Patientenberater der AOK ziehen Bilanz

Ärzte-Pfusch: Fast 5000 Fälle aufgedeckt - Hier gibt's Hilfe

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Die meisten Ärzte-Pfusch-­Verdachtsfälle gibt es im Bereich der Chirurgie.

München - Eine aktuelle Ärzte-Pfusch-Analyse der AOK zeigt: In Bayern konnten in den vergangenen 15 Jahren fast 5000 Behandlungsfehler aufgedeckt werden. Wie Sie Hilfe bekommen und was zu tun ist.

Bayern und besonders München werden weltweit als Medizin-Mekka gepriesen – weil hier hervorragende Ärzte praktizieren, die ihren Patienten in der Summe eine medizinische Versorgung auf hohem Niveau garantieren können. Aber zu einer ehrlichen Diagnose gehört auch eine bittere Wahrheit: Selbst die erfahrensten Ärzte sind nur Menschen und vor Fehlern nicht gefeit – und nach wie vor gibt es unter ihnen vermeintliche Götter in Weiß, die nicht zu ihren manchmal folgenschweren Fehlern stehen. Wie wichtig es ist, den Opfern zu helfen, zeigt eine aktuelle Ärzte-Pfusch-Analye der AOK. Danach konnten in Bayern in den vergangenen 15 Jahren fast 5000 Behandlungsfehler aufgedeckt werden.

Seit dem Jahr 2000 kümmern sich speziell geschulte Patientenberater der Krankenkasse um Versicherte, die einen Behandlungsfehler vermuten. Gestern zogen sie bei einer Pressekonferenz in der bayerischen AOK-Zentrale in Perlach Bilanz. Die wichtigsten Zahlen:

  • In 31.824 Fällen gab es eine sogenannte Erstberatung.
  • In 13.731 Fällen erhärtete sich der Verdacht so sehr, dass die AOK-Experten zumindest ein Gutachten durch den Medizinischen Dienst der Krankenkassen (MDK) veranlasst haben.
  • In 4665 Fällen bestätigten die MDK-Gutachter, dass es sich tatsächlich um einen Behandlungsfehler handelt.
  • Damit entpuppten sich etwa 15 Prozent der vermuteten Behandlungsfehler tatsächlich als Ärzte-Pfusch – also ungefähr jede siebte Beschwerde.
  • Die häufigsten Beratungen und Gutachten gab es in den Bereichen Chirurgie, gefolgt von den Fachgebieten der Orthopädie sowie der Zahnmedizin und Kieferchirurgie (siehe Grafik oben rechts).

Bayerns AOK-Chef Dr. Helmut Platzer bewertete die Bilanz seiner Berater gestern als Erfolgsgeschichte. Das sogenannte Behandlungsfehler-Management sei ein „wichtiger Baustein zur Stärkung der Patientenrechte und des Patientenschutzes“. Und ganz nebenbei bringen die beiden Beraterteams, die an zwei zentralen Standorten in Bamberg und Ingolstadt sitzen, der Krankenkasse viel Geld. So holte sich die AOK seit 2000 insgesamt 72 Millionen Euro zurück, die Ärzte bereits für ihre fehlerhafte Behandlung erhalten hatten. In der Regel werden dazu die Haftpflichtversicherungen der Mediziner zur Kasse gebeten.

AOK-Tipps: Das sollten Patienten tun

Wenn Patienten einen Behandlungsfehler vermuten, sind sie oft verunsichert. „Sie stehen oft vor einem Berg von Fragen“, weiß AOK-Expertin Melanie Ross (Foto). „Sie befürchten, dass sie sich auf einen Kampf David gegen Goliath einlassen müssen, in dem sie sowieso keine Chance haben.“ Um diese Patienten mit ihren Sorgen aufzufangen, hat die AOK eine kostenlose Telefonhotline eingerichtet. Die Nummer lautet 0800/ 265 2293. Die Mailadresse: aok-patientenberatung@by.aok.de. Für ein Infogespräch sollte der Patient bereits ein Gedächt­nisprotokoll angefertigt haben: Wer hat wann und wo behandelt? Welche Untersuchungen sind durchgeführt worden? Wurde über Risiken aufgeklärt? Welche Gesundheitsschäden sind entstanden?

Die ersten Schritte im Verdachtsfall auf einen Blick

Halten Sie alle wichtigen Informationen schriftlich fest:

  1. Wer hat wann und wo behandelt? Namen und Anschriften aller beteiligten Ärzte und Krankenhäuser aufführen

2. Welche Behandlungen und Untersuchungen wurden durchgeführt?Sie haben Anrecht auf eine Kopie der kompletten Krankenakte gegen Erstattung der Kopierkosten.

3. Wer hat wann und wie vor der Behandlung über Risiken und Behandlungsalternativen aufgeklärt?Haben Sie einen Aufklärungsbogen unterschrieben? Haben Sie den durchgeführten Behandlungen zugestimmt?

4. Welche Gesundheitsschäden sind entstanden?Welche Beschwerden haben Sie? Was führte nach Ihrer Meinung zu dem Behandlungsfehler? Wurden nach dem vermuteten Behandlungsfehler weitere Behandlungen und Untersuchungen notwendig?

5. Verjährungsfristen beachten: Wann kam es zum vermuteten Behandlungsfehler? Arzthaftungsansprüche wie zum Beispiel Schmerzensgeld verjähren in drei Jahren ab Kenntnis des Behandlungsfehlers, wobei die Frist jeweils ab dem Jahresende zu laufen ­beginnt.

6. Holen Sie sich fachkundigen Rat: Lassen Sie sich von Ihrer Krankenkasse oder einer Patientenberatungsstelle beraten.

Das rät der Fachanwalt

Der Münchner Fachanwalt für Medizinrecht, Manuel Soukup, erläuterte gestern, wie Patienten zu ihrem Recht kommen können. Die wichtigsten Fragen und Antworten im tz-Überblick:

  • Welche Möglichkeiten hat der Patient, im Verdachtsfall gegen seinen Arzt vorzugehen? Zunächst sollte er sich von seiner Krankenkasse beraten lassen und dann gegebenenfalls rechtliche Schritte einleiten. „An erster Stelle steht der Versuch, eine außergerichtliche Einigung herbeizuführen“, sagt Soukup. Diese Gespräche werden in der Regel nicht mit dem Arzt selbst geführt, sondern mit dessen Haftpflichtversicherung. Wenn sie scheitern, bleibt dem Patienten der Gang vor Gericht. Dabei machen Zivilverfahren nach Erkenntnissen des Münchner Anwalts in der Regel mehr Sinn als Strafverfahren. Bei Strafverfahren seien die Nachweiskriterien für den Behandlungsfehler viel strenger. „Sie führen nur selten zur Verurteilung“, weiß Soukup.
  • Welche Fallstricke gibt es für die Patienten, wenn sie einen Arzt zur Rechenschaft ziehen wollen? Bei einem sogenannten Aufklärungsfehler ist der Arzt verpflichtet, zu belegen, dass er seinen Patienten ordnungsgemäß informiert hat. Aber bei einem Behandlungsfehler steht der Patient in der Pflicht, diesen nachzuweisen. Die Crux dabei: Manche Sachverständige nehmen vor Gericht ihre Kollegen in Schutz und sprechen deren Fehler nur zurückhaltend an.
  • Wann sollte man sich einen Anwalt nehmen? Zunächst ist ein Anruf bei der eigenen Krankenkasse sinnvoll, die im Verdachtsfall den Medizinischen Dienst der Krankenkassen (MDK) einschalten kann. „Spätestens, wenn sich der Verdacht durch die Stellungnahme des MDK erhärtet, sollte man einen Anwalt einschalten“, rät Soukup.
  • Wie lange dauert es im Erfolgsfall, bis der Patient entschädigt wird? Unterschiedlich! „Im Durchschnitt beträgt die Verfahrensdauer vor Zivilgerichten in erster Instanz etwa zwei Jahre“, berichtet Soukup. In der zweiten Instanz komme oft ein weiteres Jahr hinzu.
  • Mit welchen Kosten ist zu rechnen? Soukup: „Die Anwalts- und Gerichtskosten orientieren sich am Streitwert – also an der Geldsumme, die als Schmerzensgeld und Schadenersatz angestrebt wird.“
  • Wann verjährt der Anspruch auf Schmerzensgeld und Schadenersatz? Nach drei Jahren. Vorsicht: Die Verjährungsfrist wird zwar etwa durch Gerichtsverhandlungen außer Kraft gesetzt, nicht aber durch anwaltliche Aktivitäten wie Briefe oder durch Ermittlungen des MDK.
  • Wie viel Schmerzensgeld wird bezahlt? Ganz unterschiedlich. „Die höchsten bisher in Deutschland zuerkannten Beträge erreichen eine Größenordnung von etwa 700 000 Euro“, weiß Soukup.

Andreas Beez

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