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„Rogue One“: Zurück auf dem Spielplatz

„Rogue One“ liegt zeitlich vor der ersten „Star Wars“-Folge und beschwört das Staunen aus Kindertagen wieder herauf. 

Die meisten Geschichtenerzähler landen irgendwann bei der Suche nach der verlorenen Zeit. Beim Versuch, noch einmal das Staunen und die Geborgenheit zu erhaschen, die sie in ihrer Kindheit als Zuhörer von Geschichten fühlten. Für eine gewisse Generation ist „Star Wars“ dabei eine Ur-Erzählung, Initiation. Und „Rogue One“ ist Regisseur Gareth Edwards’ gelungene Verwirklichung des Bubentraums, einmal selbst Teil dieser weit, weit entfernten Galaxie zu werden. „Rogue One“ schmiegt sich chronologisch unmittelbar vor den ersten „Star Wars“-Film (alias Episode IV): Er führt aus, wie die Baupläne für den imperialen Todesstern in die Hände der Rebellen und Prinzessin Leia gelangten. Recht eigentlich aber geht es, wie in der ersten Trilogie, um die Suche nach einem verschollenen Vater: Für Jyn Erso (Felicity Jones) ist zweitrangig, dass sie galaktische Machtkämpfe entscheiden kann – sie will ihren totgeglaubten Papa (Mads Mikkelsen) retten.

Gareth Edwards ist eine gute Wahl für diese Geschichte. Er hat schon mit „Monsters“ und seinem unterschätzten „Godzilla“ bewiesen, dass er Ereignisse von weltbewegender Größe von den Rändern her erzählen, über vermeintliche Nebenfiguren und kleine Details die monströsen Dimensionen fassbar machen kann. Als ehemaliger Special-Effects-Experte kann er zudem dem Irrealen Körperlichkeit verleihen, selbst wenn er mehr auf Computergrafik setzt als auf das echte Handwerk von Episode VII.

Es schadet nicht, dass auch unter Schauspielern bei „Star Wars“ Kinderträume wahr werden und Hochkaräter bereitwillig Schlange stehen wie Mikkelsen, Forest Whitaker, Charakterdarsteller-Gott Ben Mendelssohn sowie Hong-Kong-Legende Donnie Yen.

Disney-Macher dürfen sich George Lukas‘ Fantasie-Universum austoben

Möglich geworden ist „Rogue One“ freilich erst durch den Rücktritt des „Star Wars“-Übervaters: Erst seit George Lucas sich als Schöpfer zurückgezogen und sein Fantasie-Universum an den Disney-Konzern verkauft hat, dürfen andere Filmemacher sich dort austoben – innerhalb der Planung des Studios versteht sich. Die sieht immerhin vor, abwechselnd zu den durchnummerierten Haupt-Episoden (Welt-)Raum zu lassen für abgeschlossene Einzelgeschichten wie „Rogue One“, die freier sind in Stil und Tonfall.

Das tut der Reihe gut. Auch Edwards packt als Fan alles in den Film, was er einst in der Spielzeugkiste an „Star Wars“-Kram hatte. Aber er zitiert nicht nur rein dekorativ. „Rogue One“ ist stimmiger, eigenständiger und tragischer als J. J. Abrams’ Episode VII, die doch nur ein (wenngleich liebevoll-amüsantes) Remake des Ur-„Star Wars“ ohne dessen mythischer Kraft war.

Die Krux aber bleibt freilich: Auch George Lucas hat einst nichts anderes gemacht, als auferstehen zu lassen, was ihn in Kindheit und Jugend prägte. Aber er hat aus „Flash Gordon“-Serien, Errol-Flynn-Filmen, Kurosawa-Meisterwerken, Weltkriegs-Wochenschauen, Märchen und Mythenstrukturen seinen eigenen Kosmos gemixt. Selbst Episode I bis III sind in ihrer völlig verirrten Art Autorenfilme.

„Rogue One“ muss sich als heutiger Blockbuster mit dem Spielplatz einer bereits etablierten Welt begnügen, Sub-Schöpfung zweiter Ordnung bleiben. Darf interpretieren, nicht komponieren. Letztlich ist der Film nur das immerhin virtuose Auserzählen eines Satzes aus der Prolog-Schrift des Ur-Films. Ist Stopfen eines lang von lästigen Wahrscheinlichkeitskrämern bemäkelten Plausibilitäts-Lochs im ersten „Star Wars“-Märchen. Die Grenzen solcher Nostalgie werden in „Rogue One“ brutal sichtbar beim gruseligen, pietätlosen Versuch, den legendären Peter Cushing (1913-1994) in seiner Rolle des Todesstern-Kommandanten als am Computer generierte Puppe auferstehen zu lassen. Doch wo Tod und Vergänglichkeit ihr Recht nicht bekommen, bleibt umso lebloseres Plastik. Um uns „Star Wars“-Geprägte zu begeistern, taugt „Rogue One“ allemal. Aber auch, um kommende Generationen zu inspirieren?

Thomas Willmann

„Star Wars: Rogue One“

mit Felicity Jones, Diego Luna,

Alan Tudyk, Wen Jiang

Regie: Gareth Edwards Laufzeit: 133 Minuten

Sehenswert ((((;

Dieser Film könnte Ihnen gefallen, wenn Sie „Krieg der Sterne“ mochten.

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