Drama um Ex-Löwen

Bodden und CFS: Wenn der Körper zum Feind wird

+
Sein letztes Löwen-Tor schoss Olaf Bodden am 9. August 1997 zum 3:3 gegen Bremen. Voriges Jahr unterstützte ihn die Löwenfamilie mit einem Benefizspiel – er wurde im Krankenbett ins Stadion gebracht.

München - Nicht nur Ex-Löwe Olaf Bodden leidet am chronischen Erschöpfungssyndrom. Von der unheimlichen Krankheit sind rund 300.000 Deutsche betroffen. Doch nach wie vor wird CFS unterschätzt.

Es ist eines der tragischsten Spieler-Schicksale, das der Fußball erlebt hat – vor ­allem aber eine menschliche Tragödie: Olaf Bodden (46), ehemals hochtalentierter Torjäger und bis heute Publikumsliebling des TSV 1860, leidet bereits seit Jahren schwer an einer rätselhaften und unheimlichen Krankheit. Sie lässt sein Immunsystem verrückt spielen. Es hält – vereinfacht erklärt – gesunde Zellen irrtümlich für schädliche Zellen und greift sie an. Die Verteidigungsarmee des eigenen Körpers wird praktisch zum persönlichen Feind.

Mittlerweile verliert Bodden immer mehr an Kraft und auch an Zuversicht. Sein Zustand hat sich in den vergangenen Monaten noch einmal dramatisch verschlechtert – so sehr, dass sich seine Freunde aus der Löwenfamilie große Sorgen um ihn machen. „Der Olaf ist ein Kämpfer, er würde niemals jammern. Aber es geht ihm wirklich hundsmiserabel“, sagt der frühere Kult-Trainer Karsten Wettberg (73) und schlägt Alarm: „Wir müssen etwas tun. Vielleicht finden wir gemeinsam einen Weg, wie wir ihn wieder auf die Beine bringen können.“

Zusammen mit dem Unternehmer Hans Peter Bernhard hat Wettberg eine Hilfsaktion angestoßen (siehe unten). Sie soll ihm Mut machen und auch finanziell unterstützen. Denn egal, für welche Behandlung sich ­Bodden entscheidet – die Medikamente sind teuer und werden von der Krankenkasse nur zum Teil oder überhaupt nicht bezahlt. Was Bodden gerade durchmacht, warum seine Krankheit so ­tückisch ist, wie ungeahnt viele ­Leidensgenossen es gibt, wie ihm Ärzte und Freunde helfen wollen – ­darum geht es dieses Mal im großen tz-Report.

Albtraum CFS: So leiden 300.000 Deutsche

Haben Sie schon mal von der ­Myalgischen Enzephalomyelitis (ME) gehört? Ein Zungenbrecher, der die allermeisten Menschen ­ratlos zurücklässt. Manche können mit der neueren medizinischen Bezeichnung etwas mehr anfangen: Chronic Fatigue Syndrome (CFS) – auf Deutsch chronisches Erschöpfungssyndrom. Da klingelt es vor allem bei vielen Fußball-Fans – ­insbesondere dann, wenn sie Anhänger der Blauen sind. Ihr früherer Kult-Stürmer Olaf Bodden (46) ist über den Fußball hinaus das bekannteste Gesicht der rätselhaften Erkrankung in Deutschland.

So tückisch ist die Krankheit

Hinter dem verharmlosenden Kunstbegriff Erschöpfungssyndrom verbirgt sich eine schwere kraftraubende Autoimmunerkrankung, die Körper und Geist bis zum Äußersten lähmen kann. „Es ist eigentlich eine Unverschämtheit zu behaupten, man wäre chronisch müde“, hat Bodden einmal im tz-Interview gesagt. Die Wahrheit offenbart ein ganz anderes Ausmaß an Folgen: Bodden, das frühere Kraftpaket, ein Mann wie ein Baum, kann sich nur noch im Rollstuhl fortbewegen, ist sogar in der eigenen Wohnung darauf angewiesen. Und inzwischen beschränken sich seine Beschwerden nicht mehr aufs Körperliche. „Es fällt ihm beispielsweise schwer, länger als ein paar Minuten zu telefonieren“, weiß sein Freund Karsten Wettberg.

Gedächtnis-, Konzentrations- und Schlafstörungen gehören zu den typischen Symptomen des CFS. Aber darüber hinaus haben die Patienten häufig noch weitere „Baustellen“ – weil es eine systemische Erkrankung ist, wie Mediziner sagen, also dem ganzen Körper zusetzt. Mal macht der Magen-Darm-Trakt Probleme, mal schmerzen Muskeln und Gelenke heftig. Dazu kommt eine extreme Abgeschlagenheit, fehlende Energie von Kopf bis Fuß – ähnlich wie bei einer heftigen Erkältung.

Die Art der Beschwerden können jedoch von Patient zu Patient verschieden sein. Nach Erkenntnissen des Selbsthilfe-Bündnisses ME/CFS gibt es mittlerweile Forschungsarbeiten über mehr als 4000 typische biologisch-organische Anomalien bei CFS-Patienten – vereinfacht ausgedrückt: Fehlfunktionen/Defekte.

So rätselhaft ist die Krankheit

Was den Körper so außer Kontrolle bringt, ist bis heute noch nicht genau erforscht. Zur Entstehung der Erkrankung gibt es verschiedene wissenschaftliche ­Theorien. Eine weit verbreitete besagt, dass bestimmte Viren eine zentrale Rolle spielen könnten – so auch im Fall Bodden, der sich mit dem Epstein-Barr-Virus (EBV) infiziert hatte und daraufhin 1997 am Pfeifferschen Drüsenfieber erkrankte.

So viele Patienten leiden an der Krankheit

Der Ex-Fußballer ist kein Einzelfall, die Zahl der Betroffenen wird häufig unterschätzt. „Wir gehen davon aus, dass wir allein in Deutschland etwa 300 000 CFS-Patienten haben, weltweit gar circa 17 Millionen. Und es werden immer mehr“, erläutert Professorin Dr. Carmen Scheibenbogen von der größten deutschen Universitätsklinik, der Berliner Charité, im tz-Gespräch. „Es kann leider jeden erwischen – Frauen und Männer, junge und alte Menschen.“

So schwer ist der Kampf gegen die Krankheit

Die führende CFS-Spezialistin Scheibenbogen hat auch Bodden bereits behandelt, konnte aber bislang leider nicht verhindern, dass ihm die Erkrankung weiterhin brutal zusetzt. Zuletzt musste der 46-Jährige einen heftigen Rückschlag verkraften. Er hatte große Hoffnung in eine neue Therapie mit dem Medikament Rituximab gesetzt. Das stammt eigentlich aus der Onkologie – so wird die Behandlung von Krebspatienten in der Fachsprache genannt. Es wird hauptsächlich Patienten verabreicht, die an einer Chronischen Lymphatischen Leukämie (CLL) leiden, der häufigsten Form von Blutkrebs. „Rituximab hat die Immuntherapie bei CLL revolutioniert“, sagt der erfahrene Spezialist Professor Dr. Wolfgang Hiddemann von der Uniklinik Großhadern in einem tz-Interview.

Aber auch bei vielen Autoimmun­erkrankungen ist Rituximab wirksam. So haben Wissenschaftler aus Norwegen unter anderem herausgefunden, dass das Antikörper-Medikament Patienten mit einem chronischen Erschöpfungs­syndrom helfen kann. Diese Erkenntnis versuchen sie in einer sogenannten klinische Studie zu erhärten. Daran nehmen Patienten aus ganz Europa teil. Auch Bodden machte diese Immuntherapie mit. Aber bei ihm brachte sie leider nicht den gewünschten Erfolg, im Gegenteil: Das Medikament rief eine Art allergische Reaktion hervor.

„Etwa zwei Drittel der CFS-Patienten geht es durch die Behandlung mit Rituximab besser. Bei Herrn Bodden hat es leider schwere Nebenwirkungen verursacht, von denen er sich nicht richtig erholt hat“, weiß Professorin Scheibenbogen.

Bodden kannte das Risiko, aber in seiner Verzweiflung hatte er es in Kauf genommen. Letztlich entpuppte sich diese mutige Entscheidung jedoch als ein Schritt zurück. „Das hat ihn natürlich sehr deprimiert. Aber trotzdem darf der Olaf jetzt nicht aufgeben“, ermutigt ihn sein Freund Karsten Wettberg – und die engagierte Medizinerin Scheibenbogen nährt die Hoffnung aller Betroffenen: „Es sind noch nicht alle Behandlungsmöglichkeiten ausgeschöpft.“

So aufwendig ist die Erforschung der Krankheit

Weil CFS längst noch nicht so gut erforscht ist wie Krebs oder andere Volkskrankheiten, müssen viele erfolgversprechende Therapieansätze erst im Rahmen von klinischen Studien erprobt und weiterentwickelt werden. „Die Regularien dafür sind in Deutschland sehr streng“, erläutert Wissenschaftlerin Scheibenbogen. „Die Genehmigungsverfahren sind aufwendig.“ Und neue Projekte von Haus aus teuer: Um eine Studie zu CFS durchführen zu können, werden mehrere Hunderttausend Euro benötigt. Das Geld wäre allerdings gut investiert. „Es gibt weltweit nur wenige weiterführende Studien zu CFS. Auch deshalb müssen wir uns bei unseren Therapien momentan oft darauf beschränken, die Symptome zu bekämpfen“, so Scheibenbogen.

So unterentwickelt ist das Versorgungssystem

Während es in Deutschland in fast jeder größeren Stadt beispielsweise Krebszentren gibt, existiert bundesweit kein einziges Spezialzentrum für CFS. „Patienten und Angehörige müssen meist ohne Anerkennung mit dieser schweren Krankheit fertigwerden“, kritisiert Professorin Scheibenbogen. Um das zu ändern, engagiert sie sich zusammen mit der Berliner Stiftung Fairplay für den Aufbau besserer Versorgungsstrukturen. Ein weiteres großes Ziel ist es, die Entwicklung neuer Behandlungsmethoden mithilfe von Spendengeldern und Sponsoren möglich zu machen. (Mehr Informationen dazu gibt’s im Internet unter www.fairplay-germany.de).

So könnten neue Therapien helfen

Olaf Bodden hofft darauf, dass an der Charité bald eine Studie zu einer speziellen, erfolgversprechenden Zelltherapie anläuft. Dabei werden bestimmte Abwehrzellen aus dem Blut des Patienten im Labor vermehrt (mehr dazu lesen Sie in einer unserer nächsten Ausgaben). „Herr Bodden wäre einer von mehreren Patienten, die davon profitieren könnten“, berichtet Scheibenbogen.

So sehr wird die Krankheit unterschätzt

Bis Bodden möglicherweise eine neue Behandlung im Rahmen der Berliner Studie antreten kann, muss der kranke Löwe aber erstmal seinen Alltag meistern – und das ist schwer genug. Fast sein ganzes Geld geht für Medikamente drauf, die die Beschwerden mehr schlecht als recht lindern (lesen Sie dazu auch den Spendenappell von Karsten Wettberg). Die Krankenkasse übernimmt die Kosten nicht. Weil CFS im deutschen Gesundheitssystem noch immer keine ausreichende Berücksichtigung als schwere, eigenständige Krankheit findet. Oft werden die Betroffenen kritisch beäugt. Ein bisserl so, wie man jemanden anschaut, dem man seine schlimmen Beschwerden nicht hundertprozentig abkauft. Für Olaf Bodden und Hunderttausende Leidensgenossen muss sich eine solche Haltung wie ein Schlag ins Gesicht anfühlen.

Olaf Bodden: Liebling der Löwen

Vor dem gegnerischen Tor war Olaf Bodden in seinem Element: Der 1,92 Meter große Hüne aus Kalkar in Nordrhein-Westfalen galt als Brecher unter den Torjägern – allerdings mit technischen Fähigkeiten.

Karsten Wettberg (r.) unterstützt Bodden nach Kräften.

Er stand auf dem Sprung in die Nationalelf, bevor ihn seine Krankheit aus der Bahn warf. Für die Löwen stand er von 1994 bis 1998 unter Vertrag. Er trug in 67 Bundesligaspielen das Trikot des TSV 1860 und erzielte dabei 25 Tore. Zuvor war er bereits für Gladbach und Rostock aufgelaufen. Mit 29 Jahren musste Bodden seine Karriere beenden, nachdem er immer wieder gesundheitliche Rückschläge erleiden musste. Die Ärzte hatten bei ihm Pfeiffersches Drüsenfieber diagnostiziert. Im Laufe der Jahre ging es ihm immer schlechter. Dass er Rückendeckung aus der Löwenfamilie erhält, freut ihn sehr. Der 46-Jährige zur tz: „Es tut gut zu wissen, dass so viele Menschen an mich denken.“ Sein Wort hat Gewicht bei den Anhängern des TSV 1860. Seit er die Löwen 1991 von der Bayernliga zurück in die zweite Bundesliga führte, nennen ihn die Fans respektvoll „den König von Giesing“. Jetzt bittet Karsten Wettberg die Löwenfamilie um Hilfe – nicht für sich selbst, sondern für eine andere Kultfigur des Traditionsvereins: Olaf Bodden. In einem offenen Brief wirbt er um Unterstützung für den schwerkranken Ex-Stürmer.

Die tz veröffentlicht Wettbergs ­Spendenaufruf im Wortlaut:

Liebe tz-Leser, liebe Löwen-Fans,

auf dem Platz hat Olaf Bodden immer alles gegeben. Er hat uns Löwen begeistert – nicht nur durch seine Tore und seine fußballerischen Qualitäten, sondern auch durch seine charakterlichen Stärken.

Der Olaf ist stets auf dem Boden geblieben. Er gehört nicht zu der Sorte Fußball-Profis, die in Saus und Braus gelebt und ihr ganzes Geld verprasst haben. Der Olaf hat sich gut abgesichert. Dadurch hat er heute monatlich etwa 4700 Euro zur Verfügung. Das klingt zunächst nach sehr viel Geld, aber in seinem Fall gehen über 4000 Euro für Medikamente drauf. Allesamt Arzneimittel, die die Krankenkasse nicht bezahlt. Weitere Therapien, die für Olaf vielleicht die letzte Chance bedeuten können, sind hierbei noch gar nicht eingerechnet. Er kann sie nur dann nutzen, wenn wir ihm helfen.

Wir Löwen haben schon oft bewiesen, dass wir nicht nur in guten Tagen zusammenhalten. Darauf kommt es jetzt einmal mehr an. Gemeinsam haben wir die Möglichkeit, Olaf Bodden zur Seite zu stehen. Einmal Löwe, immer Löwe – deshalb bitte ich Sie, unsere Hilfsaktion zu unterstützen. Wir haben ein Spendenkonto eingerichtet:

Karsten Wettberg / für Olaf Bodden

Kontonummer: 1860 0 007

Bankleitzahl: 750 515 65 bei der

Kreissparkasse Kelheim.

IBAN: DE 42750515650018600007

BIC: BYLADEM1KEH

Wir freuen uns über jeden einzelnen Euro und garantieren, dass jeder Cent bei Olaf Bodden ankommt!

Herzlichen Dank

Euer Karsten Wettberg

Andreas Beez

Auch interessant

Mehr zum Thema:

Meistgelesen

Hat Wodka Red Bull etwa dieselbe Wirkung wie Kokain?
Hat Wodka Red Bull etwa dieselbe Wirkung wie Kokain?
Haben Sie diesen Streifen auf dem Fingernagel, ist es gefährlich
Haben Sie diesen Streifen auf dem Fingernagel, ist es gefährlich
Kurioses Rezept geht viral – und das ganze Netz lacht sich kaputt
Kurioses Rezept geht viral – und das ganze Netz lacht sich kaputt
25 Jahre Feldversuch: Bewegung hält jung
25 Jahre Feldversuch: Bewegung hält jung

Kommentare