tz-Report

Alzheimer: Wenn es zu Hause nicht mehr geht - Angehörige ins Heim

+
Zeit miteinander genießen: Alexandra Schmidt (rechts) mit ihrer Mutter ­Anita bei einem Restaurantbesuch.

München - Es gibt kaum eine Frage, die die Angehörigen von Alzheimer-Patienten so sehr quält: Wie soll es weitergehen, wenn die Pflege zu Hause nicht mehr zu schaffen ist?

Die Vorstellung, die eigene Mama in eine Betreuungseinrichtung zu geben, hat auch Alexandra Schmidt (48) aus Harlaching anfangs arg zugesetzt. „Aber irgendwann war der Zeitpunkt er- reicht, an dem es leider nicht mehr anders ging.“ Gemeinsam mit ihrer Familie entschloss sie sich, ihre demente 75-jährige Mutter einer Wohngruppe anzuvertrauen – eine Entscheidung nach schlaflosen Nächten. „Aber im Nachhinein hat sie sich als goldrichtig entpuppt“, sagt Alexandra Schmidt. „In erster Linie für meine Mama, weil sie dort die intensive, professionelle Betreuung erfährt, die wir daheim gar nicht leisten können. Aber auch für uns Angehörige, weil in unserem Alltag wieder Normalität eingekehrt ist.“ In der tz erzählt die Münchnerin, wie die schwierige Entscheidung gereift ist.

Es sind auch die wertvollen Erinnerungen an vertraute Gespräche zwischen Mutter und Tochter, die Alexandra Schmidt bis heute helfen: „Als meine Mama noch geistig voll da war, da hat sie mehrmals klipp und klar gesagt: Macht euch bitte keine Gedanken. Wenn ich mal nicht mehr alleine zurechtkomme, ist es wirklich kein Problem für mich, in ein Heim zu ziehen.“

Natürlich hat sich die Tochter trotzdem Gedanken gemacht. Zunächst versuchte sie, das schwierige Thema immer wieder auszublenden. Aber die Realität, der Alltag mit Alzheimer, holte die Familie immer öfter ein. In den vergangenen Jahren hatte die Seniorin immer mehr abgebaut. Lange war dieser Prozess irgendwie zu händeln – vor allem deshalb, weil sie mit ihrer Familie unter einem Dach lebte, in einer Wohnung im gemeinsamen Häuschen in Harlaching. Die Kinder holten sich Hilfe, organisierten Betreuung auch außerhalb der eigenen vier Wände – beispielsweise in einer Tageseinrichtung in Giesing. „Das klappte einige Jahre lang sehr gut, meine Mama ist gerne hingegangen“, erinnert sich ihre Tochter. „Aber zuletzt hat sie ihre Selbstständigkeit komplett verloren.“

Alzheimer: Immer öfter heikle Zwischenfälle

Immer öfter gab es heikle Zwischenfälle: Mal sperrte sich die demente Mama selbst aus, wenn keiner zu Hause war. Mal ließ sie den Herd an oder setzte mit einem rollenden Heizkörper beinahe die Wohnung in Brand. „Wir hatten das Gerät extra mit einer Kette an der Wand befestigt, um auf Nummer sicher zu gehen“, berichtet Alexandra. „Das mag paradox klingen, aber man wird irgendwann übervorsichtig, sieht überall die nahende Katastrophe. Immer wenn ich von der Arbeit heimgefahren bin, habe ich mir ausgemalt, was wieder alles passiert sein könnte.“

In diesem Fall war es ihrer Mama irgendwie gelungen, das Heizgerät von der Kette zu lösen und etliche Kleidungsstücke darüber zu hängen. Es lag schon beißender Brandgeruch in der Luft, als ihre Tochter das Malheur gerade noch rechtzeitig entdeckte. Wieder war eine Gefahrenquelle enttarnt – nachdem die Angehörigen Kerzen, Feuerzeuge und viele andere Alltagsgegenstände schon längst weggeräumt hatten.

Irgendwann erkannte die Seniorin ihren Schwiegersohn Bodo (50) nicht mehr – dann konnte sie auch ihre Tochter und die Enkelin Nina (18) nicht mehr richtig zuordnen. „Bis heute erkennt sie uns zwar, weiß aber nicht mehr, wer wir eigentlich sind.“ Das Netzwerk aus Familie, netten Nachbarn und professionellen Helfern – irgendwann trug es einfach nicht mehr.

Alzheimer - Mutter im Heim: "Sie hat sich sofort wohlgefühlt"

Inzwischen hatte sich die Familie bereits um einen Platz in einer Wohngruppe in Trudering bemüht. Als viel früher als gedacht einer der begehrten Plätze frei wurde, mussten sich die Schmidts entscheiden. „Wir haben meiner Mutter ein schönes Zimmer eingerichtet, mit ihren eigenen Möbeln und Lieblingssachen. Als wir sie hingebracht haben, haben wir ihr wie selbstverständlich gesagt: ‚Mama, du hast doch jetzt eine neue Wohnung‘“, erinnert sich Ale­xandra. Die Befürchtung, ihre Mutter könnte sich abgeschoben fühlen, erwies sich schnell als unbegründet: „Sie hat sich sofort wohlgefühlt und wahrscheinlich gar nicht realisiert, dass sie jetzt nicht mehr bei uns im Haus wohnt.“

In der Wohngruppe erfährt Anita liebevolle Betreuung, es wird gemeinsam gekocht, gesungen, gebastelt. Häufig stehen gemeinsame Spaziergänge auf dem Programm. Die Angehörigen sind eng eingebunden, es geht familiär zu, das gibt Alexandra ein gutes Gefühl: „Wenn ich zu meiner Mama fahre, dann bin ich entspannt, ja sogar erleichtert. Ich kann die Zeit mit ihr genießen, es gibt keinen Stress und Streit mehr. Und auch wenn ich wieder nach Hause fahre, habe ich kein schlechtes Gewissen“, erzählt Alexandra. „Klar, wir hätten uns alle gewünscht, dass meine Mama bis ins hohe Alter gesund bleibt und bis zum Schluss bei uns wohnen kann. Aber wir konnten die Augen nicht vor der Realität verschließen. Und unter diesem Blickwinkel haben wir durch Mamas Umzug in die Wohngruppe das Beste aus der schwierigen Situation gemacht und alle etwas gewonnen.“

Von Andreas Beez

Auch interessant

Meistgelesen

Frau überlebt Herzinfarkt: Diese wichtige Botschaft hat sie vor allem für Frauen
Frau überlebt Herzinfarkt: Diese wichtige Botschaft hat sie vor allem für Frauen
So können Sie einen Herzinfarkt erkennen - und zwar bereits eine Woche zuvor
So können Sie einen Herzinfarkt erkennen - und zwar bereits eine Woche zuvor
Herpes-Viren Auslöser von Multipler Sklerose? Neue Studie mit erschreckendem Ergebnis
Herpes-Viren Auslöser von Multipler Sklerose? Neue Studie mit erschreckendem Ergebnis
Verbraucherzentrale warnt: Das sollten Sie ab sofort beachten, wenn Sie Bananen schälen
Verbraucherzentrale warnt: Das sollten Sie ab sofort beachten, wenn Sie Bananen schälen

Kommentare