Oscars 2020

Bong Joon-hos „Parasite“ - Verbeugung vor dem besten Auslandsfilm

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Bester Film und mehr: Regisseur Bong Joon Ho und Produzentin Kwak Sin Ae probieren Oscarstatuen-Arrangements aus.

Hollywood zieht den Hut vor Bong Joon-hos „Parasite“, dem „besten Film“ der Oscars 2020 – und macht das Beste aus einer wenig diversen Nominierungsliste

  • Oscars in Los Angeles verliehen
  • Südkoreanischer Film „Parasite“ triumphiert
  • Joaquin Phoenix und Renee Zellweger sind beste Hauptdarsteller

Wer vielfach die falschen Filme nominiert, muss wenigstens die besten auszeichnen. Zum ersten Mal in der 92-jährigen Oscargeschichte hieß es am Ende nicht: „America First“. Mit Bong Joon-hos koreanischem Welterfolg „Parasite“ gewann der originellste Film im Aufgebot. Ein glänzend erdachtes und inszeniertes Satyrspiel, ein Tanz auf jenem Vulkan, auf dem wir alle Sitzen, einem der dringlichsten Probleme unserer Zeit, der sozialen Ungleichheit. Es war ein angekündigter und dann doch überraschender Triumph: Gleich viermal wurde der Filmemacher auf die Bühne gerufen, für den besten fremdsprachigen Film, das beste Drehbuch, die beste Regie und schließlich für den Besten Film. 

Bong Joon-hos „Parasite“ holt den Oscar als bester Film

Da konnte er noch so oft ankündigen, sich bis zum Morgen betrinken zu wollen. Zumindest der letzte Preis war für die meisten eine Überraschung, allgemein war der Kriegsfilm „1917“ favorisiert worden. „Der beste Filmautor ist der, der die persönlichsten Filme macht“, zitierte Bong seinen ebenfalls nominierten Regie-Kollegen Martin Scorsese. Auch ohne diese Hommage wäre Scorsese, dieser Advokat des Weltkinos, neidlos gerührt gewesen von Bongs unverhofftem Triumph. Wie auchQuentin Tarantino, der für seine hervorragende Arbeit an „Es war einmal in Hollywood“ übergangen würde, ebenfalls ein ehrliches Lächeln übrig hatte: Seit langem ist er ein erklärter Fan von Bongs innovativem und politisch scharfzüngigem Genrekino.

Oscar-Abend mit dem Thema: Soziale Ungleichheit

Fast schien es an diesem Abend, als seien die Stimmberechtigten schon einen Schritt weiter als die Verantwortlichen der Akademie auf dem weiten Weg, die Oscars etwas weniger weiß aussehen zu lassen.

Das Thema sozialer Ungleichheit berührte noch ein zweiter, weniger prominenter Oscar-Gewinner. Der abendfüllende Dokumentarfilm „American Factory“ erzählt von der Investition eines chinesischen Milliardärs, der in einer herunter gekommenen Industrieregion Ohios eine Fabrik eröffnet. Es ist ein ungewöhnlicher Blick auf die Folgen der Globalisierung, bei dem sich die Rollen zwischen Industrie- und Entwicklungsländern vertauschen aber eine Konstante bleibt: Die Arbeiter sitzen am kürzeren Hebel. Die Filmemacher Steven Bognar und Julia Reichart bedankten sich mit einem Karl-Marx-Zitat: „Arbeiter aller Länder vereinigt Euch!“, auch das ein seltenes Ereignis bei einer Oscar-Verleihung.

Bong Joon-hos „Parasite“ erster fremdsprachiger Oscar-Gewinner

Einige der besten Filme des Jahres waren schon bei den Nominierungen übergangen worden. In einem Jahr, wo mehr denn je über die noch immer mangelhafte Präsenz weiblicher Filmschaffender gesprochen wurde, wäre Célice Sciammas „Porträt einer jungen Frau in Flammen“ doch wenigstens eine Drehbuchnominierung wert gewesen. Auch Terrence Malicks Bildgedicht über zivilen Widerstand, „Ein verborgenes Leben“, war mitsamt aller künstlerischen Einzelleistungen schon im Vorfeld übergangen worden.

Immerhin stand in der langen Oscar-Geschichte zum ersten Mal eine weibliche Dirigentin am Pult und, wichtiger noch: Sie bereitete der ersten Komponistin die Bühne, die jemals einen Oscar für die Beste Filmmusik gewonnen hat. Die Isländerin Hildur Guðnadóttir galt für ihre sensationelle Arbeit für „Joker“* bereits als haushohe Favoritin und bedankte sich mit einer Ermunterung an Geschlechtsgenossinnen, es ihr gleich zu tun.

Oscar-Verleihung - wenig unterhaltsam

Überhaupt war die Musik die Stärke einer ansonsten wenig unterhaltsam inszenierten Preisverleihung. Elton John präsentierte seinen Filmsong für „Rocket Man“ in einer stürmischen Performance, bevor er erwartungsgemäß mit Texter Bernie Taupin den Preis erhielt. Doch den eindringlichsten Auftritt hatte überraschend die 18-jährige Grammygewinnerin Billie Eilish. Kein Song wurde sooft gecovered wie der Beatles-Klassiker „Yesterday“, aber die feinen Phrasierungen, die Eilish ihm hinzugewann, gingen zielstrebig unter die Haut. Das Wort „nachempfunden“ bekommt in Eilishs hochemotionaler Interpretation, die nun die jährliche Ehrung verstorbener Filmgrößen begleitete, eine seltene Wahrheit.

Auch in ihren schwächeren Jahrgängen waren die „Oscars“ oft eine brillante Unterhaltungsshow und schließlich die letzte ihrer Art. Im Dolby Theatre am Hollywood Boulevard blieb eine Entertainment-Tradition lebendig, von der die nun zurecht prämierte Renée Zellweger im Garland-Biopc „Judy“ erzählt: Die elegant und humorvoll moderierte Live-Show mit erstklassigen Gästen. Wo ist sie geblieben?

Oscar-Verleihung - Hollywoods Verbeugung vor „Parasite“

Wie schon im letzten Jahr bliebt die Gastgeberrolle unbesetzt – was der trotzige Auftritt zweier Veteranen in dieser Funktion noch deutlicher machte: Sowohl Steve Martin als auch Chris Rock zeigten sich hoch erfreut, von der Last entbunden zu sein. Eine gute Nachricht hatte die Academy immerhin zu vermelden und dafür keinen Geringeren als Tom Hanks eingeladen. Am 14. Dezember will die Academy endlich – 90 Jahre nach der ersten Idee – ihr Filmmuseum eröffnen. Gebaut wird daran immerhin im fünften Jahr, aber immer wieder war der Termin verschoben worden, was bei Deutschen in Hollywood allmählich Erinnerungen an einen gewissen Berliner Flughafen weckt. Tom Hanks schien dem Braten noch immer nicht zu trauen, jedenfalls fügte er gleich darauf hinzu: „Und ich bin Spartacus“.

Höhere Wahrheiten bleiben bei den Oscars traditionell den Schauspielern in ihren Dankesreden vorbehalten. Joaquin Phoenix, der als Darsteller des „Joker“ schon lange zu den Hauptfavoriten zählte, hatte wahrlich alle Zeit der Welt, seine Worte reifen zu lassen. Entsprechend groß klangen sie dann auch: „Das größte Geschenk, das mir das Kino gemacht hat, ist es, für jene zu sprechen zu können, die keine Stimme haben“, begann er, um in wenigen Worten eine Gemeinsamkeit der dringendsten Anliegen der Gegenwart zu konstatieren: „Ob es Gender ist oder Gleichberechtigung, Rassismus oder Schwulenrechte, Rechte von Ureinwohnern oder Tieren, immer geht es gegen Ungerechtigkeit.“ Selbstkritisch fügte er hinzu: „Ich bin manchmal wirklich ein Schuft gewesen, aber man gab mir oft eine zweite Chance. Wenn wir uns gegenseitig zur Erlösung führen, ist dies das Beste der Menschlichkeit.“

Das amerikanische Kino war immer groß (und manchmal auch etwas verwegen) darin, die dringenden humanitären Fragen miteinander zu verknüpfen. Selten sind dagegen Filme, die dabei ohne große Worte auskommen und stattdessen zu metaphorischen Bildern finden. Und umso rarer, wenn sie dabei noch glänzend unterhalten. Einen solchen Film fand man diesmal nicht im eigenen Angebot, sondern im fernen Korea. Hollywoods Verbeugung vor „Parasite“ ist vielleicht auch ein Augenblick überfälliger Selbstkritik.

Die Oscars 2020 im Überblick

Bester Film  „Parasite“ von Bong Joon Ho

Regie  Bong Joon Ho für „Parasite“

Hauptdarsteller  Joaquin Phoenix in „Joker“

Hauptdarstellerin  Renée Zellweger in „Judy“

Nebendarstellerin  Laura Dern in „Marriage Story“

Nebendarsteller  Brad Pitt in „Once Upon a Time in Hollywood“

Internationaler Film  „Parasite“ von Bong Joon Ho

Kamera  Roger Deakins für „1917“

Original-Drehbuch  Bong Joon Ho und Han Jin Won für „Parasite“

Adaptiertes Drehbuch:  Taika Waititi für „Jojo Rabbit“

Schnitt 

 Michael McCusker und Andrew Buckland für „Le Mans 66 – Gegen jede Chance“

Filmmusik  Hildur Guðnadóttir für „Joker“

Filmsong  „(I’m Gonna) Love Me Again“ von Elton John und Bernie Taupin (für „Rocketman“) 

Produktionsdesign  Barbara Ling und Nancy Haigh für „Once Upon a Time in Hollywood“

Tonschnitt  Donald Sylvester für „Le Mans 66 – Gegen jede Chance“

Tonmischung  Mark Taylor und Stuart Wilson für „1917“

Visuelle Effekte  Guillaume Rocheron, Greg Butler und Dominic Tuohy für „1917“

Animationsfilm  „A Toy Story: Alles hört auf kein Kommando“ von Josh Cooley

Animations-Kurzfilm  „Hair Love“ von Matthew A. Cherry, Everett Downing Jr. und Bruce W. Smith

Dokumentarfilm  „American Factory“ von Steven Bognar und Julia Reichert

Dokumentar-Kurzfilm  „Learning to Skateboard in a Warzone (if you’re a girl) von Carol Dysinger

Make-up/Frisur  Kazu Hiro, Anne Morgan und Vivian Baker für „Bombshell – Das Ende des Schweigens“

Kostümdesign  Jacqueline Durran für „Little Women“

Kurzfilm  „The Neighbors‘ Window“ von Marshall Curry

Von Daniel Kothenschulte

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