Viele Arbeitnehmer überfordert

Bertelsmann-Studie: Der Stress im Job macht krank

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Eine Frau legt an ihrem Arbeitsplatz den Kopf in die Hände (gestelltes Bild).

München - Höher, schneller, weiter: Eine Bertelsmann-Studie belegt: Viele Arbeitnehmer sind überfordert. Der Stress im Job macht krank.

Achtung, die Arbeit gefährdet Ihre Gesundheit. Diese Warnung gilt mittlerweile für viele Deutsche, wie eine Studie der Bertelsmann-Stiftung zeigt. Wegen großen Drucks am Arbeitsplatz gehen viele Beschäftigte fahrlässig mit ihrer Gesundheit um. Demnach legt ein Viertel der Vollzeitbeschäftigen ein zu hohes Arbeitstempo vor. Langfristig, so die Interviewten, sei das nicht durchzuhalten. 18 Prozent stoßen oft an ihre Leistungsgrenzen, 23 Prozent machen keine Pausen. Jeder Achte kommt sogar krank zur Arbeit. 42 Prozent beklagten, dass das Arbeitsumfeld durch die Erwartung an steigende Leistungsziele geprägt werde. Jeder Dritte weiß nicht mehr, wie er den Ansprüchen gerecht werden soll. Die tz erklärt die Ergebnisse:

Moderne Unternehmensführung: Heute werden viel Unternehmen nicht mehr hierarchisch gesteuert, sondern über Ergebnisorientierung und Zielvereinbarungen. Das Ganze geht einher mit einem hohen Maß an Flexibilität für die Beschäftigten. „Das muss nicht per se schlecht sein“, erklärt Prof. Gert Kaluza, Mitautor der Studie. Denn: „Der entscheidende Punkt ist, wie die Ziele festgelegt werden.“

Unrealistische Ziele: „In vielen Unternehmen orientieren sich die Zielvorgaben nicht am Potenzial des Mitarbeiters und den ihm zur Verfügung stehenden Mitteln, sondern allein am Marktwachstum“, so Kaluza. Wie diese Ziele erreicht werden können, ist allein Sache des jeweiligen Beschäftigten. Kaluza: „Damit wird er behandelt wie ein Freiberufler, obwohl er eigentlich ein abhängig Beschäftigter ist.“

Die Ziel­spirale: Wenn die Anforderungen ständig steigen, ohne dass sie in der vereinbarten Arbeitszeit erreicht werden können, geraten Beschäftigte in eine Zielspirale. Kaluza: „Wenn sie jedes Jahr ein neues Ziel vorgesetzt bekommen und das bisher Erreichte nur noch als Standard oder gar als Niederlage gewertet wird, dann können Sie als Beschäftigter nie ein Gefühl von Leistungs­fähigkeit entwickeln. Stattdessen fühlen Sie sich immer defizitär.“ 42 Prozent der Beschäftigten geht es nach der Erhebung so.

Selbstgefährdung: „Diese Wahrnehmung von stetig steigenden Zielvereinbarungen sind ein entscheidender Faktor, der das Verhalten von Beschäftigten beeinflusst. Sie fangen dann an, sich in selbstgefährdender Weise zu verhalten“, sagt Kaluza. Sie lassen etwa Pausen ausfallen (23 Prozent), erscheinen oft bis sehr oft krank am Arbeitsplatz (14 Prozent) oder nehmen alle möglichen Medikamente zur vermeintlichen Leistungssteigerung (sechs Prozent). „Das wirkt sich natürlich langfristig auf die Gesundheit aus.“

Klare Ziele: Zielvereinbarungen an sich sind nichts Schlechtes, im Gegenteil. „Ziele geben Orientierung und helfen einem, Prioritäten zu setzen“, erklärt Kaluza. Damit das gelingt, müssen sie aber realistisch sein. Das Gleiche gilt für flexible Arbeitszeiten. Die können helfen, Arbeit und Privates besser unter einen Hut zu bringen.

Wo drückt bei Ihnen der Schuh?

Fühlen auch Sie sich manchmal überfordert und gestresst von der Arbeit? Mithilfe dieser Fragen können Sie erkennen, wo der Schuh drückt:

Flexibilität

  • Arbeiten Sie immer an den gleichen Wochentagen?
  • Arbeiten Sie an jedem Arbeitstag die gleiche Stundenzahl?
  • Sind Arbeitsbeginn und Arbeitsende an jedem Tag gleich?

Wann und wie lange ich ­arbeite …

  • … entscheide ich selbst, je nachdem welche Aufgaben anfallen (Vertrauensarbeitszeit).
  • … kann ich innerhalb eines vorgegebenen Rahmens (Gleitzeit) bestimmen.
  • … wird allein vom Arbeitgeber festgelegt.

Führung über Ziele

  • Bei uns gibt es Zielvereinbarungsgespräche.
  • Auch die Vorgesetzten arbeiten nach Zielvorgaben, die vom Unternehmen festgelegt werden.
  • Bei uns werden Arbeitsziele zu festen Terminen neu definiert.
  • Mein Vorgesetzter passt die Ziele so an, dass ich diese in der vertraglich vereinbarten Arbeitszeit erreichen kann.

Zielspirale

  • Mein Arbeitsumfeld ist durch ständig steigende Leistungsziele geprägt.
  • Jetzige Erfolge sind bei der nächsten Bewertung nur Standard oder gar Misserfolg.
  • Man fragt sich, wie man die ständig steigenden Anforderungen bewältigen soll.

Der richtige Rhythmus macht’s

An sich ist es die Aufgabe des Arbeitgebers, die Arbeitsbedingungen so zu gestalten, dass die Mitarbeiter nicht in selbstgefährdendes Verhalten abgleiten. „Wir brauchen in Unternehmen eine Kultur, die Gesundheit als Voraussetzung für wirtschaftlichen Erfolg anerkennt und fördert“, meint etwa Christoph Straub, der Chef der Barmer-GEK. Und auch Prof. Gert Kaluza rät: „Wenn regelmäßig offene, verbindliche und realistische Zielvereinbarungsgespräche geführt werden und die vereinbarten Ziele innerhalb der vertraglichen Arbeitszeit erreichbar sind, reduziert sich das selbstgefährdende Verhalten.“ Eine solche Veränderung der Kultur funktioniert aber nur langsam. Deshalb erklärt die tz, was Sie schon jetzt gegen Stress und Überforderung am Arbeitsplatz tun können:

Grenzen ziehen: „Jeder muss erkennen und auch anerkennen, dass die eigene Leistungsfähigkeit Grenzen hat“, erklärt Prof. Kaluza. Er plädiert für eine „grenzensensible Arbeits- und Leistungskultur“. „Dabei muss man für sich selber erkennen: Wann ist es genug für heute – und wann wird die Arbeit sogar ineffektiv“, so Kaluza. Mitarbeiter müssen sich selber erlauben, auf ihre eigenen Grenzen zu achten. „Auch im Sport kann man nicht jeden Tag an oder über seine Leistungsgrenzen gehen. Das führt auf Dauer zu Leistungsabfall.“

Rhythmus finden: „Man darf natürlich auch mal über die eigenen Grenzen gehen. Das darf aber nicht auf Dauer der Fall sein“, rät Kaluza. „Phasen, in denen unter Hochdruck gearbeitet wird, müssen sich abwechseln mit Zeiten, in den andere Prinzipien herrschen. Dann sollten nicht Ergebnis und Leistung im Vordergrund stehen, sondern Muße und Spaß.“

Mutig sein: Es ist nicht immer einfach, auch mal pünktlich aus dem Büro zu gehen. Kaluza rät: „Tun Sie’s einfach, und machen Sie die Erfahrung, wie es sich auf Ihre Leistungsfähigkeit auswirkt, wenn Sie mal nicht der Letzte im Büro waren.“ Diese Zeit zahlt sich am nächsten Tag doppelt aus.

Abschalten: Lassen Sie die Arbeit wirklich hinter sich! „Das funktioniert nicht, wenn Sie sich daheim auf’s Sofa setzen und sich dazu zwingen, nicht mehr an den Job zu denken“, erklärt Kaluza. Das kann Sport sein, Freunde, Gartenarbeit oder Kunst.

Von Marc Kniepkamp

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