Die Mutmacher-Serie der tz

Darmkrebs: Die neuen Strategien der Ärzte

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Prof. Dr. Wolfgang Hiddemann.

München - In der großen tz-Serie erklärt der Direktor des Krebszentrums am Uniklinikum Großhadern, wie Patienten vorsorgen können und welche enormen Fortschritte die Spitzenmedizin im Kampf gegen den Darmkrebs gemacht hat.

Das Tückische an vielen Tumoren ist, dass sie zunächst schleichend und schmerzlos im Körper heranwachsen. Als Paradebeispiel gilt der Darmkrebs , an dem jährlich über 60 000 Menschen erkranken. Die meisten Patienten trifft die erschütternde Diagnose völlig unerwartet. Denn im Anfangsstadium dieser schweren Erkrankung fallen die Symptome kaum ins Gewicht: Kraft- und ­Appetitlosigkeit, ungewöhnlich starker Nachtschweiß, eventuell ­etwas erhöhte Temperatur – die wenigsten Betroffenen bringen solche Beschwerden mit Darmkrebs in Verbindung.

Das Gemeine: Wenn erst mal stärkere Alarmsignale wie dauerhaft heftige Bauchschmerzen, massive Verstopfung, unkontrollierte Stuhlentleerung oder Blut im Stuhl auftreten, dann ist die Erkrankung leider häufig schon weit fortgeschritten. „Deshalb spielt die Früherkennung eine ganz entscheidende Rolle“, betont Professor Dr. Volker Heinemann. In der großen tz-Serie erklärt der Direktor des Krebszentrums am Uniklinikum Großhadern, wie Patienten vorsorgen können und welche enormen Fortschritte die Spitzenmedizin im Kampf gegen den Darmkrebs gemacht hat.

Andreas Beez

Der Kampf gegen den Darmkrebs

DIE VORSORGE:

Wenn er früh erkannt wird, ist Darmkrebs zu 100 Prozent heilbar. Das nach wie vor beste Mittel zur Früherkennung ist eine Darmspiegelung, die in der Fachsprache Vorsorgekoloskopie heißt (siehe unten). Dabei kann der Arzt Krebsvorstufen – sogenannte Polypen – entfernen, bevor sie bösartig werden können. „Jeder gesetzlich Versicherte hat zwischen dem 50. und 54. Lebensjahr Anspruch auf einen jährlichen Test auf okkultes Blut im Stuhl, ab dem 55. Lebensjahr besteht der Anspruch auf eine Vorsorgekoloskopie“, erläutert Heinemann. Denn Darmkrebs trifft vor allem ältere Patienten, das durchschnittliche Erkrankungsalter beträgt 70 Jahre. „Leider gehen aber nur 20 bis 30 Prozent der Berechtigten zur Vorsorgekoloskopie“, weiß der Krebsspezialist. „Ich kann nur jedem empfehlen, dieses Angebot wahrzunehmen. Es kann lebensrettend sein.“

Als Vorsorge-Alternative können die Mediziner inzwischen auch eine virtuelle ­Koloskopie durchführen. Bei dieser speziellen Computertomografie (CT) wird der Darm des Patienten in der „Röhre“ untersucht. Der Nachteil an diesem vergleichsweise jungen Verfahren: Der Arzt kann auffällige Polypen nicht sofort abtragen.

DIE NEUE STRATEGIE DER ÄRZTE:

„Wir versuchen in zunehmendem Maße, Darmkrebs in spezialisierten Zentren zu behandeln“, erklärt Heinemann. Darin arbeiten Ärzte aus verschiedenen Fachgebieten eng zusammen – unter anderem Radiologen, Gastroenterologen, Onkologen, Strahlentherapeuten, Pathologen und Chirurgen. Sie treffen sich regelmäßig zu gemeinsamen Tumorkonferenzen. Die Teilnehmer beraten über jeden neuen Patienten und legen die Behandlungsschritte fest. „Der Vorteil für den Patienten ist, dass Spezialisten unterschiedlicher Fachrichtungen ihr Wissen einbringen. Sie sind gleichberechtigt und müssen sich gemeinsam auf ein Vorgehen einigen“, erläutert Heinemann. Im Uniklinikum Großhadern nehmen bis zu 20 Ärzte an diesen Tumorkonferenzen teil. Sie tagen zwei Mal pro Woche. Diese Team-Strategie bezeichnet der Krebsspezialist als „eine der wichtigsten Entwicklungen der vergangenen Jahre“.

DIE MOLEKULARE PATHOLOGIE: 

Darunter versteht man die genaue Gen-Analyse von Tumorgewebe im Labor. Dieses Fachgebiet hat sich entscheidend weiterentwickelt. Vereinfacht ausgedrückt lässt sich der Fortschritt so beschreiben: Früher haben die Pathologen in erster Linie herausgefunden, ob in der untersuchten Gewebeprobe Krebszellen vorhanden sind oder nicht. Aber heute können sie den behandelnden Ärzten auch sagen, welche bestimmten Eigenschaften der Tumor hat, ihn in Untergruppen unterteilen. „Genaue Informationen über die genetischen Veränderungen sind der Schlüssel zum Therapieerfolg. Dadurch können wir viel gezielter Medikamente einsetzen“, erklärt der Direktor des Krebszentrums.

DIE LEBERMETASTASEN-CHIRURGIE:

Der Tumor im Darm wird praktisch immer in einer OP entfernt. Aber oft reicht dieser Eingriff nicht aus. Denn etwa 40 bis 50 Prozent aller Darmkrebspatienten bekommen Metastasen. Bei etwa jedem Fünften werden die Tochtergeschwülste bereits gleichzeitig mit dem Tumor entdeckt, in etwa 20 bis 30 Prozent erst zu einem späteren Zeitpunkt. „Je länger sich der Tumor im Körper befindet, desto größer ist das Metastasen-Risiko“, erläutert Heinemann.

Besonders häufig streut der Darmkrebs in die Leber, aber auch oft in die Lunge. „Wir wissen inzwischen, wie enorm wichtig die Entfernung dieser Metastasen ist. Wenn man sie beseitigen kann, hat der Patient eine deutlich höhere Überlebenschance. In Einzelfällen ist dann sogar eine ­Heilung möglich“, berichtet der Experte.

DAS GROSSE PROBLEM:

Manchmal sind die Metastasen so groß, dass man sie nicht herausschneiden kann, ohne die Leber außer Gefecht zu setzen. „Zwar ist die Leber das einzige Organ, das nachwächst. Man kann sogar die Hälfte entnehmen, einen von zwei Leberlappen. Aber es gibt Fälle, in denen selbst das nicht möglich ist – und das trotz modernster Operationstechniken“, erläutert Heinemann. Genau hier setzt die enge Zusammenarbeit zwischen Chirurgen und Onkologen an. „Unser gemeinsames Ziel ist, ­Metastasen so sehr zu schrumpfen, dass sie entfernt werden können. Das versuchen wir mit verbesserten Chemotherapien zu erreichen.“

Es ist praktisch eine veränderte Reihenfolge im Vergleich zur langjährigen Behandlungspraxis: Früher wurde immer erst operiert und im Anschluss eine Chemotherapie gemacht. Heute steht manchmal erst eine Chemo an – und dann die Operation.

Die weiteren modernen Verfahren zur Beseitigung von Metastasen: Wenn der Durchmesser einer Tochtergeschwulst nicht größer als etwa vier bis fünf Zentimeter ist, dann rücken ihr die Ärzte bisweilen mit einer sogenannten Radiofrequenzablation zu Leibe. Dabei wird unter örtlicher Betäubung eine etwas dickere Nadel in Leber oder Lunge eingeführt, durch die eine Stromquelle zum Einsatzort transportiert werden kann. „Die Metastase wird praktisch verkocht“, so Heinemann.

Man kann Lebermetastasen auch wirkungsvoll bestrahlen. Die Geräte sind verbessert worden, so dass die Patienten wesentlich schonender behandelt werden können. Inzwischen gibt es sogar die Möglichkeit, eine Bestrahlung direkt im Körperinneren vorzunehmen. Dieses Verfahren heißt SIRT, die Abkürzung steht für selektive interne Radiotherapie. „Dabei werden mit Hilfe eines dünnen Katheterschlauchs kleine radioaktive Kügelchen durch die Leberarterie bis in die Leber transportiert. Diese Kügelchen sammeln sich bevorzugt in Tumoren, strahlen dort für etwa drei Tage und zerstören dadurch die Krebszellen“, erklärt Heinemann.

DIE CHEMOTHERAPIE:

Sie besteht aus Medikamenten, die das Zellwachstum hemmen – vor allem jenes der bösartigen. „Bei jedem zweiten Darmkrebspatienten können wir mit der Chemotherapie einen Rückgang des Tumor erreichen“, weiß Professor Heinemann: „Und wenn wir die Chemo mit einer zielgerichteten Therapie kombinieren, dann können wir diese Erfolgsquote sogar bis auf nahezu 70 Prozent erhöhen.“

Unter einer zielgerichteten Therapie versteht man Medikamente, die auf spezielle ­Eigenschaften des jeweiligen Tumors ansprechen. Sie sollen bestimmte Abläufe in den Tumorzellen unterbrechen und diese dadurch zerstören.

Die Informationen über die Beschaffenheit des Krebsherds müssen zuvor die Pathologen liefern. Der noch genaueren Erforschung und Analyse des Krebsherds gehört die Zukunft: „Wir wollen dahin kommen, jedem einzelnen Patienten sagen zu können: Sie haben folgenden Tumortyp mit diesen Eigenschaften und jenen Merkmalen, und dieser Typ lässt sich auf diese Art und Weise am besten behandeln“, beschreibt Heinemann das ehrgeizige Ziel. Die Philosophie dahinter: Weg von der Standardtherapie hin zu einer personalisierten Krebstherapie.

DIE NACHSORGE:

In den ersten drei Jahren nach der Entfernung des Darmkrebses ist das Rückfallrisiko am größten, danach sinkt es rapide. Wenn wieder Metastasen wachsen, dann meistens in Leber oder Lunge oder im Bereich des Bauchfells. Deshalb rät Heinemann allen Patienten, die Nachsorge ernst zu nehmen und die regelmäßigen Kontrolltermine einzuhalten. Es reicht nicht, sich von einem Spezialisten operieren zu lassen. „Die weitere Entwicklung der Erkrankung sollte ein Mediziner überwachen, der sich mit der Nachsorge von Krebspatienten auch wirklich auskennt. Das kann zum Beispiel ein niedergelassener Onkologe oder ein Arzt in einem spezialisierten Darmkrebszentrum sein, aber auch ein geschulter Hausarzt“, rät Heinemann. „Wenn man sich nicht um die Nachsorge kümmert, dann kann der Darmkrebs schnell wieder sehr gefährlich werden!“

So läuft die Vorsorge ab

Um die Darmspiegelung ranken sich viele Vorurteile. Fakt ist jedoch: Die Untersuchung ist nicht schmerzhaft und das Risiko einer Komplikation äußerst gering! Der vielleicht unangenehmste Aspekt der Koloskopie ist die Vorbereitung. Der Patient muss bereits am Vortag Abführmittel trinken, um den Darm zu reinigen. Nur so kann der Arzt das Organ genau ­unter die Lupe nehmen. Dazu führt er einen dünnen Schlauch mit einer Mini-Kamera durch den After ein. Das Gerät nennt man Endoskop. Es liefert Bilder aus dem Inneren des Dickdarms, die auf einen Monitor übertragen werden. Wenn der Mediziner einen Polypen entdeckt, kann er ihn mit einem Spezialinstrument sofort entfernen. Die Untersuchung dauert nur etwa 20 Minuten.

Infotag mit vielen Experten

Neue Forschungsergebnisse, neue Diagnoseverfahren, neue Behandlungsmethoden – über die enormen Fortschritte im Kampf gegen die Volkskrankheit Krebs berichten am Samstag, 20. September, zahlreiche erfahrene Spezialisten im Uniklinikum Großhadern. Bei dem Krebsinformationstag, der vom Verein Lebensmut, der Bayerischen Krebsgesellschaft und dem Klinikum der Universität München gemeinsam veranstaltet wird, haben die Besucher auch die Gelegenheit, den Spezialisten Fragen zu stellen. „Wir möchten unseren Besuchern Professoren zum Anfassen präsentieren, einen Austausch auf Augenhöhe ermöglichen“, sagt Krebsspezialist Professor Dr. Wolfgang Hiddemann.

Von 9 bis 17 Uhr gibt es im Hörsaaltrakt von Großhadern kostenlos eine Podiumsdiskussion, verschiedene Arbeitsgruppen und Vorträge zu erleben. Aus der Sicht der Ärzte, aber auch aus der Perspektive der Patienten: So erzählen die Zwillingsbrüder Michael und Uli Roth, die in den 1980erJahren zu Deutschlands besten Handballern gehörten, wie sie beide an Prostatakrebs erkrankten und geheilt wurden (Beginn 9.10 Uhr).

Weitere Details zum großen Krebsinformationstag finden Interessenten auch im Internet unter der Adresse ­www.lebensmut.org.

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