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Viele junge Menschen greifen zu alkoholfreien Alternativen – was bedeutet der Verzicht auf Alkohol?

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Keine Party ohne Alkohol? Von wegen! Junge Menschen setzen zunehmend auf Alternativen. Dieser Null-Promille-Trend hat große Auswirkungen auf den Markt.

Mocktail statt Long Drink, Soda statt Bier: Immer mehr junge Menschen bevorzugen alkoholfreie Getränke. Die Nachfrage nach rauschfreien Alternativen ist den letzten Jahren kontinuierlich gestiegen. Der Trend hat sogar einen Namen – oder besser gesagt zwei: Anhänger von „Mindful Drinking” und „Sober Curiosity” setzten auf einen bewussten Verzicht von Alkohol oder schränken ihren Konsum drastisch ein. Mittlerweile gibt es sogar Partys und Events unter dem alkoholfreien Motto. Doch wie ist dieser immer präsenter werdende Trend zu deuten?

Wieso verzichten junge Menschen zusehends auf Alkohol?

Die Pronova BKK führte im Oktober 2021 eine Umfrage unter der Generation Z durch. Dabei kam heraus, dass rund 40 Prozent der Befragten der Gesundheit zuliebe weniger Alkohol trinken. Diese Zahlen decken sich mit dem Ergebnis einer aktuellen Spiegel-Umfrage, bei der 67 Prozent der Befragten angaben, zeitweise bewusst auf Alkohol zu verzichten. 65 Prozent von ihnen gaben an, dies aus gesundheitlichen Gründen zu tun. Insbesondere die Gruppe der 18- bis 29-Jährigen schätzte ihren aktuellen Alkoholkonsum geringer ein als im Jahr davor.

Trend- und Zukunftsforscherin Corinna Mühlhausen ist vom Ergebnis dieser Studien nicht überrascht. „Das Gesundheitsbewusstsein junger Menschen war noch nie so hoch“, sagt die Journalistin. „Gleichzeitig sind junge Menschen aber nicht asketisch und trinken alle nur noch Wasser. Im Gegenteil: Sie pflegen einen sehr hedonistischen Lebensstil. Es soll Spaß machen, sich gesund zu ernähren, daher auch die hohe Nachfrage nach den nicht alkoholischen Getränkealternativen.“

Eine Gruppe von Freundinnen prostet sich auf einer Party mit Mocktails zu
Mocktails sind längst nicht mehr die einzige alkoholfreie Alternative. © IMAGO

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Soziologin: „Die Zukunft von Alkohol ist alkoholfrei“

Isabella Steiner hat das Thema Alkoholverzicht sogar zum Thema ihres Buches gemacht. „Mindful Drinking – nüchtern, happy, katerfrei“ heißt der Ratgeber, der Leser auf dem Weg in ein achtsameres Leben begleiten will. Die studierte Soziologin ist der Meinung, dass viele Menschen aus reiner Gewohnheit zum hochprozentigen Drink greifen. Schließlich sei das Alkoholtrinken in der deutschen Gesellschaft fest verankert.

„Gelegenheiten gibt es genug: das Feierabendbier zur Entspannung, der Wein beim Abendessen mit Freunden, der Sekt zum Auflockern bei einem Date. Und oft sagen wir Ja, ohne darüber nachzudenken, ob wir überhaupt Alkohol trinken wollen – als hätten wir alle einen Sauf-Autopiloten“, sagt die Buchautorin im Interview mit dem Spiegel.

Zusammen mit einer Freundin hat sie im Berliner Bergmannkiez den ersten alkoholfreien Späti Deutschlands gegründet. „Am Ende geht es doch um unsere Gesundheit. Es ist ja bekannt, dass Alkohol krank machen kann – und wenn es ‚nur‘ der Kater am nächsten Tag ist. Dennoch ist die gesellschaftliche Erwartung immer noch, etwas zu trinken – selbst in einer Zeit, in der Achtsamkeit und Selbstoptimierung ganz großgeschrieben werden“, kritisiert die Soziologin. Aufgrund ihrer eigenen Erfahrungen ist sie überzeugt: „Die Zukunft von Alkohol ist alkoholfrei.“

Wie wirkt sich der Trend auf die Zukunft aus?

Fakt ist, dass die Nachfrage nach alkoholfreien Alternativen weiter steigt. Vorbei sind die Zeiten, in denen alkoholfreies Bier verächtlich als seichte Brühe bezeichnet wurde. Laut dem Statistischen Bundesamt ist die Produktion von alkoholfreiem Bier im vergangenen Jahrzehnt um 74 Prozent gestiegen. Holger Eichele, der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Brauer-Bundes, schätzt, dass bald jedes zehnte in Deutschland gebraute Bier alkoholfrei sein wird. Ähnliche Entwicklungen macht die Weinindustrie durch. Das Deutsche Weininstitut schreibt auf seiner Website, dass der Absatz von alkoholfreien Weinen im Lebensmitteleinzelhandel 2022 um 18 Prozent gewachsen ist.

Der Trend ist mittlerweile in verschiedene Marksegmente vorgedrungen. Von „Sober Sensations“-Partys bis hin zu alkoholfreien Angeboten in der Spitzenküche: Die Tendenz zum nüchternen Lifestyle wirkt sich auf die ganze Gesellschaft aus. Viele große Getränkehersteller konzentrieren sich mittlerweile auf die Kreation und Herstellung von attraktiven Drink-Alternativen. „In der Branche tut sich gerade sehr viel, es schmecken längst nicht mehr alle Alternativen nach Traubensaft“, resümiert Isabella Steiner. Passend dazu gehen in den sozialen Medien jährlich die Hashtags „Dry January“ und „Sober October“ viral. Das Ziel ist es, 31 Tage lang auf Alkohol zu verzichten.

Dieser Beitrag beinhaltet lediglich allgemeine Informationen zum jeweiligen Gesundheitsthema und dient damit nicht der Selbstdiagnose, -behandlung oder -medikation. Er ersetzt keinesfalls den Arztbesuch. Individuelle Fragen zu Krankheitsbildern dürfen von unseren RedakteurInnen leider nicht beantwortet werden.

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