Das Leben ist eine Bühne

Ulrich Tukur im tz-Interview: Die Trauer spielt mit

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Ulrich Tukur liebt die Bühne: „Der Augenblick gehört dir allein“, sagt er. Egal, ob beim Singen oder Spielen.

München - Ulrich Tukur ist einer der besten deutschen Filmschauspieler. Fast ebenso lange widmet sich der 58-Jährige der Musik. Jetzt, zu 20 Jahre Ulrich Tukur & Die Rhythmus Boys, geht das Quintett auf Tournee mit Let’s Misbehave (so heißt die neue CD). Wir sprachen mit dem Star.

Herr Tukur, Ihr heller und geschmeidiger Tenor passt toll zu den Crooner-Stücken der 20er bis 40er. Harte Arbeit?

Ulrich Tukur: Ich kann leider nicht anders. Ich hätte gerne eine tiefere, sonorere Stimme. Aber Sie glauben nicht, wie ich vor 20, 30 Jahren klang - noch heller, wie ein Countertenor! Mittlerweile gibt’s auf DVD den Film über Hans Albers: In meinem Herzen, Schatz. Eine Hommage an Hamburg, dunkelste Abwrackkneipen, Alkoholleichen - und dazu Albers-Lieder. Das sang ich mit, und mich hat es neulich fast ausgehebelt, als ich mich hörte. Als Bonus ist noch ein zweiter Film mit drauf: 13 alte Esel. Grottenschlecht. Unmöglich.

Hat also der Kiez-Schnaps Ihre Stimme sozusagen tiefer gelegt?

Ulrich Tukur: Das kommt einfach so im Laufe der Jahre. Nun gut, neben der Lebenserfahrung tragen einige Sachen dazu bei wie etwa Zigarettenkonsum oder Rotwein.

Ihr Lieblingssong auf der neuen CD?

Ulrich Tukur: Irving Berlins Puttin’ on the Ritz. Das ist rhythmisch so vielschichtig und die Musik so wandelbar - Berlin war einer der ganz großen Komponisten der US-Unterhaltungskultur. Opus One liebe ich auch sehr, der 44er-Hit mit Tommy Dorseys Orchester. Man kann sich vorstellen, wie wir zu diesem Song … äh … abgewatscht wurden.

Finden Sie auch, dass die Schlager vor Hitler besser waren als jemals danach?

Ulrich Tukur: Das kann ich so stehen lassen. In den 14 Jahren Weimarer Republik gab es wahnsinnig fähige Künstler. Es war eine energetische, fiebrige Zeit voller Orientierungslosigkeit. 1923 die irrsinnige Inflation, das Land im kollektiven Nervenzusammenbruch. Das war ein unglaublicher Nährboden.

Was halten Sie von da Vincis Satz, nachdem die Kraft durch den Zwang entsteht und durch die Freiheit stirbt?

Ulrich Tukur: Das stimmt oft, aber nicht immer. Die BRD hat sich ihren Reichtum erarbeitet - mit welchen Mitteln und auf welchen Wurzeln, steht auf einem anderen Blatt - und ein unglaubliches soziales Netz gestrickt. Voraus ging die Apokalypse des Zweiten Weltkriegs. Diese Generation und die folgende, die zusammen Deutschland wiederaufgebaut haben, treten ab oder sind schon abgetreten. Heute fehlt die Notwendigkeit, sich immer wieder neu etwas zu erarbeiten. Die lebendige Substanz. Folge: Das Gefüge fängt an zu zerbröseln. Das ist immer so im Leben, wenn man es verwahrlosen lässt und nicht aktiv gestaltet.

Zur Gestaltung: Was ist gefühlsmäßig der zentrale Unterschied für Sie zwischen Bühne, Konzert und Kamera?

Ulrich Tukur: Bühne und Konzert sind identisch. Das ist die archaische Form des Augenblicks. Wenn’s vorbei ist, ist’s vorbei. Aber es ist dein Abend. Die Kamera hingegen ist nur ein Schritt auf dem Weg zum Ergebnis. Du spielst, dann kommt die Postproduktion, der Schnitt. Da bist du komplettes Opfer. Es kommt fast nie das raus, was Sie sich vorgenommen haben. Manche Sachen sind erst toll und werden durch die Postproduktion zerstört.

Aber ist das Erlebnis Bühne nicht auch tieftraurig? Dass der so schöne Augenblick nicht verweilen kann?

Ulrich Tukur: Das hat etwas Trauriges, aber die Kunst ist, der Trauer Raum zu lassen. Man kann entweder verdrängen - keine gute Idee - oder trauern. Ich plädiere für die mediterrane Melancholie …

Nicht im Ernst - wir haben Schubert, Brahms und Co.!

Ulrich Tukur: Aber die mediterrane Traurigkeit beinhaltet ein Ja zum Leben. Sie hat ein lachendes und ein weinendes Auge. Wie ein Theaterstück, was das Leben letztlich ja auch ist. Allerdings wissen wir beim Leben nicht, wer es geschrieben hat und auch nicht, ob uns jemand applaudiert, wenn der letzte Vorhang gefallen ist. Aber einigen können wir uns auf jeden Fall, dass das Leiden am Leben zur Kunst dazugehört. Kunst verarbeitet das Abenteuer Leben, und das tut mitunter sehr weh. Wenn sich Genies an der Wirklichkeit reiben, dann entsteht Trauer, Wut, Angst, Verzweiflung - und großartige Literatur oder Musik.

Was tat in Ihrem Leben bisher sehr weh?

Ulrich Tukur: Ich bin Gott sei Dank bisher von schweren Schicksalsschlägen verschont geblieben. Aber je älter man wird, wenn man über 50 ist und spürt, dass man links und rechts anfängt zu verfallen - dann wächst die Angst, dass die wunderbare Party Leben vorbeigeht. Das ist leider eine sinnlich erfahrbare Angelegenheit.

Sie sagten: „Gott sei Dank“. Ist das ernst gemeint?

Ulrich Tukur: Ich bin nicht gläubig im theologischen Sinne, aber ich glaube an etwas Größeres, als wir sind und wissen.

Wenn Sie drei Schriftsteller und drei Komponisten auf die Insel mitnehmen könnten …

Ulrich Tukur: … oh je. Hab ich mir noch nie Gedanken drüber gemacht. Also gut: in der Musik Duke Ellington, Debussy und Mozart. In der Literatur Rilke, Tschechow und Thomas Mann.

Interview: Matthias Bieber

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