"Ein richtiger Mann kennt keinen Schmerz"

München - Dr. Werner Kissling ist Leiter des Centrums für Disease Management am Uniklinikum rechts der Isar. Im tz-Interview spricht er über Ursachen, Symptome und Therapie des Burnouts.

Die Angst vor Burnout geistert durch immer mehr Firmen. Können Sie uns dieses Schreckgespenst genauer beschreiben?

Lesen Sie dazu:

Burnout: Wenn Körper & Seele schlappmachen

Dr. Werner Kissling: „Burnout- Syndrom“ ist die neudeutsche Bezeichnung für einen körperlichen und seelischen Erschöpfungszustand. Die Betroffenen können sehr unterschiedliche Stress-Symptome wie Magen-Darm-Probleme, Kopfschmerzen, Erkältungen, Schlafstörungen, Gereiztheit, Ohrgeräusche entwickeln. Ihre Stimmung verschlechtert sich zunehmend, die Konzentration und später auch die Leistungsfähigkeit lassen nach. Bis es eines Tages zum Zusammenbruch kommt und der Betreffende es nicht einmal mehr schafft, morgens aufzustehen.

Warum steigt die Zahl der Burnout-Fälle so drastisch an?

Kissling: Da das Burnout-Syndrom noch keine offizielle medizinische Diagnose ist, kann man nicht genau sagen, wie stark der Anstieg tatsächlich ist. Generell werden psychische Störungen in den vergangenen Jahren besser erkannt und häufiger diagnostiziert. Das schlägt sich natürlich in der Statistik nieder. Die gestiegenen Leistungsanforderungen im Beruf, die Arbeitsverdichtung und die ständige Erreichbarkeit vieler Mitarbeiter über Handy und Internet tragen sicher auch zu diesem Anstieg bei.

Wie gefährlich kann das Burnout-Syndrom für den Erkrankten werden?

Kissling: Burnout kann einen Menschen ohne weiteres einmal für mehrere Monate außer Gefecht setzen und sich nicht selten zu einer Depression oder einer Suchterkrankung ausweiten. In diesem Zusammenhang kommt es immer mal wieder auch zu Selbstmord­gedanken.

Welche Menschen sind besonders gefährdet?

Kissling: Überdurchschnittlich leistungsmotivierte, ehrgeizige Menschen, die zu Überperfektion neigen, geraten besonders häufig in Überforderungs­situationen, aus denen sich dann ein Burnout entwickeln kann.

Gibt es Risiko-Branchen oder bestimmte Jobs mit erhöhter Anfälligkeit?

Kissling: Burnout kann prinzipiell jeden treffen, der über längere Zeit über seine individuelle Belastungsgrenze hinausgeht. Helfende Berufe (Sozialpädagogen, Pflegekräfte), Lehrer, Mitarbeiter von Call-Centern, aber auch pflegende Angehörige scheinen besonders häufig betroffen zu sein.

Statistiken zeigen, dass Frauen häufiger am Burnout-Syndrom erkranken als Männer. Wie lässt sich dieser Unterschied zwischen den Geschlechtern erklären?

Kissling: Frauen werden tatsächlich doppelt so häufig wegen Burnout krankgeschrieben wie Männer, besonders betroffen sind Frauen im Alter von 40 bis 60 Jahren. Es ist allerdings noch umstritten, ob Frauen tatsächlich häufiger erkranken – oder ob Männer ihre Burnout- Symptome nur seltener wahrnehmen und der Arzt bei ihnen diese Diagnose seltener stellt. Nach der Devise: „Ein richtiger Mann kennt keinen Schmerz und also auch kein Burnout.“

Wie wird ein Burnout-Syndrom behandelt?

Kissling: Am besten ist es natürlich, wenn jeder selbst darauf achtet, dass er sich nicht dauernd überfordert, dass er ausreichend Erholungspausen einlegt, sich Zeit für ein erfülltes Privatleben nimmt und Arbeiten auch mal delegiert oder notfalls ablehnt. Wenn schon die ersten Frühwarnzeichen sichtbar sind, helfen oft auch Entspannungstechniken, Stressreduktion oder Unterstützung durch einen Coach, der einem dabei hilft, seine Arbeit besser zu organisieren.

Bei einem ausgeprägten Burnout- Syndrom, hinter dem sich immer auch eine Depression verbergen kann, sollte man allerdings nicht zu lange zögern, sich vom Hausarzt oder Psychiater untersuchen zu lassen, der einem dann bei Bedarf eine ambulante oder stationäre Psychotherapie empfiehlt.

Wie lange dauert die Therapie?

Kissling: Wenn man sein Arbeits- und Freizeitverhalten so verändern will, dass keine Überforderung mehr eintritt, dann braucht das Zeit. Jeder, der schon mal versucht hat, seine Rauch- oder Essgewohnheiten zu verändern, weiß, wie schwer das fällt. Eine nachhaltig wirksame Burnout-Behandlung dauert Monate.

Wie groß sind denn die Heilungschancen?

Kissling: Wenn man motiviert ist, seinen Lebens- und Arbeitsstil nachhaltig zu ändern und die Hilfe von dafür speziell ausgebildeten Therapeuten in Anspruch nimmt, dann sind die Heilungschancen sehr gut. Gleichzeitig muss häufig auch etwas an den Arbeitsabläufen geändert werden. Wenn man sich nur von der Erschöpfung erholt und dann im gleichen Stil weitermacht wie vor dem Burnout, ist der Rückfall vorprogrammiert.

Sie beraten viele Unternehmen zum Thema Burnout. Welche Erfahrungen haben Sie gemacht?

Kissling: Nachdem das Thema jahrzehntelang von den Unternehmen ignoriert wurde, investieren jetzt immer mehr Firmen in Programme zur Gesunderhaltung ihrer Mitarbeiter. Das Wichtigste sind dabei Schulungsmaßnahmen für Führungskräfte, Personalreferenten und Betriebsräte, in denen diese lernen, psychische Überbelastungen bei Mitarbeitern frühzeitig zu erkennen, in der richtigen Weise anzusprechen und wirksame Gegenmaßnahmen einzuleiten. Aufklärungsveranstaltungen zum Thema Stress und Burnout für die gesamte Belegschaft, elektronische Lernprogramme und individuelle Beratungsangebote werden von vielen Unternehmen inzwischen ebenfalls angeboten.

Die Zunahme der Burnout-Fälle trifft nicht nur die Patienten, sondern auch die Wirtschaft. Lässt sich der Schaden in Zahlen messen?

Kissling: Die Arbeitsunfähigkeitstage wegen psychischer Störungen haben in den vergangenen elf Jahren um mehr als 90 Prozent zugenommen. Psychische Störungen der Mitarbeiter kosten ein Unternehmen mit 1000 Mitarbeitern zirka fünf Millionen Euro jährlich. Und der Hauptteil dieses Schadens wird durch Depressionen und Burnout verursacht. Das heißt, die Unternehmen verlieren viel Geld, wenn sie nichts zur Lösung dieses Problems unternehmen.

Interview: Andreas Beez

Rubriklistenbild: © dpa

Auch interessant

Meistgelesen

Gegen Diabetes: Frucht soll jetzt die Volkskrankheit verhindern
Gegen Diabetes: Frucht soll jetzt die Volkskrankheit verhindern
Hausmittel gegen Mückenstiche und wie Sie nicht gestochen werden
Hausmittel gegen Mückenstiche und wie Sie nicht gestochen werden
„Erdbeer-Beine“ nach der Rasur: Ärztin verrät, was gegen die Punkte an den Beinen hilft
„Erdbeer-Beine“ nach der Rasur: Ärztin verrät, was gegen die Punkte an den Beinen hilft
Diese Hausmittel helfen Ihnen sofort bei einem eingewachsenen Zehennagel
Diese Hausmittel helfen Ihnen sofort bei einem eingewachsenen Zehennagel

Kommentare