Film "Nightsession" bietet neue Einblicke

Brettern durch die Nacht: So haben Sie München noch nie gesehen

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Auf vier SKateboards durch die Münchner Nacht - "Nightsession" bietet ungewöhnliche Einblicke.

München - Der Kinofilm "Nightsession" begleitet vier Skater durch das nächtliche München. Sie hängen sich an fahrende Autos, ruinieren sich die Knie und trinken Bier. Ein ungewöhnliches Stadtporträt und nicht nur ein Film für Skater.

Der Zuschauer denkt an seine Knie, wenn die Jungs mit ihrem Skateboard die Stufen vor dem Bauhaus in der Landsberger Straße runterspringen. Der Zuschauer denkt an offene Brüche, wenn sich die Jungs in der Ganghoferstraße an fahrende Autos hängen. Der Zuschauer muss lachen, wenn die Jungs nicht durch den Stachus-Brunnen skaten wollen - weil: Da wird man ja nass …

Nightsession begleitet ab kommenden Donnerstag Pacel (22), Thomas (24), Sergio (27) und Jonas (29) bei einer nächtlichen Skatetour durch München. „Mit 16 bin ich mit drei Freunden spontan mit der letzten S-Bahn nach München gefahren. Wir haben uns treiben lassen. Obwohl keine außergewöhnlichen Dinge passiert sind, war es eine dieser seltenen magischen Nächte. Mit Nightsession wollte ich dieser Nacht ein Denkmal setzen“, sagt Regisseur Philipp Dettmer (37). Nächtliches Skateboard fahren heißt Nightsession. „Eine Skate-Session zeichnet sich durch das Spontane und Prozesshaftige aus - das wollte ich auf den Entstehungsprozess des Films übertragen“, sagt Dettmer. Mehrere Monate hat er unter professionellen Skateboardern vier Protagonisten nach den vier Freunden jener Nacht gesucht.

Nightsession entstand ohne Drehbuch

Nightsession ist nicht nur ein Film für Skater geworden, sondern ein ungewöhnliches Stadtporträt: Von der Theresienwiese, wo gerade das Oktoberfest aufgebaut wird und die Darsteller Bierchen trinken, geht’s zum Bauhaus in der Landsberger Straße. Da gibt’s Treppen. Skater lieben Treppen, die man hinunterspringen kann. „Wir haben die Drehorte vorher nicht angemeldet. Ich bin Münchner und habe darauf vertraut, dass ich weiterhin Glück mit der Polizei habe“, grinst Dettmer.

Ein Drehbuch gab es nicht. „Von allen Seiten wurde mir geraten, einen Konflikt, eine Fallhöhe, eine Geschichte einzubauen. Aber ich bin davon überzeugt, dass eine vermeintlich vor sich hinplätschernde Geschichte eine starke Faszination ausüben kann, wenn sie dem Zuschauer eine Identifikationsfläche bietet“, erklärt Dettmer. Den Film hat er aus seiner eigenen Tasche gezahlt. Premiere war auf dem letztjährigen Filmfest München. Nightsession kam so gut an, dass er heuer nochmal gezeigt wird.

"Wir sind das Beste, was einem Ort passieren kann"

Am ikonischen Königsplatz rutschen sie mit den Boards die Bank am Kunstbau entlang, auch an der Musikhochschule werden Tricks gezeigt, an der Tanke Bier geholt. Weiter zum Georg-Freudendorfer-Platz, einem Lieblingsort der Münchner Skater - doch sie können nur noch nachts kommen, weil man sie vertrieben hat. „Jetzt hängen da Junkies rum. Dabei sind wir das Beste, was einem Ort passieren kann. Kieselsteine und Scherben stören uns, deshalb fegen wir, bevor wir skaten“, sagt Jonas. Im Winter kann man nicht draußen fahren. Dann sind die Skater in den U-Bahnhöfen, wo sie von der Polizei vertrieben werden. „Wir brauchen einen überdachten Skatespot in München. Mit ein bisschen Geld könnte man aus dem alten U-Bahnhof im Olympiadorf eine tolle Skatehalle machen“, sagt Pacel.

Zu siebt waren sie in den fünf Nächten unterwegs, die zu einer Nacht zusammengefügt wurden: vier Skater, Regie, Kamera, Ton. Die jeweils erste und letzte Szene des Films waren die erste und letzte gedrehte Szene. Dazwischen sind die Protagonisten Freunde geworden. „Diesen Moment, wenn du die Jugend verlässt, den habe ich damals nicht bekommen. Aber in der letzten Nightsession, als wir betrunken auf dem ehemaligen Viehhof den Tag begrüßt haben, da war ich glücklich, weil es ein bisschen wie dieser Moment war“, erinnert sich Dettmer.

Das sind die Skater

Jonas, Sergio, Pacel und Thomas (v.l.n.r.).

Thomas (24) aus Prien am Chiemsee studiert BWL in Landshut. Er skatet seit 15 Jahren und reist viel -Südamerika hat es ihm besonders angetan.
Sergio (27) schreibt gerade an seiner Doktorarbeit in Humanmedizin. Neben Kunst ist Skaten seit 13 Jahren Sergios großen Leidenschaft.
Pacels (22) hat für Nightsession seinen Urlaub nach dem Abitur verschoben. Jetzt studiert er Europäische Ethnologie an der LMU.
Jonas (29) hat Maschinenbau studiert und arbeitet als Fotomodel. Er fährt seit 15 Jahren Skateboard und surft am Eisbach.

Hier läuft

Nightsession läuft ab 14. April im Monopol Kino, Museum Lichtspiele und dem Werkstattkino. Die Uhrzeiten finden sich auf den Seiten der Kinos.

Hotspots der Stadt

Skater sehen die Stadt als ihren Spielplatz. „Ich weiß genau, wie ich fahren muss, um einen guten Teer zu haben“, sagt Jonas. Am Maxmonument wurde er beim Treppenspringen schon verhaftet - weil die Treppen denkmalgeschützt sind. Berührt hat er die historischen Treppen nicht, deshalb wurde die Anklage fallengelassen. Apropos Treppen: Auch reizvoll für die Skater sind die liegenden Licht-Podeste vor der Allerheiligen-Hofkirche. Am Oberanger, im Innenhof der Linde AG, gibt’s einen Brunnen, von dem die Münchner Skater träumen: ein Kugelkunstwerk, das ein Gasmolekül darstellt (Foto). Christopher Klein hat es erschaffen - könnte man toll skaten. Wenn da nicht Tag und Nacht aufmerksame Security wäre. Ein ganz heißer Spot ist der U-Bahnhof Petuelring, da gibt’s die Petuel Eleven. Das sind elf Stufen, die jeder gute Münchner Skater mal -gesprungen sein sollte.

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