Unterschiede bei Männern und Frauen

Inkontinenz: So wird die Erkrankung behandelt

+
Gerade im hohen Alter haben immer mehr Menschen mit Inkontinenz zu kämpfen.

München - Es gibt viele Möglichkeiten, Inkontinenz behandeln zu lassen. Neben Operationen und Medikamenten helfen auch spezielles Training und die richtige Ernährung. Die tz zeigt einen Überblick.

So unterschiedlich die Formen der Inkontinenz, so vielfältig die Therapieansätze – das gilt insbesondere für Medikamente und Operationsverfahren. „Welche im Einzelfall sinnvoll sind, hängt von der Art der Inkontinenz, vom Ausmaß der Beschwerden und auch von der Lebenssituation des jeweiligen Patienten ab“, erläutert Dr. Bauer. „Am Anfang stehen in der Regel erst mal physiotherapeutische Maßnahmen und Verhaltenstraining.“ Ein Überblick.

Beckenbodentraining

Was viele Frauen aus der Phase nach der Geburt kennen, ist für viele Männer absolutes Neuland. Sie tun sich oft schwer, ihre Beckenbodenmuskulatur zu spüren und gezielt anzusteuern. „Deshalb ist es umso wichtiger, dass man sich die Übungen (s. Foto unten) von einem speziell ausgebildeten Therapeuten erklären lässt“, weiß Dr. Bauer.

Zur Unterstützung könne ein sogenanntes Biofeedbacktraining sinnvoll sein, erläutert die Expertin. Dabei wird eine kleine Sonde beim Mann in den Enddarm und bei der Frau in die Scheide eingeführt. „So kann man messen, ob die gewünschten Muskeln auch wirklich angespannt werden und wie intensiv.“

Blasentraining

Wer an Dranginkontinenz leidet, der kann sich mit einem Blasentraining helfen. Dabei lernt der Patient unter anderem, wie er es schafft, mit kleinen Tricks das Wasserlassen hinauszuzögern.

Ernährung

Patienten mit Dranginkontinenz sollten neben dem Rauchen vor allem auf scharfe Gewürze, Kaffee und andere koffeinhaltige Getränke verzichten, die die Blase reizen können. Maßvolles Abnehmen – am besten in Kombination mit regelmäßiger Bewegung – kann dabei helfen, die Symptome zu verbessern.

Medikamente gegen Belastungsinkontinenz

Unter dem Handelsnamen Yentreve wird bereits seit gut zehn Jahren der Wirkstoff Duloxetin vertrieben – ein Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer aus der Gruppe der Antidepressiva. Dr. Bauer: „Bei Inkontinenz­patientinnen kann dieses Medikament den Blasenschließmuskel stärken. Es wirkt aber nur, solange man es regelmäßig einnimmt, und es kann heftige Nebenwirkungen verursachen.“ So bekommen die Patientinnen von den Tabletten häufig Sehstörungen, Schwindel, Übelkeit, Schlafstörungen oder erhöhten Blutdruck. Zur Behandlung der Belastungsinkontinenz beim Mann ist dieses Medikament nicht zugelassen, kann aber trotzdem off-label verordnet werden – das heißt: Die Patienten müssen das Medikament selber zahlen, da die Krankenkasse die Kosten nicht übernimmt.

Medikamente gegen Dranginkontinenz

„Hier muss man an erster Stelle die sogenannten Anticholinergika nennen“, sagt Dr. Bauer. Sie dämpfen die Aktivität des Detrusors (siehe Grafik rechts oben). Nachteil eins: Sie wirken erst nach drei bis vier Wochen. Nachteil 2: Sie können Nebenwirkungen wie Mundtrockenheit, verschwommenes Sehen oder Verstopfung auslösen. „Wenn die Dranginkontinenz – wie bei vielen Frauen – durch einen Hormonmangel ausgelöst bzw. verschlechtert wird, dann lässt sich dieses Defizit mit östrogenhaltigen Scheidenzäpfchen oder Cremes ausgleichen“, berichtet Dr. Bauer.

Botox für die Blase

„Wenn die Tabletten bei Dranginkontinenz nicht helfen, empfehle ich Botox“, berichtet Dr. Bauer. Das Medikament, das auch zur Faltenglättung im Gesicht eingesetzt wird, wird im Rahmen einer Blasenspiegelung direkt in den Detrusor-Muskel gespritzt. Es entspannt diesen, um die Überaktivität zu stoppen. „Es handelt sich um eine weltweit etablierte Therapie, deren Wirkung in der Regel sechs bis neun Monate anhält und problemlos regelmäßig wiederholt werden kann.“

Operationen bei Belastungsinkontinenz für Frauen

Als Klassiker gilt die sogenannte Schlingen-Operation. „Sie kommt bei über 90 Prozent aller OPs zum Einsatz“, weiß Dr. Bauer. Dabei wird ein kleiner Schnitt innerhalb der Scheide gesetzt, sodass der Arzt mit Hilfe einer dünnen Spezialnadel ein Kunststoffband unterhalb der Harnröhre platzieren kann. „Dieses Inkontinenzband stabilisiert die Beckenbodenmuskulatur, stützt Blasenschließmuskel und Harnröhre.“ Der Eingriff ist kaum belastend und dauert meist nur ca. 15 Minuten.

Operationen bei Belastungsinkontinenz für Männer

„Es gibt drei Hauptverfahren, die gut erprobt sind und sehr gute Erfolgsquoten aufweisen“, sagt die Leiterin der Großhaderner Inkontinenz-Sprechstunde.

1. Die kleine Kunststoffschlinge (AdVance-Schlinge): Sie wird oft Patienten eingesetzt, deren Blasenschließmuskel noch weitgehend intakt, aber aus seiner natürlichen Position gerutscht ist – häufig eine Folge der Prostata-Entfernung bei Krebs. „Die Schlinge drückt den Schließmuskel wieder in seine ursprüngliche Position. Dadurch kann er wieder mehr Kraft entfalten, um die Harnröhre dicht zu halten.“

2. Nachstellbare (adjustierbare) Schlingensysteme: Sie drücken praktisch die Harnröhre zusammen und erhöhen den Auslasswiderstand der Harnröhre, so dass man noch normal Wasser lassen kann, aber optimalerweise keinen Urin mehr verliert. Das heißt: Der Urin fließt nicht mehr unkontrolliert ab.

Diese Systeme sind adjustierbar. „Das bedeutet, dass der Widerstand jederzeit angepasst werden kann“, erklärt Dr. Bauer. „Adjustierbare Systeme sind besonders sinnvoll bei mittelschwerer Belastungsinkontinenz – und für Patienten, die keinen künstlichen Blasenschließmuskel eingesetzt bekommen möchten.“

Künstlicher Blasenschließmuskel.

3. Künstlicher Blasenschließmuskel: Dieses System gibt es bereits seit 1972. Dr. Bauer: „Es weist Erfolgsquoten von 80 Prozent auf – was bedeutet: Der Patient braucht nur noch maximal eine Einlage am Tag, im besten Fall sogar keine mehr.“

Der künstliche Schließmuskel ist eine Art unsichtbares Pumpsystem, das dem Patienten schonend im Bereich der Harnröhre implantiert wird. Dazu legt der Arzt eine Kunststoffmanschette um die Harnröhre. Sie ist mit Flüssigkeit gefüllt, drückt so die Harnröhre zusammen und hält sie dicht. Wenn der Patient Wasser lassen muss, drückt er auf einen Mini-Kontrollknopf, der unter der Haut des Hodensacks liegt. Dann wird die Flüssigkeit aus der Manschette durch einen Verbindungsschlauch in einen kleinen Speicherballon, der im Unterbauch liegt, gepumpt. Die nun leere Manschette übt keinen Druck mehr auf die Harnröhre aus, der Urin kann abfließen. Nach zwei bis drei Minuten fließt die Flüssigkeit automatisch zurück in die Manschette. „Der künstliche Schließmuskel kommt vor allem bei schwerer Belastungsinkontinenz zum Einsatz“, erläutert die Expertin. Andreas Beez

Auch interessant

Meistgelesen

Juckreiz droht: Warum Sie dieses Toilettenpapier ab sofort nicht mehr kaufen sollten
Juckreiz droht: Warum Sie dieses Toilettenpapier ab sofort nicht mehr kaufen sollten
Auf nicht notwendige Zahnarztbesuche verzichten
Auf nicht notwendige Zahnarztbesuche verzichten
So funktioniert Muskeltraining in Corona-Zeiten
So funktioniert Muskeltraining in Corona-Zeiten
Schwangere müssen ihre Füße in Bewegung halten
Schwangere müssen ihre Füße in Bewegung halten

Kommentare