Der schwere Alltag mit der Krankheit

Ein Leben mit Alzheimer: Unsere Liebe vergessen wir nicht!

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Walter Oberst (72) ist mit seiner Christina (74) glücklich - trotz der Krankheit.

München - Alzheimer gilt als unheilbar. Ein Münchner spricht nun über seinen Alltag mit seiner erkrankten Ehefrau. Und es gibt laut einer neuen Studie sogar Hoffnung.

Wenige Tage ist es her, dass ein Mord die Stadt schockte: Der demenzkranke Alfred W. (81) erdrosselte ­seine Frau Lydia (84†) im eigenen Haus. Starke Aggressionen hatten den Rentner zu der Tat verleitet. Ein furchtbares Drama - aber ein Einzelfall. Denn demente Patienten ziehen sich eher aus der Realität zurück, weil sie nicht mehr mit ihrer Umwelt klarkommen. Walter Oberst (72) kennt diese Situation: Vor sechs Jahren erkrankte seine Frau Christina (74) an Alzheimer. Wie schwer der gemeinsame Alltag des Münchner Ehepaares ist und welches Glück ihnen trotzdem bleibt: Darüber spricht er ganz offen in der tz

Mittags keine Erinnerung mehr an das Frühstück

Zärtlich lehnt sie an der Schulter ihres Mannes Walter (72). Ihr Blick ist frisch und wach. Aber Christina Oberst-Hundt (74) ist unheilbar krank: Sie leidet an Alzheimer - seit sechs Jahren. Auch für Ehemann Walter ein schweres Los: Er betreut seine Frau zu Hause, teilt Liebe und Leid. "Noch heute weiß sie, wo wir uns zum ersten Mal getroffen haben", sagt er. "Aber was wir zum Frühstück gegessen haben: Daran erinnert sie sich am Mittag nicht mehr." Das Protokoll eines langsamen Abschiedes:

Wie man die Krankheit bemerkt

"Es ist ein schleichender Prozess. Plötzlich verändern sich Verhaltensweisen, und das Gedächtnis setzt immer mehr aus. Meine Frau hatte zu Hause skurrile Verhaltensweisen entwickelt. Zum Beispiel wollte sie unbedingt einen neuen Computer, den wir dann auch zusammen gekauft hatten. Bis zum heutigen Tag hat sie ihn aber nicht benutzt. Das hatte mich anfangs geärgert. Denn früher hat sie als Publizistin, Lektorin und Buchautorin gearbeitet. Das weiß sie heute aber nicht mehr. 2010 wurde eine demenzielle Erscheinung festgestellt. Kurz zuvor hatten meine Töchter bei einem Besuch gesagt: 'Papa, mit der Mama stimmt etwas nicht.' Ich ging dann mit ihr in die Nußbaumstraße. In der Klinik hat meine Frau unter ärztlicher Anleitung etliche Tests absolviert. Ihr Gedächtnis war schon mehr als schlecht."

Was den Alltag so schwierig macht

"Meine Frau beherrscht im Haushalt nur noch wenige Tätigkeiten wie Wäsche zusammenlegen oder Geschirrspüler ausräumen. Ich muss allerdings sofort aufpassen, dass sie die Sachen dann nicht irgendwo hinstellt oder aus Versehen versteckt. Das passiert leider immer wieder. Dann finde ich ihre Brille im Kühlschrank. Oder ihre Unterwäsche in meiner Schublade. Wenn ich sie darauf anspreche, ist sie wieder hellwach und protestiert: 'Ich soll das gewesen sein?' Das zeigt: Ihr Selbstwertgefühl ist intakt. Aber für mich sind solche Situationen ein täglicher Frust, der traurig macht."

Fremd in der eigenen Welt

"Lange Zeit hatte Christina Weglauf-Tendenzen und große ­Orientierungs-Schwierigkeiten. Vom Kolumbusplatz fand sie mit der U-Bahn plötzlich nicht mehr alleine nach Hause zur Schwantha­lerhöhe. Als sie Bus fuhr, stieg sie zu früh aus und kam erst zehn Stunden später nach Hause. Das waren einschneidende Erlebnisse. Vor zwei Jahren führte sie abends den Hund meiner Tochter aus. Niemand wusste, wo sie war. Per Hubschrauber und Streifenwagen wurde nach ihr gesucht. Erst am nächsten Morgen um sechs wurde sie im Brudermühltunnel entdeckt und war völlig verwirrt. Sie hatte sich einfach nicht mehr zurechtgefunden und sich auch nicht getraut, jemanden zu fragen."

Die Verwirrung im Kopf

"Meine Frau hat auch nicht mehr den richtigen Eindruck von Tag und Nacht. Wenn ich spätabends noch im Arbeitszimmer saß, kam sie manchmal vorbei und fragte nach dem Frühstück. Ich musste sie dann überzeugen, wieder schlafen zu gehen. Das Schlimmste ist - und daran kann ich mich bis heute nicht gewöhnen: Meine Frau vergisst nach zwei Minuten, was wir zuvor besprochen, vereinbart haben oder unternehmen wollen. In ihrem Kopf ist das alles gelöscht. Später muss ich mir von ihr oft anhören: 'Das hast du mir nie gesagt.' So etwas passiert beinahe jeden Tag. Nur ganz selten hat sie Erkenntnisschübe. Dann sitzt sie da und sagt: 'Ich werde immer depperter. Und du hast solche Probleme mit mir.' Das kommt etwa alle sechs Wochen vor. Ansonsten überspielt sie das."

Das Glück, das bleibt

"Ich lese zum Einschlafen gerne Witzbücher, die ein gewisses Niveau haben. Am nächsten Morgen erzähle ich sie meiner Frau - und sie versteht sie alle. Wir können zusammen darüber lachen, das sind wunderschöne und intensive Momente. Ebenso, wenn wir Filme schauen, Krimis oder Komödien. Sie vergisst zwar, dass wir den Film angeschaut haben. Aber in dem Moment, wenn sie ihn sieht, hat sie ihren Spaß und kann sich freuen. Einige Sätze von alten Filmen kann sie sogar immer noch mitsprechen. Wir teilen dieses Vergnügen."

Zukunft und Abschied

"Aktuell geht meine Frau drei Tage pro Woche zur Tagespflege. Das ist für mich eine Entlastung und für sie eine unheimlich schöne Sache: Sie wird dort unterhalten, angeregt zu malen, zu singen und zu sprechen. Morgens wird sie abgeholt und abends wieder gebracht. Nach den jetzigen Kriterien des Medizinischen Dienstes ist sie noch nicht pflegebedürftig. Das ändert sich 2017, dann erhalte ich höhere Zuschüsse. In den nächsten vier bis fünf Jahren muss ich damit rechnen, dass meine Frau in ein Heim kommt. Aber ich möchte sie möglichst lange bei mir haben. Sie liebt unsere Wohnung, wir haben sie 1984 gekauft und uns einen Lebens­traum verwirklicht. Hier sind wir glücklich. Unsere Liebe werden wir nie vergessen - trotz Alzheimer."

Neue Hoffnung für Patienten

1,6 Millionen Bundesbürger leiden nach Angaben der Deutschen Alzheimer Gesellschaft e.V. an Demenz, zwei Drittel von ihnen haben Alzheimer. Die Krankheit gilt als unheilbar. Eine neue Studie bringt jetzt aber Hoffnung.

1,6 Millionen Deutsche sollen an Demenz leiden.

Demnach können Antikörper die typischen Eiweiß-Ablagerungen im Gehirn der Alzheimer-Patienten reduzieren. Auch die fortschreitende Verschlechterung der Geisteskraft scheine sich infolge der Behandlung zu verlangsamen, berichten Forscher aus den USA und der Schweiz im Fachblatt Nature. Dieser positive Effekt auf die kognitiven Fähigkeiten müsse aber noch genauer untersucht werden.

Experten nehmen an, dass die typischen Plaque-Ablagerungen die Hauptursache für die Alzheimer-Erkrankung sind, indem sie etwa Nervenzellen zerstören, Entzündungsreaktionen auslösen und letztlich die Signalübertragung im Gehirn behindern. Bewiesen ist das bisher aber nicht.

Wissenschaftler um Alfred Sandrock vom US-Biotech-Unternehmen Biogen hatten 165 Patienten mit leichten Alzheimer-Symptomen ein Mal monatlich mit dem Antikörper Aducanumab oder mit einem Scheinmedikament behandelt. Der Antikörper greift die für Alzheimer typischen Eiweiße an und sorgt für ihren Abbau.

"Das ist aus vielerlei Gründen eine sehr wertvolle Studie", kommentiert Theo Dingermann vom Biozentrum der Goethe Universität Frankfurt am Main.

Dennoch müsse man realistisch bleiben: Es handele sich um eine Grundlagenstudie - von einer therapeutischen Anwendung seien die Mediziner noch Jahre entfernt.

Infos für Angehörige

Unterstützung und Informationen zum Thema Demenz erhalten Betroffene und pflegende Angehörige z.B. bei der Alzheimer Gesellschaft München e.V. (Tel. 089/47 51 85, www.agm-online.de)

Andreas Thieme

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