Anlässlich Welt-Aids-Tag

Betroffener schildert - so ist mein Leben mit HIV wirklich

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Am 01. Dezember findet jährlich der Welt-Aids-Tag statt.

Vor 25 Jahren konnten Ärzte gegen HIV und Aids wenig ausrichten. Heute gibt es wirksame Therapien, die Patienten ein fast normales Leben ermöglichen.

Wenn Michael S. heute auf das Frühjahr zurückschaut, weiß er: Das war seine dunkelste Zeit. Erst die Diagnose Krebs, die Chemotherapie in der Klinik, die vielen Nebenwirkungen. Dann der nächste Schock, die zweite Diagnose: Er ist HIV-positiv. "Das war wirklich ein Schlag nach dem anderen", sagt der 57-Jährige. "Der Schock war zuerst so groß, dass ich darüber nachgedachte habe, einfach aufzugeben."

Eine Tablette pro Tag reicht schon: Kombinierte Therapieform gegen HIV

Etwa 88.400 Menschen in Deutschland sind wie Michael S. mit dem HI-Virus infiziert. Die Abkürzung "HIV" steht für "human immunodeficiency Virus" – "menschliches Immunschwäche-Virus" also. Eine Infektion mit diesem Erreger führt unbehandelt zum "erworbenen Immunschwäche-Syndrom" Aids – eine Krankheit, die noch vor 25 Jahren in aller Regel tödlich verlief.

Wirksame Waffen gegen das Immunschwäche-Virus HIV: Oberarzt PD Dr. Christoph Spinner vom Klinikum rechts der Isar in München ist froh, dass er seinen Patienten im Interdisziplinären HIVZentrum (IZAR) Therapien bieten kann, die aus einer tödlichen eine gut beherrschbare Krankheit gemacht haben.

Doch: Seit Ende der 1990er-Jahre gibt es eine Therapie, von der auch Michael S. profitiert. Die kombinierte antiretrovirale Therapie (cART) hindert das Virus daran, sich zu vermehren. "Das bedeutet: HIV ist nicht mehr nachweisbar – und folglich auch nicht mehr übertragbar. Virusbedingte Krankheitsfolgen wie Aids bleiben aus", erklärt Dr. Christoph Spinner, Oberarzt am Klinikum rechts der Isar und am Interdisziplinären HIV Zentrum "IZAR".

Dazu mussten Infizierte früher viele Tabletten schlucken. Heute brauchen die meisten nur noch eine Tablette pro Tag. Auch die Nebenwirkungen – einst ein großes Problem – sind heute deutlich seltener. Michael S. hat sich lange keine Gedanken um seine Gesundheit gemacht. "Ich bin kein Arztgänger. Ich mache erst einen Termin, wenn ich nicht mehr laufen kann", sagt er. Als Unternehmer habe er seine Firma über alles gestellt – selbst über Partnerschaft und Gesundheit. Er war viel unterwegs, sein Freund und er führten eine offene Beziehung. "Ich dachte immer, es wird schon nichts passiert sein."

Mit diesem Satz bremste er die schlimmsten Gedanken aus. Dabei wusste er, was eine Infektion anrichten kann. Zwei Partner hat er durch Aids verloren, einen bis zu dessen Tod zwei Jahre lang gepflegt. Das war 1993 – drei Jahre vor Einführung der ersten antiretroviralen Therapie. Vielleicht verdrängte er die Themen HIV und Aids auch deshalb, wollte nichts davon hören. Umso größer war der Schock im Frühjahr 2017. Michael S. kannte zwar die todbringende Seite der Krankheit – über die Therapie wusste er hingegen wenig.

Es war Dr. Christoph Spinner, der mit dem Testergebnis zu ihm kam. Er klärte ihn auf, was es heute bedeutet, HIV-positiv zu sein – darüber, dass mit einer Tablette pro Tag ein normales Leben möglich ist. Er war es auch, der ihn beschwor, nicht zurückzuschauen und nachzuforschen, warum und wie es passiert ist – sondern nach vorne zu blicken. "Er ist mein Vertrauensarzt", sagt Michael S. Viel Vertrauen ist wichtig, zumal er seinen Arzt künftig alle drei Monate sehen wird, das gehört zur Therapie. "Wobei es bei diesen Kontrollen weniger um die Infektion als um andere Themen geht", sagt Experte Spinner. "Wir altern mit unseren Patienten, schauen uns den Impfstatus an, besprechen Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten, aber auch Themen wie einen Kinderwunsch."

HIV-Neuinfektionen stagnieren dank hochwirksamer Therapie - doch viele sind dadurch nachlässiger geworden

In diesem Jahr stagnierte die Zahl der Neuinfektionen in Deutschland. Weltweit steigt sie allerdings weiter an. Ausgerechnet die hochwirksame Therapie bringt selbst ein Problem mit sich: "Weil es gute Medikamente gibt, benutzen weniger Menschen Kondome und sind einer Infektionsgefahr ausgesetzt", sagt Infektiologe Spinner. Das gilt nicht nur für homo- und bisexuelle Männer – immer noch die Gruppe mit dem größten Infektionsrisiko. Die Diagnosen nehmen auch unter Heterosexuellen zu. Die Hälfte aller Neu-Infizierten hat das Virus dabei schon lange im Blut. Jeder Sechste ist zum Zeitpunkt der Diagnose über 50 Jahre alt. Die Herausforderung für Christoph Spinner und seine Kollegen besteht daher darin: "Frühzeitig diagnostizieren, therapieren und die Menschen auch in der Therapie halten!"

Eine große Hürde auf dem Weg dorthin ist der HIV-Test: Der Gang zum Arzt, das offene Gespräch ist für viele Betroffene ein Tabu. Zu groß ist immer noch das Stigma, mit dem die Infektion behaftet ist, zu gering das Wissen vieler Menschen über HIV und Aids. Grundsätzlich wäre der klassische HIV-Test beim Gesundheitsamt, auf dessen Ergebnis man tagelang warten muss, nicht mehr nötig. "Selbsttests für zu Hause wurden entwickelt, Studien in Großbritannien und Frankreich haben gezeigt, dass der Umgang damit praktikabel ist", sagt Spinner.

Vorbeugende Medikamente können Menschen mit hohem HIV-Risiko schützen

Noch immer erhalten viele Menschen die Diagnose erst sehr spät. Viele kämpfen da bereits mit den Folgen einer Aids-Erkrankung. Pro Jahr werden 70 Patienten in Bayern wegen entsprechender Symptome behandelt. "Aber auch schwerste Komplikationen können wir fast komplett behandeln", sagt Christoph Spinner, "aber durch die frühe Therapie lassen wir es erst gar nicht so weit kommen. Idealerweise kommt es aber erst gar nicht zur Infektion." Hierzu gibt es neben bekannten Schutzmaßnahmen wie dem Kondom seit Kurzem auch in Deutschland eine neue Methode zur Reduktion des Infektionsrisikos – die vorbeugende Einnahme antiretroviraler Medikamente, kurz "PrEP".

Sieben Monate nach dem positiven Test hat Michael S. zurück in den Alltag gefunden. Vieles hat sich zum Positiven gewendet, seine Partnerschaft zum Beispiel. "Mein Partner steht hinter mir, das hatte ich so nicht erwartet. Wir sind sogar zusammengezogen", erzählt der 57-Jährige. Sein Freund hat sich nicht infiziert. Michael S. kann kaum in Worte fassen, wie erleichtert er darüber ist. "Das hätte ich mir sonst mein Leben lang vorgeworfen", sagt er. "Großes Glück" habe er da gehabt. "Dafür bin ich sehr dankbar."

Die wichtigsten Informationen zu HIV und Aids

Das HI-Virus lässt sich zwar heute unter Kontrolle bekommen – allerdings in aller Regel nur, solange die Patienten Medikamente nehmen. Immerhin: Wenn Infizierte regelmäßig Tabletten nehmen, ist das Virus nicht mehr nachweisbar – und der Erreger somit auch nicht mehr übertragbar.

Für HIV-positive Menschen ist damit ein normales Leben möglich: Sie müssen nicht ständig Angst haben, ihren Partner anzustecken und können sogar auf natürlichem Wege Kinder zeugen, ohne dabei das Virus weiterzugeben. Die hochaktive antiretrovirale Therapie schützt die Immunzellen des Körpers vor dem HI-Virus: Es hindert sie daran, weitere Zellen zu infizieren.

Von Aids sprechen Mediziner, wenn das HI-Virus das Immunsystem so stark geschwächt hat, dass es sich nicht mehr gegen Krankheitserreger wie Viren, Bakterien oder Pilze wehren kann. Die Immunschwäche kann zudem zu bestimmten, sonst seltenen, Krebserkrankungen führen. Früher bedeutete Aids daher den baldigen Tod. Heute lassen sich auch schwere Komplikationen gut behandeln. Mit einer frühen HIV-Therapie lässt sich der Ausbruch der Krankheit Aids aber ganz vermeiden.

Kondome sind ein wichtiger Schutz vor Ansteckung. Für Gesunde mit hohem Risiko gibt es zudem die "Präexpositionsprophylaxe" (PrEP) per Tablette. Der Wirkstoff senkt das Risiko, dass sich Viren im Körper vermehren – und es damit zu einer Infektion kommt. Aus England sind 2017 erstmals Daten zur erfolgreichen Reduktion der HIV-Neuinfektionszahlen um 80 Prozent in zwei Jahren durch die Kombination von HIV-Testangeboten, antiretroviraler Therapie und PrEP berichtet worden. "Die PrEP löst nicht alle Probleme,bietet aber hocheffektiven Schutz für den Einzelnen, vor allem für Menschen, die wissen, dass sie ein hohes Risiko haben, sich zu infizieren", sagt Dr. Christoph Spinner.

Lesen Sie auch: Ist die Heilung von HIV bald in greifbarer Nähe?

Mit einer Stammzellspende Leben retten

Um sich als Spender zu registrieren, muss man zunächst eine Gewebeprobe ins Labor schicken. Foto: Franziska Gabbert/dpa-tmn
Um sich als Spender zu registrieren, muss man zunächst eine Gewebeprobe ins Labor schicken. Foto: Franziska Gabbert/dpa-tmn © Franziska Gabbert
Im Labor werden die Gewebeproben der potenziellen Spender analysiert. Die Merkmale werden in einer Datenbank gespeichert. Foto: DKMS/dpa-tmn
Im Labor werden die Gewebeproben der potenziellen Spender analysiert. Die Merkmale werden in einer Datenbank gespeichert. Foto: DKMS/dpa-tmn © DKMS
Passen die eigenen Stammzellen zu denen eines Patienten, der eine Spende benötigt, werden die Stammzellen meist wie bei dieser Spenderin über das Blut entnommen. Foto: Henning Kaiser/dpa-tmn
Passen die eigenen Stammzellen zu denen eines Patienten, der eine Spende benötigt, werden die Stammzellen meist wie bei dieser Spenderin über das Blut entnommen. Foto: Henning Kaiser/dpa-tmn © Henning Kaiser
Bevor ein Spender für die eigentliche Spende in die Praxis kommt, muss er sich fünf Tage lang zwei Mal täglich selbst ein Medikament spritzen. Es regt die Bildung von Blutstammzellen an. Foto: Henning Kaiser/dpa-tmn
Bevor ein Spender für die eigentliche Spende in die Praxis kommt, muss er sich fünf Tage lang zwei Mal täglich selbst ein Medikament spritzen. Es regt die Bildung von Blutstammzellen an. Foto: Henning Kaiser/dpa-tmn © Henning Kaiser
Wird jemand zur Spende gebeten, werden wie hier in einer Praxis der Cellex Medical Service GmbH in Köln mit einer speziellen Maschine Stammzellen aus seinem Blut gefiltert. Foto: Henning Kaiser/dpa-tmn
Wird jemand zur Spende gebeten, werden wie hier in einer Praxis der Cellex Medical Service GmbH in Köln mit einer speziellen Maschine Stammzellen aus seinem Blut gefiltert. Foto: Henning Kaiser/dpa-tmn © Henning Kaiser
Über 7,2 Millionen potenzielle Stammzellspender - hier beim DKMS in Köln - sind in Deutschland registriert. Die Spende erfolgt in 80 Prozent der Fälle ambulant. Foto: Henning Kaiser/dpa-tmn
Über 7,2 Millionen potenzielle Stammzellspender - hier beim DKMS in Köln - sind in Deutschland registriert. Die Spende erfolgt in 80 Prozent der Fälle ambulant. Foto: Henning Kaiser/dpa-tmn © Henning Kaiser

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