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Gesünder dank Handy

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Viele Patienten befolgen den Rat ihres Arztes nicht, mit Hilfe des Handy soll das anders werden. © dpa

München - Patienten haben meist noch nie davon gehört – Ärzten jedoch bereitet das Thema Compliance großes Kopfzerbrechen. Wir stellen Ihnen zwei Münchner Projekte vor, die Patienten bei Themen wie Darmspiegelung bei der Stange halten sollen.

Patienten haben meist noch nie davon gehört – Ärzten jedoch bereitet das Thema Compliance großes Kopfzerbrechen. Dieser Begriff bezeichnet die Mitarbeit des Patienten und misst, wie genau der ärztliche Rat befolgt wird. Daran hapert es gewaltig – die typischen Compliance-Raten für verschriebene Arzneimittel liegen bei 50 Prozent, mit einer Bandbreite von null bis 100 Prozent. Im Klartext: Jede zweite vom Arzt verschriebene Tablette wird nicht geschluckt. Manche Kranke lassen sich vom Beipackzettel so abschrecken, dass sie ganz auf die Arznei verzichten, andere vergessen die Tabletteneinnahme, sobald es ihnen besser geht. Gesundheitsforscher schätzen, dass Non-Compliance für jede zehnte Krankenhauseinweisung verantwortlich ist und jedes Jahr zu Kosten in Höhe von über zehn Milliarden Euro führt. Aus München gibt es neue Ansätze, Patienten bei der Stange zu halten. Die Motivation soll mit Hilfe von Smartphones und kleinen Computerprogrammen, den sogenannten Apps, oder ganz einfach per SMS-Erinnerungen gefördert werden. Die tz stellt zwei Münchner Projekte vor.

Unterstützung bei der täglichen Therapie

Sebastian Gae­de ist Mitbegründer der Münchner Firma SmartPatient, die Patienten bei der Therapie von chronischen Erkrankungen unterstützt. Im tz-Gespräch beantwortet er die wichtigsten Fragen:

Eignen sich diese neuen Gesundheitshelfer für jeden?

Gaede: Ja, für jeden, der etwas für seine Gesundheit tun muss, egal ob sich jemand regelmäßig bewegen möchte, ob er Tabletten nimmt oder sogar komplizierte chronische Erkrankungen wie Diabetes, Epilepsie, Mukoviszidose oder Parkinson managen muss. Viele Diabetes-Patienten z. B. müssen sich täglich viermal Insulin spritzen und zusätzlich verschiedene Tabletten einnehmen, gegen Bluthochdruck, gegen erhöhte Harnwerte, zur Blutverdünnung und gegen erhöhten Blutzucker. Apps können helfen, den Überblick zu behalten. Das Computerprogramm auf dem Smartphone erinnert nicht nur daran, was eingenommen werden muss, sondern auch zu welchem Zeitpunkt, und merkt sich Arzttermine – ein medizinisches Tagebuch. Das Programm MyTherapy kann im App-Store kostenlos heruntergeladen werden. Man wird durch das Programm geführt und hinterlegt den vom Arzt verschriebenen Therapieplan. Je nach Wunsch können sich die Nutzer per Klingeln an die Tabletteneinnahme erinnern lassen, oder sie nutzen die Listenfunktion. Dort können sie sich z. B. notieren, täglich mindestens zwei Liter zu trinken. Hat man das geschafft, streicht man die Aufgabe aus der Liste.

Sehen Sie eine Altersgrenze bei den Nutzern?

Gaede: Aus einer Forschungskooperation mit der Berliner Charité haben wir gelernt, dass die neue Generation der jungen Alten einen sehr guten Bezug zu Smartphones, Computern und der ganzen Technologie hat. Natürlich hängt es vom persönlichen Interesse und auch vom individuellen Gesundheitszustand des Patienten ab. Aber jeder, der das Programm nutzen möchte und keine Angst vor einem Handy hat, kann davon profitieren.

Welche Rückmeldungen haben Sie von Nutzern?

Gaede: Sie schätzen besonders das Gefühl, ihre Therapie im Griff zu haben und aktiv etwas für die Gesundheit zu tun.

So ein Programm könnte dazu missbraucht werden, unfolgsame Patienten zukünftig auch zu bestrafen!

Gaede: Die Gefahr ist grundsätzlich vorhanden, daher hat der Datenschutz unserer Nutzer die allerhöchste Priorität. Wir sehen unsere App als Unterstützung für die Umsetzung der ärztlichen Therapie. Niemand ist perfekt, und so kann man ganz wertfrei in der To-do-Liste ankreuzen: Diese Punkte habe ich heute nicht geschafft. Der Nutzer soll weder bestraft noch bevormundet werden, denn dieses Gefühl führt schnell dazu, dass er keine Lust mehr hat, die App zu nutzen. Wir wollen dem Patienten ja helfen, am Ball zu bleiben. Noch ist die App nur für Apple-Geräte verfügbar, Ende des Jahres soll es eine verbesserte Android-Version geben.

Darmspiegelung: Coaching per SMS

Der März als Darmkrebs-Monat soll daran erinnern, wie wichtig die Vorsorgeuntersuchung ist. Doch wie alle Gastroenterologen haben auch Dr. Benjamin Walter und seine Kollegen am Klinikum rechts der Isar zwei Probleme: Immer noch nehmen zu wenige Menschen an der Darmkrebsvorsorge teil, und fast jeder Fünfte der zur Darmspiegelung kommt, ist schlecht vorbereitet, sodass die Untersuchung ihren Zweck nicht erfüllt. Für die Darmspiegelung muss der Darm vollständig leer und sauber sein. Der Arzt sucht die Wände des Dickdarms nach Veränderungen und Polypen ab, aus denen Tumore entstehen können. Um die Teilnahme und die Mitarbeit bei der Darmkrebsvorsorge zu erhöhen, hat am rechts der Isar eine erste Machbarkeitsstudie stattgefunden. Es wurde erprobt, ob den Patienten eine Begleitung per SMS hilft, sich besser auf eine Darmspiegelung vorzubereiten.

Damit im Darm freie Sicht herrscht, muss der Patient einige Regeln beachten und am Abend vor der Untersuchung eine Abführprozedur durchlaufen. Dr. Walter: „Die Patienten wollen gut vorbereitet sein, weil sie sich ja vor Darmkrebs schützen möchten. Nach dem Aufklärungsgespräch fühlen sich alle Patienten gut informiert, doch wenn sie dann das Abführmittel nehmen müssen, fällt vielen doch auf, dass sie unsicher sind.“

Und da kommt jetzt das mithilfe der Firma SmartPatient entwickelte Programm ins Spiel, das die Patienten mit Hilfe von 14 Kurznachrichten auf die Untersuchung vorbereitet. So werden z. B. in einer der ersten SMS vier Tage vor dem Darmspiegelungstermin daran erinnert, keine faserreiche und körnerhaltige Nahrung mehr zu essen. Am Abend vor der Untersuchung um 17 Uhr muss die Abführlösung zu sich genommen und anschließend mindestens noch zwei Liter klare Flüssigkeit getrunken werden. Per SMS werden die Patienten motiviert durchzuhalten, bis die Darmentleerung geschafft ist. Die letzte Nachricht erinnert am Morgen an den Untersuchungstermin.

Das Ergebnis dieser Machbarkeitsstudie ist ermutigend: Alle Probanden fanden die Kurznachrichten sehr hilfreich, und das Ergebnis der Darmreinigung, das die Ärzte mithilfe eines Scores bewerten, hat sich verbessert. Dr. Walter stellt fest: „Immer mehr Menschen, die in das für die Darmkrebsvorsorge wichtige Alter ab 50 kommen, haben ein Handy oder ein Smartphone. Es bietet sich einfach an, dieses Medium, mit dem eh die meisten vertraut sind, zu nutzen, um die Motivation der Patienten zu verbessern.“ In einer größeren Studie sollen die Ergebnisse nun bestätigt werden.

Dr. Benjamin Walter hat in letzter Zeit häufig Besuch von interessierten Kollegen aus anderen Fachbereichen bekommen: „Dieses Programm kann verschiedenste medizinische und zeitlich terminierte Untersuchungen unterstützen.“ So gibt es z. B. auch in der Nuklearmedizin einige Untersuchungen, bei denen sich die Patienten vorher an bestimmte Regeln halten müssen. Es ist also gut möglich, dass demnächst immer mehr Patienten von ihrem Arzt per SMS motiviert werden.

Die Apps können Patienten unterstützen

AppZielKurzbeschreibung
My TherapyDen ärztlichen Rat umsetzenMy Therapy erinnert z. B. an Medikamente, Messungen oder Aktivitäten. Das integrierte Tagebuch verbessert die Gesprächsgrundlage mit dem Arzt.
MovesAktiver werdenMoves erfasst gelaufene Schritte, geradelte Kilometer und mehr und erfordert keine Zusatzgeräte.
CardiioPulskontrolleMit Cardiio messen Sie Ihren Puls einfach durch Auflegen eines Fingers auf die Smartphone-Kamera.
Asthma LaVistaBesser mit Asthma lebenMit Diagrammen und Landkarten-Analaysen hilft die App Asthmatikern, Gefährdungen zu entdecken.

S. Stockmann

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