So wichtig ist die Früherkennung

Brustkrebs: Münchner Therapie kann Chemo ersparen

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München - Albtraum Brustkrebs: Leider wird er relativ oft Realität. Jede achte bis zehnte Frau muss damit rechnen, daran zu erkranken. Doch die Diagnose muss kein Todesurteil sein.

Professorin Dr. Nadia Harbeck.

Ein Knoten in der Brust: Es gibt kaum eine äußerliche Veränderung am Körper, die vielen Frauen eine solche Heidenangst einjagt. „Man sollte jeden neu aufgetretenen Knoten anschauen lassen – auch in der Schwangerschaft“, rät Professorin Dr. Nadia Harbeck, die Leiterin des Brustzentrums am Uniklinikum Großhadern. „Aber es ist auch kein Notfall, bei dem man sofort in Panik geraten muss.“ Albtraum Brustkrebs. Einerseits wird er leider relativ oft Realität. Jede achte bis zehnte Frau muss damit rechnen, daran zu erkranken. Jahr für Jahr kommen etwa 75 000 Fälle dazu. Andererseits muss die Diagnose noch lange kein Grund für eine Brustamputation sein oder gar ein Todesurteil. „Wir können mittlerweile 70 bis 80 Prozent unserer Patientinnen heilen beziehungsweise zu sogenannten Langzeitüberlebenden machen.“ Die Fortschritte bei der Brustkrebs-Behandlung sind enorm – größer als bei vielen anderen Tumorarten. „Heute hat eine Tochter, die an Brustkrebs erkrankt, eine doppelt so hohe Heilungschance wie ihre Mutter vor 30 Jahren“, berichtet Harbeck. In der großen tz-Gesundheitsserie zum Krebs-Informationstag erläutert die erfahrene Expertin neue Erkenntnisse, Diagnoseverfahren und Therapien.

Münchner Therapie kann Chemo überflüssig machen

In den 1970er-Jahren sind fast alle Brustkrebs-Patientinnen nach dem gleichen Muster behandelt worden: Tumor raus, Chemotherapie rein. Diese Schema-F-Therapie hat ausgedient. „Heute wird nicht mehr auf Teufel komm’ raus sofort operiert. Etwa ein Drittel aller Patientinnen bekommen vor einer OP Medikamente – Tendenz steigend. Und bei der Chemo versuchen wir eine sogenannte Übertherapie zu vermeiden“, erklärt Harbeck. „Stattdessen schauen wir uns den Tumor zunächst viel genauer an, versuchen seine Biologie zu ergründen: Wie aggressiv ist er? Welche genetischen Merkmale hat er? Auf welche Art der Behandlung könnte er ansprechen?“

Das neue Münchner Therapiemodell (ADAPT-Studie): Experten wissen heute, dass rund 70 Prozent aller Brusttumoren auf Hormone ansprechen und etwa 15 Prozent auf Antikörper. Diese Erkenntnisse macht sich ein innovatives Behandlungskonzept zunutze, das die Münchner Krebsspezialistin Harbeck 2011 mit ihren Kollegen von der Westdeutschen Studiengruppe entwickelt hat und derzeit in einer Großstudie namens ADAPT überprüft wird: Dabei werden Patientinnen bereits drei Wochen vor der Operation mit einer Anti-Hormontherapie behandelt. Die Inhaltsstoffe der Tabletten sollen bestimmte Hormone blockieren, die das Tumorwachstum fördern.

Das Kernspin-Bild zeigt einen winzigen Brusttumor.

Nach der OP wird entferntes Tumorgewebe erneut im Labor untersucht. „Wenn die dreiwöchige medikamentöse Vorbehandlung angeschlagen hat, wird sie nach der OP fortgesetzt. Wir hoffen, dass wir auf diese Weise bis zu 70 Prozent der Patientinnen eine wesentlich belastendere Chemotherapie ersparen können“, sagt Harbeck. Die Prognose für diese Frauen ist sehr positiv: „Wir gehen davon aus, dass über 90 Prozent mindestens zehn Jahre überleben.“ Die Anti-Hormon-Therapie soll dauerhaft Schutz gegen Brustkrebs bieten. Die Patientin muss über fünf bis zehn Jahre täglich nur eine Tablette schlucken. Sie beinhalten entweder sogenannte Aromatasehemmer oder Tamoxifen. Diese Substanzen können zwar etwa Knochenschmerzen und Wechselbeschwerden auslösen. „Unterm Strich sind die Nebenwirkungen allerdings vertretbar.“ Und vergleichsweise gering im Vergleich zu den typischen Begleiterscheinungen einer Chemotherapie, die 18 bis 24 Wochen dauert. Sie schwächt das Immunsystem und verursacht Haarausfall.

Für Patientinnen mit sogenannten HER2-positiven Tumoren kann aber auch eine Immuntherapie sinnvoll sein. Dabei erhält der Patient Antikörper, um die Abwehrkräfte des Körpers zu stärken – besonders gegen die Krebszellen. Das gängige Medikament heißt Herceptin.

Inzwischen sind bereits 2000 Patientinnen mit dem neuen Therapiemodell behandelt worden. Am Ende soll sich die ADAPT-Studie auf die Behandlungsergebnisse von 5000 Frauen stützen. Sie läuft an 80 Brustkrebszentren in ganz Deutschland. „In München nehmen neben dem Brustzentrum der Unikliniken Großhadern und Maistraße-Innenstadt auch das Klinikum Dritter Orden und die Frauenklinik an der Taxisstraße daran teil“, betont Harbeck.

Schonendere Operationstechniken: Früher haben die Chirurgen Knoten sehr großzügig entfernt. „Heute weiß man, dass ein Sicherheitsabstand von nur einem Millimeter rund um den Tumor ausreichend ist“, berichtet Harbeck. Das bedeutet: Die Operateure können viel häufiger die Brust erhalten. „Das gelingt bei etwa 80 Prozent der Eingriffe“, erläutert die Leiterin des Brustzentrums.

Auch bei den Achsellymphknoten setzten die Mediziner wesentlich spärlicher das Skalpell an. Früher haben sie alle Achsellymphknoten auf der vom Tumor betroffenen Achselseite entfernt. „Das ist heute nur noch in etwa 20 bis 30 Prozent der Fälle nötig.“ Bei allen anderen werden nur einer bis drei Knoten herausgeschnitten – nämlich jene, die Gewebeflüssigkeit aus der Brust „entsorgen“, also Tumorzellen in den restlichen Körper transportieren könnten. Sie heißen Wächterlymphknoten.

Bessere Bestrahlung: „Wenn man brusterhaltend operiert wird, dann ist eine Bestrahlung zwingend erforderlich“, erläutert Harbeck. Normalerweise muss die Patientin dazu fünf bis sieben Wochen lang an jedem Werktag in die Klinik kommen. „Inzwischen wird oft schon während der OP bestrahlt, dadurch kann man die anschließende Strahlentherapie um eine Woche verkürzen. In anderen Fällen gelingt es, die Behandlung durch eine etwas höhere Strahlendosis auf zirka drei Wochen zu reduzieren.“

Neue Therapien bei der Behandlung von fortgeschrittenem Brustkrebs: „Etwa fünf bis zehn Prozent der Patientinnen haben bereits Metastasen, wenn sie zu uns kommen“, sagt Harbeck. Ihnen kann man mittlerweile oft besser helfen als noch vor einigen Jahren. Die Spezialisten können neue Medikamente einsetzen – etwa Mittel, die wie eine Art Verstärker der Anti-Hormon-Therapie wirken. Auch eine Weiterentwicklung der Immuntherapie mit einer Kombi aus Herceptin und Chemo scheint sich durchzusetzen.

Die Statistik klingt vielversprechend. Spezialistin Harbeck: „Während 50 Prozent der Patientinnen mit Metastasen früher nicht länger als zwei Jahre überlebten, konnten wir diese Zeit mit den neuen Medikamenten verdoppeln.“ Allerdings dürfe man nicht vergessen, dass es sich hier um nüchterne Zahlen beziehungsweise Mittelwerte handelt. Im Einzelfall verläuft jede Erkrankung anders.

Ärzte zum Anfassen

Im Uniklinikum Großhadern stehen am Samstag Krebsexperten Rede und Antwort.

Die Fortschritte der Mediziner im Kampf gegen den Krebs sind ermutigend – und deshalb lohnt es sich umso mehr, sich aus erster Hand darüber zu informieren. Gelegenheit dazu besteht am Samstag im Unklinikum Großhadern. Dort stehen beim großen kostenlosen Krebsinformationstag zahlreiche Spezialisten Rede und Antwort. Das Programm zwischen 9 und 17 Uhr im Hörsaaltrakt hat viel zu bieten: unter anderem gleich zum Auftakt einen Doppelvortrag von zwei ehemaligen Handball-Stars, die einst beim MTSV Schwabing die Fans begeisterten: Uli und Michael Roth erzählen, wie sie binnen weniger Monate nacheinander an Prostatakrebs erkrankt sind und die Krankheit besiegen konnten. Außerdem gibt es Arbeitsgruppen zu verschiedenen Tumorarten und eine große Podiumsdiskussion. Ganz wichtig: „Es ist möglich und sogar ausdrücklich erwünscht, dass unsere Besucher den Experten Fragen stellen“, betont Prof. Dr. Wolfgang Hiddemann. Der Großhaderner Krebsspezialist ist auch Vorsitzender des Vereins Lebensmut, der den Infotag gemeinsam mit der Bayerischen Krebsgesellschaft und dem Klinikum der Universität veranstaltet. „Wir freuen uns auf jeden einzelnen Gast!“, sagt die engagierte Mitorganisatoren Serap Tari.

So kommen Sie hin: Der Hörsaalbereich liegt am (vom Haupteingang gesehen) anderen Ende des Gebäudes. Entweder einfach die Besucherstraße bis zum Ende gehen oder außen am Gebäude entlang. Am günstigsten liegen die Parkplätze P1a/P1b und P5.

Fall Jolie: Nur wenige haben das Krebs-Gen

Angelina Jolie.

Der Fall hat weltweit für Aufsehen gesorgt: Als sich die US-Schauspielerin Angelina Jolie (39) wegen eines stark erhöhten Risikos für erblich bedingten Brustkrebs beide Brüste amputieren ließ, standen in vielen Arztpraxen und Kliniken die Telefone nicht mehr still: Frauen, deren Familienmitglieder bereits an Brustkrebs erkrankt sind, fragten nach, ob sie sich nun auch vorsorglich operieren lassen sollten. Doch diese Sorge ist oft unbegründet. Zwar tritt tatsächlich bei etwa einem Viertel aller Brustkrebspatientinnen vermehrt Brustkrebs in der Familie auf, berichtet die Deutsche Krebsgesellschaft. „Aber höchstens fünf bis zehn Prozent unserer Patientinnen tragen die genetische Veränderung in sich, die die Krankheit auslösen kann“, weiß Prof. Harbeck.
Nach wie vor sei die Vorsorge entscheidend, betont die Spezialistin. Eine zentrale Rolle spiele dabei das Mammografie-Screening. Zu dieser speziellen Röntgenuntersuchung der Brüste werden Frauen zwischen 50 und 69 alle zwei Jahre kostenlos eingeladen. Ein Früherkennungsverfahren, das Harbeck für sinnvoll hält – im Gegensatz zu manchen Kritikern. Sie behaupten, die Untersuchung schüre in vielen Fällen einen Krebsverdacht, der sich hinterher gar nicht bestätige. Ihnen hält die Leiterin des Großhaderner Brustzentrums entgegen: „Die Mammografie schadet der Patientin nicht, ihre Strahlenbelastung ist gering. Und Fakt ist: Die Untersuchung kann Brustkrebs frühzeitig erkennen. Deshalb sollte man sie auf jeden Fall machen lassen, wenn man dazu eingeladen wird. Wie effektiv die Mammografie genau ist, wird sich noch herauskristallsieren. Für eine seriöse Bewertung brauchen wir die Langzeitergebnisse des Screeningprogramms, die momentan aber noch nicht vorliegen.“ Das flächendeckende Mammografie-Programm ist erst ab 2003 schrittweise eingeführt worden.

Andreas Beez

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