Alt, krank und arm

Medikamentenzuzahlung von Senioren auf Höchststand

München - Wer alt ist, muss häufiger zum Arzt und braucht mehr Medikamente. Das Problem: Die werden tendenziell immer teurer. Leidtragend sind dabei vor allem die, die ohnehin schon kaum genug zum Leben haben.

Rentner, die mit einem kleinen Ruhegeld auskommen müssen oder gar auf Grundsicherung im Alter angewiesen sind. Und weil das Geld nicht reicht, droht ihnen eine weitere Verschlechterung ihre Gesundheitszustandes. Deshalb warnt VdK-Präsidentin Ulrike Mascher jetzt davor, dass viele Rentnern in einem Teufelskreis aus Krankheit und Armut stecken. Bayern ist besonders betroffen – im Freistaat gelten 26,6 Prozent der Bezieher einer gesetzlichen Rente als armutsgefährdet. Allein in München beziehen schon heute 14 000 Menschen Grundsicherung im Alter. Die tz erklärt den Teufelskreis:

Warum spielen die Gesundheitsausgaben eine solche Rolle für Rentner?

Es ist eine Binsenweisheit: Wer älter ist, muss auch häufiger zum Arzt. Eine aktuelle Studie des Robert-Koch-Instituts belegt diese Annahme. Danach haben 80 Prozent der über 75-jährigen Frauen und drei Viertel der Männer mindestens zwei chronische Erkrankungen. Und wer oft oder gar chronisch krank ist, bekommt auch viele Medikamente. Etwa ein Drittel der Menschen ab 65 Jahre nehmen demnach regelmäßig mindestens fünf verschiedene Medikamente ein. Und diese Medikamente kosten. 

Können sich chronisch Kranke nicht von den Zuzahlungen befreien lassen? 

Doch, sie müssen „nur“ ein Prozent ihres Bruttoeinkommens für Zuzahlungen aufbringen – bei nicht chronisch Kranken liegt diese Quote bei zwei Prozent. Wer als chronisch Kranker eine Rente von 1000 Euro bekommt, muss pro Monat nicht mehr als 10 Euro zuzahlen. „Allerdings sind mit den Zuzahlungen längst nicht alle Gesundheitsausgaben abgedeckt“, sagt VdK-Chefin Mascher zur tz. 

Welche zusätzlichen Kosten fallen denn an? 

Zwei große Posten fallen hier ins Gewicht. Zum einen die nicht-verschreibungspflichtigen Medikamente. Sie müssen komplett selbst bezahlt werden, von den Krankenkassen ausgehandelte Festpreise gibt es nicht. Die Folge: Die Mittel sind häufig besonders teuer – und viele Rentner vergleichen die Preise der Apotheken nicht. „Es handelt sich keineswegs nur um Mittel gegen Husten, Schnupfen oder Heiserkeit“, weiß Mascher. Auch Schmerzmittel, Salben und Kreislauftropfen gehören dazu. „Medikamente, die sich nicht einfach durch Hausmittel ersetzen lassen und sogar vom Arzt verordnet werden“, so Mascher weiter. 

Sind die Kosten für Rentner denn tatsächlich gestiegen? 

Ja. Derzeit gibt ein Rentnerhaushalt laut Statischem Bundesamt 92 Euro im Monat für die Gesundheitspflege aus – das sind 20 Euro mehr als noch vor zehn Jahren. „Der Großteil dieses Preisanstiegs geht auf die Kosten für freiverkäufliche Medikamente zurück“, urteilt Mascher. 

Welche Kosten bleiben noch bei den Rentnern hängen? 

Zuzahlungsbefreiung hin oder her – Zahnersatz und Brillen müssen immer selbst bezahlt werden. Mascher: „Geht die Brille kaputt oder ist etwas mit den Zähnen, dann ist die finanzielle Katastrophe da!“ Andere sparen, wo sie können – etwa bei den neuen Batterien für das Hörgerät. Dadurch werden Rentner nicht nur von der gesellschaftlichen Teilhabe abgehängt – es entstehen auch konkrete Gesundheitsgefährdungen. Wenn die Brille nicht mehr passt oder das Hörgerät nicht mehr funktioniert, dann steigt etwa die Unfallgefahr. Und auch in anderen Bereichen sparen Rentner: um sich die Gesundheitskosten leisten zu können, gehen sie weniger vor die Tür oder drehen die Heizung klein. „Folgen sind eine höhere Infektionsanfälligkeit und die Neigung zur Depression“, warnt Mascher.

Welche Rolle spielen die geplanten Erhöhungen der Krankenkassenbeiträge? 

Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU).

Die AOK und jetzt auch die Techniker Krankenkasse haben angekündigt, ihre Beiträge im kommenden Jahr um 0,2 Prozent anzuheben. Dieser Zusatzbeitrag geht allein auf Kosten der Versicherten. Bei einem Einkommen von 3000 Euro sind das sechs Euro im Monat. Läppisch, findet Gesundheitsminister Gröhe und sagt dazu: „Das ist eine halbe Kinokarte.“ Allerdings geht es dabei nur um die Erhöhung – der gesamte Zusatzbeitrag schlägt dagegen, um im Bild zu bleiben, mit fast drei Kinokarten zu Buche. Das tut besonders den ärmsten Rentnern weh. „In der Grundsicherung sind drei Kinokarten pro Monat jedenfalls nicht vorgesehen“, ärgert sich VdK-Präsidentin Mascher. Ohnehin seien gerade Rentner, die Grundsicherung empfangen, besonders benachteiligt. Ihr Regelsatz wird genauso berechnet wie der von Hartz-IV-Empfängern. 404 Euro im Monat – davon sind gerade mal 17,36 Euro für Gesundheitsausgaben vorgesehen – der gleiche Wert wie für einen gesunden 30-jährigen Empfänger von Arbeitslosengeld II!

Marc Kniekamp

Sparen: Wintermantel auf Rate

Wie hart die Gesundheitskosten für die Betroffenen sind, zeigt dieses Beispiel. Eine 66-jährige Rentnerin aus Nürnberg, die lieber anonym bleiben will, hat für den VdK ihre Einnahmen und Ausgaben eines Monats dokumentiert. Mit ihrer Rente von 786 Euro liegt sie dabei sogar über der durchschnittlichen Frauenrente in Bayern, die bei lediglich 595 Euro liegt. Trotzdem muss die alleinstehende, chronisch kranke Frau jeden Cent zweimal umdrehen. Obwohl sie als chronisch Kranke von der Zuzahlung bis auf 7,50 Euro – ein Prozent des Bruttoeinkommens – befreit ist, summieren sich ihre Gesundheitskosten auf 62,48 Euro. „Aber nur, wenn nichts anderes dazu kommt“, sagt VdK-Präsidentin Ulrike Mascher. Die Brille darf da nicht kaputt gehen. Für die Beispielrentnerin bedeuten diese Ausgaben, dass sie in anderen Bereichen sparen muss. Einen Wintermantel, der insgesamt 99 Euro gekostet hat, stottert sie mit 15 Euro je Monat ab.

Einnahmen Rentnerin pro Monat
Posten Summe
Rente aus eigener Erwerbstätigkeit 786,00 Euro
Wohngeld 64,00 Euro
Gesamt 850,00 Euro
Ausgaben Rentnerin pro Monat
Posten Summe
Miete (inkl. Heizungs- und Betriebskosten) 450,00 Euro
Strom 20,00 Euro
Telefon 34,95 Euro
Fahrtkosten 22,00 Euro
Versicherungen (Haftpflicht, Rechtschutz, Krankenzusatz) 28,60 Euro
Mitgliedsbeiträge 11,50 Euro
Rundfunkbeitrag 17,50 Euro
Ratenzahlungen (für einen Wintermantel, gesamt 99 Euro) 15,00 Euro
Lebensmittel 150,00 Euro
Medikamente (Zuzahlung und eigenfinanziert) * 62,48 Euro
Gesamt 812,03 Euro
Es verbleiben für alle weiteren Ausgaben 37,97 Euro

Rubriklistenbild: © picture alliance / dpa

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