Die Senioren-WG

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Leben in der Gemeinschaft: Gerne sitzen Hannelore L. (65), Alfred Sch. (70, links) und Rätselheft-Fan Max D. (71) im Wohnraum zusammen .

Im Alter in einer Senioren-WG zu leben, können sich immer mehr Menschen vorstellen.

Die tz besuchte drei pflegebedürftige Münchner in ihrem wohngemeinschaftlichen Zuhause.

Da lebt man mit anderen Senioren zusammen in einem riesigen Haus – jeder kümmert sich um den anderen. Man kocht gemeinsam und jeden Abend gibt’s ein geselliges Beisammensein. Schön! So sieht sie aus – die typische Alten-WG. Zumindest im Werbeprospekt. Die Wirklichkeit ist oft anders. Noch vor wenigen Jahren feierte die Politik die Wohngemeinschaften als Heilsbringer der Altenversorgung. Mittlerweile zeigt sich: Eine wirklich funktionierende Senioren-WG ist selten!

Immerhin gibt es sie: So wie im Otto-Dischner-Weg in Pasing. Es ist Freitag, kurz vor 12 Uhr. Hannelore L. (65), Alfred Sch. (70) und Max D. (71) sitzen gerade beim Essen. Seit gut eineinhalb Jahren wohnen die drei Senioren in einer 137-Quadratmeter-Wohnung zusammen. „Und wir sind ein gutes Team“, sagt Alfred Sch. grinsend. Alle nicken. Bereut hat hier noch niemand, dass er mit den anderen unter einem Dach wohnt. Warum auch? Jeder hat sein Zimmer sowie sein eigenes Bad, es gibt einen großen Wohn- und Küchenraum. Alles behindertengerecht, versteht sich. „Wir haben so eine Freiheit, die wir sonst nicht mehr hätten“, sagt der ehemalige Unternehmer, der seit mehreren Schlaganfällen pflegebedürftig ist. „Und es ist immer etwas los“, fügt Hannelore L. hinzu.

Wer die Gruppe besucht, merkt schnell: Es ist besonders diese Selbstständigkeit, die den dreien am Herzen liegt. Einen festen Tagesablauf hat man hier nicht. „Wir halten nichts von Treffen im Haus, die für alle verpflichtend sind“, sagt Hannelore L., die früher Angestellte bei Siemens war. Alles erinnert eher an eine Studenten-Gemeinschaft. Schon morgens steht hier jeder auf, wann er will. Schon das ist eine Freiheit, von der so mancher Pflegeheim-Bewohner nur träumen kann. Denn pflegebedürftig sind alle drei WG-Bewohner in Pasing. Jeder hat eine Pflegestufe, benötigt medizinische Hilfe. Auch ein Fakt, der dieses Projekt besonders macht. Denn trotzdem leben die drei alleine.

I.S.AR-Chefin Andrea Schneider rief die WG ins Leben.

Damit die Senioren so unabhängig sein können, gibt es gewisse Hilfen: So schaut jeden Mittag eine Sozialpädagogin bei den dreien vorbei. Dann wird nach Problemen gefragt, ein Auge darauf geworfen, ob sich die Bewohner gesund ernähren – oder auch zum Arzt gefahren, wenn’s wo zwickt. Außerdem sieht noch ein ambulanter Pflegedienst nach dem Rechten, übernimmt die medizinische Versorgung und hilft überall.

Die leitende Kraft hinter alledem ist Andrea Schneider (49). Sie ist die „Mutter“ der Alten-WG und Geschäftsführerin von I.S.AR, dem Münchner Institut für sozialpädagogische Arbeit. Vor gut eineinhalb Jahren rief sie die Senioren-Gemeinschaft ins Leben. „Die Bewohner haben sich über uns kennengelernt“, erzählt sie. „Das Zusammenleben probierten sie einfach aus.“ Es klappte. Natürlich mit kleinen Hindernissen. Und wenn es nur der Abspül-Muffel war, der bekehrt werden musste. „Der arbeitet jetzt auch mit– nach ein paar Gesprächen.“ Übrigens: Zahlen müssen die Bewohner für Miete, Betriebskosten und die Betreuung durch das I.S.AR-Team zwischen 1500 und 1800 Euro im Monat.

Und das Einkaufen? Das Wäschewaschen? Auch das erledigen die Bewohner selbst. Dem Schwächsten in der Gemeinschaft wird dabei von den anderen zwei geholfen. Hilfe zur Selbsthilfe lautet das Motto des Projekts. Den Alten alles abzunehmen, davon hält Andrea Schneider nichts – und die wollen das auch nicht. „Wir gehen sowieso lieber selber einkaufen“, sagt Hannelore L. Die Aufgabe draußen, der Kontakt zur Umwelt, zur Verkäuferin oder dem Bäcker ist wichtig für die Senioren. Nur mit dem richtigen Mix zwischen Selbstständigkeit und Unterstützung funktioniert eine echte Alters-WG.

Gegessen wird in der Senioren-WG meist zusammen. „Wir haben aber keinen Plan. Wenn mal einer lieber in seinem Zimmer bleiben will, ist das auch ok“, sagt Alfred Sch.

Das wird wohl auch der Grund sein, warum es andererseits viele Gemeinschaften gibt, die sich wieder auflösen. Statistiken zeigen: Schossen vor vier Jahren die Alters-WGs noch wie Pilze aus dem Boden (meist eigenständig gegründete – also ohne Betreuung), sind davon viele schon wieder verschwunden. Experten glauben, den Grund zu kennen: Das Miteinander von Menschen ist eine höchst diffizile Angelegenheit. Es kommt zu Streit, zu Unzufriedenheit, zu Organisationsproblemen. Daher benötige eine ernstzunehmende WG eben eine qualifizierte „Betreuungsinstanz“.

Mangelndes Interesse ist jedenfalls nicht der Grund für die Probleme der Wohn-Alternative. Auf die Frage „Mit wem möchten Sie im Alter leben?“ antworteten bei einer großen Emnid-Umfrage immerhin 36 Prozent „mit gleichaltrigen Freunden oder Bekannten“. Ganz oben steht der Wunsch, mit dem Partner den Lebensabend zu verbringen (86 Prozent) – am besten in den eigenen vier Wänden. In einer Gesellschaft, wo immer mehr Menschen Single sind und auch im Alter alleine bleiben, droht das nur langsam aber sicher zur Ausnahme zu werden.

Einsamkeit kennt Alfred Sch. jedenfalls nicht. „Es ist schön, Wohngenossen zu haben“, sagt er. Die sollen übrigens noch mehr werden. Die gemeinnützige I.S.AR. GmbH will die WG schnellstmöglich um zwei weitere Plätze ausbauen. Alfred Sch. und seine Mitbewohner freut’s: „Neue Kollegen – das wäre richtig spannend. Und Spannung brauchen wir.“

Quelle: tz

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