Wo am häufigsten Probleme auftreten

Behandlungsfehler: So können Sie sich wehren

München - Jedes Jahr passieren wohl zehntausende Behandlungsfehler. Die tz sprach mit Professor Astrid Zobel vom MDK Bayern darüber, wie den betroffenen Patienten geholfen werden kann.

Fehler bei der Arbeit passieren, egal ob jemand Journalist, Handwerker oder Arzt ist. Allerdings ist es ein großer Unterschied, ob es sich um Rechtschreibfehler, Löcher in der Wasserleitung oder schmerzhafte Komplikationen nach einer Operation handelt. Das Bundesministerium für Gesundheit schätzt, dass im Jahr zwischen 40 000 bis 170 000 Behandlungsfehler passieren. Nicht alle werden dokumentiert, und nicht jeder Fehler führt zu einem Schaden. Daher ist die Dunkelziffer groß. Die Initiative Patientensicherheit schätzt, dass aufgrund von Behandlungsfehlern jedes Jahr 17 000 Menschen sterben. Die Medizinischen Dienste der Krankenversicherung (MDK) dokumentierten für das vergangene Jahr 3932 anerkannte Fälle von Behandlungsfehlern. Die tz sprach mit Professor Astrid Zobel vom MDK Bayern darüber, wie den betroffenen Patienten geholfen werden kann.

Was hat sich mit dem neuen Patientenrechtegesetz verändert?

Prof. Astrid Zobel: Die Patienten bekommen noch mehr Unterstützung von ihrer Krankenkasse. Meldet sich der Patient mit einem Verdacht auf einen Behandlungsfehler, wird die Krankenkasse die Unterlagen vom Arzt oder der Klinik anfordern. Außerdem wird der Patient gebeten, ein Gedächtnisprotokoll anzufertigen und alles aufzuschreiben, an was er sich rund um die Behandlung erinnern kann. Mit diesen gesammelten Unterlagen werden wir, der Medizinische Dienst der Krankenversicherung, beauftragt, den Fall zu prüfen. Denn nicht jede Komplikation beruht auf einem Fehler. Und nicht jeder Fehler führt auch zu einem Schaden. Wenn sich jedoch ein Anfangsverdacht erhärtet, erstellen wir ein fachlich-medizinisches Gutachten. Wir arbeiten die Akten akribisch durch und suchen nach Informationen, anhand derer wir sehen können, ob Fehler gemacht wurden. Allerdings können wir nicht direkt von den Patienten beauftragt werden, sondern wir brauchen den Auftrag der Kasse.

Viele Patienten scheuen sich, ihre Krankenkasse einzubeziehen.

Zobel: Die Krankenkassen sollen nach der neuen Gesetzeslage Patienten bei der Aufklärung des Verdachts auf einen Behandlungsfehler unterstützen und haben durchaus ein Interesse daran, Fehler aufzudecken, denn sie tragen ja die Folgekosten. Wenn ein Behandlungsfehler vorliegt, wird die Krankenkasse diese Kosten beim Behandler geltend machen. Da sitzen Kasse und Patient in einem Boot. Doch zunächst muss die Initiative immer vom Patienten ausgehen. Das Gute: Dieser Weg ist für die Patienten kostenlos. Auch die Schiedsstellen der Ärztekammer, an die sich Patienten wenden können, kosten nichts. Wer jedoch zu einem Anwalt geht, muss die Kosten selbst tragen.

Sind die Ärzte kooperativ?

Zobel: Das ist ganz unterschiedlich. Es gibt immer Ärzte, die nicht mitarbeiten wollen oder mit der Aufklärung nichts zu tun haben wollen. Aber es gibt auch viele Ärzte, die sich sehr kooperativ verhalten. Das kann man nicht über einen Kamm scheren.

Können Sie ein Beispiel für einen Behandlungsfehler geben?

Zobel: Ich erinnere mich an einen Patienten, bei dem es nach einer Hüftgelenksoperation zu Problemen kam: Der künstliche Hüftkopf sprang immer wieder aus der Pfanne. Der Patient musste nochmals operiert werden. Das kann passieren, wenn bei einem Patienten bestimmte körperliche Gegebenheiten vorliegen. Es passiert jedoch auch, wenn der Winkel zwischen eingebautem Hüftkopf und Pfanne nicht korrekt ist. Und in diesem Fall war dies tatsächlich der Fall und damit ein Fehler bei der Behandlung.

Hat dieser Patient Schmerzensgeld bekommen?

Zobel: Das weiß ich leider nicht. Wenn wir als MDK in einem Gutachten zu dem Schluss kommen, dass ein Behandlungsfehler stattgefunden hat, sagen wir dem Patienten, dass er Schadenersatz fordern kann. Aber wir wissen nicht, ob er das tatsächlich tut. Und wenn er es tut, wissen wir nicht, ob es zu einer außergerichtlichen Schadensregulation kommt oder wie im Fall einer Klage die Gerichte im Einzelfall entscheiden. Wir bemühen uns intensiv um Rückmeldungen. Aber solche Verfahren können sich über Jahre hinziehen. Für unsere Arbeit wären diese Informationen sehr wichtig, aber es ist schwierig, sie zu bekommen.

Verblüffend ist, dass bei Kariesbehandlung so oft etwas schief läuft.

Zobel: Man muss ganz klar sehen, dass dort, wo viele Behandlungen stattfinden, auch mehr Fehler passieren. Das heißt aber nicht, dass die Ärzte, die in diesem Bereich tätig sind, per se schlechter arbeiten. Kariesbehandlungen gehören einfach zu den sehr häufigen Behandlungen. Es gibt kaum Menschen, die noch nie eine Kariesbehandlung hatten. Es wäre aussagekräftiger, wenn wir die Zahl der Fehler in Relation setzen könnten zur Zahl der Behandlungen. Aber diese Zahlen haben wir nicht. Es gibt Bestrebungen, ein allgemeines Behandlungsfehlerregister einzuführen. Aus so einem Register könnte man auch Schlüsse ziehen, wie man Fehler verhindern könnte. Aber im Augenblick sind wir noch nicht so weit.

Prof. Dr. Astrid Zobel ist Leitende Ärztin im Bereich Sozialmedizin beim MDK Bayern, Info: www.mdk-bayern.de

Arzt haftet für Brustkrebs

Ein Frauenarzt haftet, wenn er den Brustkrebs seiner Patientin zu spät entdeckt. In diesem Fall hatte die Patientin große Angst, an Brustkrebs zu erkranken und bat um regelmäßige Vorsorge. Der Arzt ließ jedoch zwischen zwei Mammographien neun Jahre verstreichen. Als der Tumor entdeckt wurde, hatte er schon Metastasen gebildet. Die Frau musste operiert werden, bekam Chemo- und Strahlentherapien. Sie hat Anspruch auf Schadenersatz und Schmerzensgeld. Die Richter kamen zum Schluss, dass der Tumor früher hätte gefunden werden können. (Az 3U57/13)

Apotheker muss Schaden ersetzen

Ein Apotheker in Köln hatte nicht bemerkt, dass ein Arzt ein zu hoch dosiertes Herzmedikament für einen Säugling verschrieben hatte. Das Kind mit Down-Syndrom litt unter einem Herzfehler. Infolge der falschen Dosierung blieb das Herz stehen, das Baby wurde reanimiert, erlitt Schäden am Gehirn und am Darm. Die Eltern forderten 200 000 Euro. Die Höhe des Schmerzensgeldes legte das Oberlandesgericht Köln noch nicht fest, erklärte aber, der Apotheker müsse für den Verschreibungsfehler haften. (Az 5U92/13)

Wann es zu Ärztepfusch kommt

18 Millionen Behandlungen in Krankenhäusern und 540 Millionen Therapien im ambulanten Bereich wurden 2012 abgerechnet. Leider gibt es keine Gesamt-Statistik für Behandlungen und deren Fehler in Deutschland, die Schiedsstellen führen Statistiken ebenso wie der Medizinische Dienst der Krankenkassen. Dazu landen viele Fälle bei Anwälten. Die Schiedsstellen haben vergangenes Jahr 7578 Anträge begutachtet, bei 2280 Fällen wurden Arzt-Fehler gefunden. Vom Medizinischen Dienst der Krankenkassen wurden 12 483 Einzelfälle begutachtet. Bei jedem Dritten lag ein Behandlungsfehler vor. Eine Auswertung der MDK-Daten:

Die 10 häufigsten Operationen/Prozeduren mit bestätigten Behandlungsfehlern

Bezeichnung Anzahl der Vorwürfe Bestätigte Fälle Bestätigungsquote (%)
Wurzelspitzenresektion und Wur­zel­kanalbehandlung eines Zahnes 269 152 56,5
Implantation einer Hüftgelenks­prothese 522 145 27,8
Implantation einer Kniegelenks­prothese 423 97 22,9
Zahnersatz 174 93 53,4
Zahnentfernung 176 75 42,6
Geschlossene Reposition eines Knochenbruchs und Fixation mit z.B. Platten, Schrauben, Nägeln 165 60 36,3
Hochaufwendige Pflege von ­Erwachsenen 54 45 83,3
Versteifungsoperation an der ­Wirbelsäule 152 44 28,9
Offene Reposition eines ­komplizierten Gelenkbruchs 111 43 38,7
Entfernung der Gallenblase 110 40 36,4

Die 10 häufigsten Behandlungs­gründe, bei den es zu Behandlungsfehlern gekommen ist (ohne Zähne)

Bezeichnung Bestätigte Fälle
Hüftgelenksverschleiß 152
Kniegelenksverschleiß 131
Fraktur des Oberschenkels 105
Bruch des Unterschenkels 81
Dekubitus (Druckgeschwür) 65
Rückenschmerzen 58
Sonst. Bandscheibenschäden 50
Erworbene Deformitäten der Finger und Zehen 46
Gallensteinleiden 39
Komplikationen bei orthopädischem Gelenkersatz 39

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Rubriklistenbild: © picture alliance / dpa

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