Expertin im Interview

Wie krank macht uns der Alltagslärm?

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Lärm und Lärm ist nicht dasselbe - letztlich kommt es auf die Dosis, die Lautstärke an.

Lärm kann nicht nur zu Schwerhörigkeit führen, sondern auch zu Depressionen oder Herz-Kreislauf-Problemen. Doch Lärm und Lärm ist nicht dasselbe. Es gibt Unterschiede, welche Dosis der Gesundheit schadet.

Ob laute Maschinen am Arbeitsplatz, Straßenverkehr vor dem Haus oder der Rasenmäher im Garten - Lärm lauert überall. Und er kann erhebliche Gesundheitsprobleme verursachen.

Neben Hörschäden wird er auch für psychische Erkrankungen oder Herz-Kreislauf-Probleme mitverantwortlich gemacht. Das sagte Gerlind Schneider, Oberärztin an der HNO-Klinik vom Universitätsklinikum Jena.

Wie gefährlich ist Lärm?

Lärm und Lärm ist nicht dasselbe - letztlich kommt es auf die Dosis, die Lautstärke an. Man unterscheidet akuten Lärm, also Geräusche, die mit hoher Intensität kurz auf das Ohr einwirken und es schädigen können - etwa ein lauter Knall. Dann gibt es chronischen Lärm beispielsweise am Arbeitsplatz, dem ein Mensch auf lange Sicht ständig ausgesetzt ist und der zu Gehörschäden führen kann. Und es gibt den Umgebungslärm etwa durch Straßenverkehr, der nicht direkt zu Schäden am Ohr führt, aber für psychische Erkrankungen oder Herz-Kreislauf-Probleme mitverantwortlich gemacht wird.

Ab welchem Lärmpegel treten Gesundheitsschäden auf?

Im Beruf wird ab 80 Dezibel von einem Lärmarbeitsplatz gesprochen. Das ist etwa so laut wie ein Staubsauger. Ab 85 Dezibel muss man Hörschutz tragen. Die Grenze ist niedrig angesetzt - man müsste dem Jahrzehnte ausgesetzt sein, damit ein Hörschaden entsteht. Aber je lauter eine Lärmbelastung ist, umso größer ist der Schaden. Im Straßenverkehr werden solche Pegel nicht erreicht. Er führt eher zu psychosomatischen Erkrankungen.

Auch in der Wohnung - den Staubsauger haben sie angesprochen - und im Garten, lauern nervige Lärmquellen. So rattern jetzt im Frühjahr wieder überall die Rasenmäher.

Gerlind Schneider, Oberärztin an der HNO-Klinik am Universitätsklinikum Jena.

In der Freizeit zählen zu den Lärmquellen, die zu Hörschäden führen können, wenn man an einer Kreissäge arbeitet oder an einem Schießstand trainiert. Da sollten die Ohren auf jeden Fall geschützt werden. Ansonsten sind unsere Ohren und das Gehirn gut darauf ausgelegt, sehr kurzzeitig Lärm zu kompensieren. Im Gegenteil: Wir haben Patienten, die sehr empfindlich sind und schon bei ganz normalem Lärm Hörschutz tragen. Das ist kontraproduktiv. Sie müssen ihr Ohr dann erst wieder trainieren, den Lärm zu kompensieren. Man kann aber bei einem lauten Rockkonzert oder nachts, wenn der Partner laut schnarcht, durchaus auf Ohropax zurückgreifen.

Wie viele Menschen in Deutschland leiden unter Lärm und tragen deswegen Gesundheitsschäden davon?

Von den Berufsgenossenschaften wissen wir, dass die Anzeigen auf Verdacht wegen Lärmschwerhörigkeit konstant sind. 2014 waren es rund 11 700, etwa die Hälfte davon wird als Berufskrankheit anerkannt. Außerdem wissen wir, dass 40 Prozent aller 60-Jährigen schwerhörig sind. Das ist aber nicht unbedingt eine Folge von Lärm, sondern oft ist Altersschwerhörigkeit die Ursache.

Zum Umgebungslärm und daraus folgenden psychischen Erkrankungen gibt es nur wenig belastbare Zahlen. Die Anfälligkeit dafür ist von Mensch zu Mensch verschieden. Jemand, der psychisch vorbelastet ist, empfindet Lärm viel störender als jemand, der psychisch stabil ist.

In der Kritik stehen immer wieder die Ohrstöpsel von Handy und Musikplayer. Reift da eine Generation der Schwerhörigen heran?

Es gibt dazu nur wenige Studien und die sind oft auch schon relativ alt. Wir können solche Effekte in unserer Arbeit nicht beobachten und auch aus der Literatur ist das nicht nachzuvollziehen. Es stimmt, dass frühere Diskman- und Walkman-Geräte ganz andere Lautstärken aufwiesen. Bei heutigen MP3-Playern und Handys ist das aber schon viel besser geworden.

Lärm schadet der Gesundheit

Lärm mindert die Lebensqualität und schadet der Gesundheit. Studien des Umweltbundesamtes und anderer Einrichtungen ergaben, dass starker Schall die Ausschüttung des Stresshormons Adrenalin steigert. Bluthochdruck und Herzinfarkte können die Folge sein. Auch Gehörschäden zählen zu den möglichen Langzeitfolgen chronischer Lärmbelastung.

Es gibt auch Geräusche die besonders fies sind. Eins ist für die meisten Menschen unerträglich. Raten Sie mal welches.

Lärmpegel und die Risiken

- 40 Dezibel (dB): stören bereits den Schlaf (zum Beispiel Flüstern)

- 60 dB: stören die Konzentration; erste Belastungsreaktionen (Gespräch, leises Radio)

- 80 dB: erhöhtes Herz-Kreislauf-Risiko bei dauernder Belastung (Hauptverkehrsstraße)

- 100 dB: Gehörschäden bei jahrelanger Dauerbelastung (Kreissäge, Presslufthammer)

- 140 dB: mögliche Gehörschäden schon nach kurzer Zeit (Startgeräusch eines Flugzeugs in 40 Metern Entfernung, Trillerpfeife)

- 160 dB: Gehörschäden schon bei einmaliger Einwirkung (Gewehrschuss in Mündungsnähe)

Lärm: Die kuriosesten Klagen vor Gericht

Lärm: Die kuriosesten Klagen vor Gericht
Glockengeläut: Ein Mann aus Rheinau (Baden-Württemberg) scheitert mit seiner Klage gegen nächtliches Glockenläuten vor dem Landgericht Offenburg. Anwohner müssen auch nachts Kirchenglocken ertragen, solange das Läuten innerhalb der gesetzlich geregelten Grenzwerte bleibt, urteilen die Richter 2012. © dpa
Lärm: Die kuriosesten Klagen vor Gericht
Kindergarten: Zwei Hausbesitzer aus Thüringen scheitern im Mai 2011 mit ihren Eilanträgen gegen den Bau eines benachbarten Kindergartens. Die Häuser seien ohnehin „deutlich lärmvorbelastet“, da sie an einer stark befahrenen Straße lägen, urteilt das Oberverwaltungsgericht. © dpa
Lärm: Die kuriosesten Klagen vor Gericht
Hunde: Das Celler Amtsgericht untersagt 2002 einer Hundehalterin in Wietze (Niedersachsen) die Haltung von 15 Cockerspaniels. Damit wehrte sich ein Nachbar erfolgreich gegen das häufig kläffende Rudel in dem Wohngebiet. Die Frau durfte nur noch drei Hunde halten und musste nachts sowie in der Mittagszeit für Ruhe sorgen (Symbolfoto). © dpa
Lärm: Die kuriosesten Klagen vor Gericht
Papageien: Kreischende Papageien sind den Nachbarn nur zwei Stunden lang am Tag zumutbar, entscheidet 2009 das Landgericht Hannover. Ein Mann aus dem niedersächsischen Springe hatte gegen den Besitzer der Vögel geklagt, die in einer Außenvoliere „ohrenbetäubenden Lärm“ machten. Geräusche von Papageien seien anders als die einheimischer Vögel und müssten nur begrenzt geduldet werden. © dpa
Lärm: Die kuriosesten Klagen vor Gericht
Rockkonzert: Anwohner müssen bei Freiluftkonzerten im Einzelfall auch nachts Lärm erdulden. Bei nur einmal jährlich stattfindenden Veranstaltungen können Grenzwerte überschritten werden, entscheidet 2003 der Bundesgerichtshof (BGH). In Güglingen (Baden-Württemberg) hatten sich Anwohner über ein Rockkonzert zum Sommerfest des Sportvereins beklagt. © dpa

dpa

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