabei sind und des Gaudi-Splatters im Stil der Achtzigerjahre kein bisserl müde. Auch sie gehören bedient. Wenn das Festival seine Tour durch Deutschland im Münchner Cinemaxx vom 6. bis 16. September startet (und vom 21. September bis 1. Oktober in Nürnberg beschließt), dann findet man da auch den vierten Teil der „Hatchet“-Reihe („Victor Crowley“) oder die Verfilmung des Amiga-Game-Klassikers „It came from the Desert“ (seinerseits eine Hommage an alte Monsterfilme).

Eröffnungsfilm: „Es“ von Stephen King

Der Eröffnungsfilm ist fraglos eine große Nummer, aber kein Aufbruch ins Unbekannte: „Es“ will Stephen Kings Opus magnum von 1986 endlich adäquat auf die Leinwand wuchten. Und wenn er das klug macht, wird er weniger von krankhafter Angst vor Clowns getragen sein als von der bittersüßen Erinnerung an Kindheit in den Fünfzigern. Doch bei all diesem Rückblickenden verstärkt sich das Gefühl eines Generationswechsels, einer Zeitenwende. Jetzt, da mit Wes Craven, George A. Romero und Tobe Hooper das Dreigestirn im Jenseits vereint ist, dessen Tabubrüche die US-Horror-Revolution der Siebzigerjahre auslösten.

Einerseits ist der Ideenaustausch internationaler denn je – Beiträge kommen diesmal unter anderem aus Island, Israel, Polen und sogar Deutschland. Andererseits übt das Genre-Kino auch in den USA wieder einen Reiz aus auf junge Independent-Filmemacher, die es als Experimentierfeld sehen für verquere Ideen und ungewohnte Ästhetiken. Und die Monsterfilme zur Allegorie auf Alkoholismus machen (Nacho Vigalondos „Colossal“ mit Anne Hathaway), oder Postapokalypse zur klaustrophobischen Trauerarbeit („It comes at Night“).

Es findet sich eigentlich nur ein großer Altvertrauter im Programm: Takashi Miike – mit seinem 100. (!) Opus, der Der Samurai-Manga-Verfilmung „Blade of the Immortal“. Grade Miike aber ist einer der unberechenbarsten Regisseure überhaupt geblieben. Und sein Stresstest-Klassiker „Audition“ (zu sehen in einem Tribute-Double Feature) ist wegweisend dafür, wie Horror richtig fies bleiben kann, wenn explizite Gewaltdarstellung ausgereizt scheint.

Vom Rache-Western bis zum Kannibalismus-Drama

Wenn das Horrorkino wieder wahre, tiefe Verstörung sucht statt wohligem Schock, dann auch deshalb: Dieses Genre, das leider oft geprägt wurde durch die Angst und Aggression junger Männer gegenüber Frauenkörpern, wird erobert von Filmemacherinnen. Ein halbes Dutzend Regisseurinnen sind heuer dabei. Besonders gespannt darf man sein auf zwei Cannes-Teilnehmerinnen: Mouly Suryas indonesischer Rache-Western „Marlina the Murderer in four Acts“. Und Julia Ducournaus sinnliches, preisgekröntes Kannibalismus-Drama „Raw“, das in Toronto angeblich zu Notarzteinsätzen führte.

„Kuso“ trieb die Leute aus dem Kino

In Sundance hingegen soll „Kuso“ die Leute reihenweise aus dem Saal getrieben haben: das Regiedebüt von Steven Ellison, den wir als Musiker „Flying Lotus“ sehr für seine psychedelischen, elektronisch-jazzigen Hakenschläge schätzen. US-Berichte und Trailer versprechen aber etwas, das so faszinierend eklig, delirierend surreal wird wie 2016 Jim Hoskings unfassbarer „The greasy Strangler“. Was das Fantasy Filmfest vollends als eine Oase etablieren könnte für jenes grenzüberschreitende Kino im Geiste John Waters’ und David Lynchs, das neben Wellness-Arthouse und pseudo-politischer Festival-Betroffenheit kaum noch Platz findet.

Informationen:

www.fantasyfilmfest.com, Vorverkauf im Cinemaxx
am Isartor.

Rubriklistenbild: © dpa

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