50 000 Münchner wissen nicht, dass sie zuckerkrank sind!

Diabetes ist kein Zuckerschlecken

Etwa 150 000 Menschen leiden allein in München und Umgebung unter Diabetes.
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Etwa 150 000 Menschen leiden allein in München und Umgebung unter Diabetes.

Es ist ein Riesenproblem, das da auf uns zukommt. Ein lebensgefährliches Problem. Schon jetzt leiden etwa 150 000 Menschen allein in München und Umgebung unter Diabetes.

Bundesweit werden sogar sieben Millionen Menschen wegen ihrer Zuckerkrankheit behandelt. Das Problem dabei: Die Zahl nimmt rasant zu. Was sogar noch stärker steigt, ist die hohe Dunkelziffer. Denn es gibt heute schon geschätzte 50 000 Münchner, die unter Diabetes leiden, aber noch gar nichts davon wissen.

Sie ahnen noch nicht, in welcher Gefahr sie schweben. Denn: Die Zuckerkrankheit tut nicht weh und verursacht lange Zeit keine besonders auffälligen Symptome. Aber die Uhr tickt. Unerbittlich. Die große Gefahr dabei: Wenn Diabetes nicht konsequent behandelt wird, drohen schlimme Spätschäden. Denn Diabetes ist kein Zuckerschlecken. Darunter leiden die Menschen, die Prof. Palitzsch jeden Tag in seiner Notaufnahme sieht.

Prof. Klaus-Dieter Palitzsch (49) ist Chefarzt der 3. Medizinischen Abteilung im Klinikum Neuperlach. „Deutschland droht eine Diabetes-Epidemie“, warnt er. „In unserer Klinik müssen wir viele Diabetiker versorgen, die ihre Krankheit lange Zeit nicht erkannt oder nicht ernst genug genommen haben. Sie werden mit Herzinfarkt oder Schlaganfall bei uns eingeliefert, weil die krankhaft hohen Zuckerwerte im Blut ihre Arterien angegriffen haben. Denn Zucker ist ähnlich gefährlich wie Nikotin. Wenn beides zusammenkommt, kann Zucker sogar tödlich sein.“

Die Patienten, von denen Prof. Palitzsch spricht, haben verengte Arterien, Durchblutungsstörungen in den Beinen, Gefäßschäden in den Nieren oder im Auge. Sie leiden unter Schmerzen, sehen nicht mehr richtig, ihre Nieren arbeiten nur noch ungenügend.

Warum gibt es immer mehr Diabetiker?

„Die Hauptursachen sind Übergewicht und Bewegungsmangel“, sagt Prof. Palitzsch. „Wir sitzen zu lange am Schreibtisch, im Auto oder vor dem Fernseher. Gleichzeitig essen wir zu viel und ernähren uns zu ungesund. Hoher Blutdruck und Cholesterinwerte erhöhen die Diabetes-Gefahr zusätzlich. Das sind jedoch alles Umstände, die jeder ganz leicht ändern kann. Es ist also gar nicht schwer, sich zu schützen und der Diabetes-Falle zu entrinnen. Wer allein fünfmal pro Woche mindestens 30 Minuten spazieren geht oder sich anderweitig bewegt, kann das Diabetes- Risiko schon um 36 Prozent vermindern.“

Warum macht Übergewicht zuckerkrank?

Übergewicht und Bewegungsmangel vermindern die Wirkung des Insulins im Körper. Der Zucker ist als Energielieferant lebenswichtig. Doch nur durch das Insulin gelangt er auch aus dem Blut in die Zellen, wo er benötigt wird. Wirkt das Insulin nicht mehr ausreichend, bleibt zu viel Zucker im Blut. Das zerstört einerseits die Arterien und macht gleichzeitig auch schwach und müde, weil die Energie fehlt.

Wer ist besonders gefährdet?

Viele denken, Diabetes sei eine normale Alterserscheinung. Der häufig anzutreffende Diabetes Typ 2 wurde früher noch als Altersdiabetes bezeichnet. Aber die Entwicklung verläuft geradezu dramatisch. Die Patienten werden immer jünger. Viele Berufstätige zwischen 30 und 40 erkranken inzwischen daran. Sogar bei Jugendlichen tritt Diabetes Typ 2 auf. Dazu kommt, dass oft fünf bis sieben Jahre vergehen, bis Diabetes erkannt wird, weil viele die Symptome nicht kennen oder sie nicht als gefährlich einschätzen.

Woran erkennt man Diabetes?

Die Betroffenen fühlen sich schlapp und müde. Sie müssen häufig Wasser lassen, haben starken Durst und trinken auffallend viel Flüssigkeit. Wunden heilen schlechter. Es kann zu einem unerklärlichen Gewichtsverlust kommen. Wenn Taubheitsgefühle in Armen oder Beinen oder auch Sehstörungen auftreten, ist der Diabetes meist schon weit fortgeschritten. Prof. Palitzsch rät allen Münchnern zur regelmäßigen Vorsorge: „Spätestens ab 35 sollte jeder vom Hausarzt den Blutzucker bestimmen lassen. Für Menschen mit Übergewicht gilt das schon wesentlich früher.“ Urinuntersuchungen mit Teststreifen zeigen Diabetes zu spät an. Blutzuckermessungen in der Apotheke geben immer nur einen Schätzwert an, der um zehn bis fünfzehn Prozent schwanken kann. Die Messung beim Arzt ist am sichersten.

Wie behandelt man Diabetes?

Im Anfangsstadium helfen oft schon einfache Maßnahmen wie Abnehmen und Bewegung. Wenn das nach drei Monaten nicht zum Erfolg führt, setzt der Arzt blutzuckersenkende Tabletten ein, die später zum Teil auch mit weiteren Medikamenten kombiniert werden. Lassen sich aber auch dadurch die Zuckerwerte nicht normalisieren, ist heute auch für alle Typ-2-Diabetiker das Insulin die optimale Therapie.

Ist Diabetes heilbar?

Der seltene Typ-1-Diabetes ist nicht heilbar. Aber jeder zweite Typ-2-Diabetiker, der seine Krankheit frühzeitig entdeckt und seinen Lebensstil geändert hat, kann nach sechs Jahren wieder normale Zuckerwerte erreichen.

MICHAEL TIMM

Quelle: tz

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