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Erste Münchner Tagesstätte für Demenzkranke eröffnet

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Von: Nina Bautz

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Eröffnet! Friedrich von Thun durchschneidet das Band mit Désirée von Bohlen (l.) und Projektleiterin Sabine Rube. © Sigi Jantz

München - Am Donnerstag wurde in Berg am Laim Münchens erste Tagesstätte für Demenzkranke eröffnet, das von zwei Prominenten unterstützt wird. Zwei Betroffene berichten über ihr Schicksal.

Die Lichtschalter und Türrahmen sind rot umrandet, auf einer Tafel steht das Datum. Das Mensch-ärgere-dich-nicht-Spiel hat extra große Figuren. Die vier Räume in der Michaeliburgstraße 16 in Berg am Laim sind speziell für Menschen hergerichtet worden, deren Kopf immer mehr vergisst. Hier wurde gestern die erste Malteser Demenz-Tagesstätte Münchens eröffnet.

„Wir wollen Angehörige entlasten, Betroffene mit einem erprobten Konzept individuell fördern und ihnen Lebensqualität und Freude bringen“, erklärt Projektleiterin Sabine Rube. Das Prinzip der Tagesstätte fußt auf dem von Königin Silvia von Schweden initiierten Silviahemmet-Konzept, das eine gesellschaftliche Enttabuisierung der Volkskrankheit als Ziel hat. Ihr ganzheitliches Konzept besteht aus vier Elementen: Kontrolle der Symptome, Teamwork, Unterstützung von Angehörigen sowie Kommunikation und Bewegung.

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In diesem Haus in der Michaeliburgstraße in Berg am Laim haben die Malteser die Tagesstätte eingerichtet. Hier finden bis zu acht Betroffene pro Platz. © Sigi Jantz

Angebot ist räumlich leider sehr beschränkt. Acht Erkrankte werden hier ein oder mehrere Tage in der Woche von 9 bis 15 Uhr für 49 Euro pro Tag inklusive Verpflegung von Experten betreut. Rube sagt: „Die Interessenten bewerben sich bei uns. Wir können leider keine Pflege anbieten, zu uns kommen nur Demenzkranke im frühen Stadium. Wir erwarten, dass die Plätze schnell voll sein werden. Aber wir sehen das als Pilotprojekt und hoffen, dass weitere Tagesstätten in München folgen“, sagt sie.

Anlässlich der Eröffnung meldete sich Königin Silvia von Schweden in einem Brief zu Wort, den ihre Nichte Désirée von Bohlen, die die Leitung Ehrenamt innehat, verlas. Darin erzählte die Königin unter anderem, dass ihre Mutter selbst erkrankt sei. „Es ist mir eine Freude, dass der Malteserorden hier in meiner Lieblingsstadt München ein Silviahemmmet errichtet.“ Ein weiterer prominenter Unterstützer ist der Schauspieler Friedrich von Thun, der die Schirmherrschaft übernommen hat. „Dieses Thema wird immer wichtiger – und wer weiß, ob ich nicht selbst auch mal Patient werde“, betonte er.

Infos und Anmeldung zu den Schuppertagen (17. und 18. Dezember) unter Tel. 089/43 60 85-12 und www.malteser-muenchen-demenz.de 

Als Richter merkte er sich alles

Das Essen brutzelt auf dem Herd. Ingo Gudian (77) begrüßt freudig seine Frau: „Das Essen ist fertig!“ Für seine Frau Gothild (75) ist dieser Augenblick ein riesiger Schock. Denn das Paar hatte kurz zuvor bereits Mittag gegessen, Ingo sollte nur das Geschirr abräumen, nicht kochen. Aber das hatte er vergessen.

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Er will sein Gedächtnis trainieren: der ehemalige Münchner Richter Ingo Gudian (77) interessiert sich für das Projekt . © Sigi Jantz

Vorfall ist sieben Jahre her. Wenn der Münchner heute spricht, wirkt er noch sehr wach und klar. „Ich war Richter in Zivilsachen bei fast allen Münchner Gerichten. Da war ich auf mein Gedächtnis angewiesen, wenn die Streitparteien ihre Standpunkte erklärt haben. Deshalb war ich anfangs entsetzt, als ich Bekannte nicht mehr erkannt habe oder Dinge, die meine Frau mir gesagt hatte, sofort wieder vergessen habe“, erzählt Gudian der tz. Heute, nach vielen Jahren, aber gesteht er sich sein Schicksal ein. „Seit ich die Krankheit akzeptiert habe und mich mit ihr angefreundet habe, geht es mir besser. Ich habe noch keine Angst. Noch kann ich mehr als ich nicht kann.“

Damit das so lange wie möglich so bleibt, ist der Richter zur Eröffnung der Tagesstätte gekommen. „Ich werde mir das hier ein paar Mal ansehen. Das wichtigste ist mir der Austausch mit anderen in kleinen Gruppen. Ich will eine Förderung so individuell wie möglich.“ Gudian hofft, dass zumindest Teile seines Gedächtnis so lange wie möglich noch funktionierten. Sein Erinnungsvermögen war doch immer sein großer Stolz.

Zum 70. Geburtstag konnte er nicht mehr schreiben

Mal wieder in Ruhe mit Freunden treffen, ins Kino gehen oder ins Museum. Bald hat die ehemalige Lehrerin Ulrike Fuchs (69) aus Anzing wieder mehr Zeit dafür. Ihr Mann Michael (73) ist bereits für zwei Tage pro Woche in der neuen Tagesstätte angemeldet. „Ich bin rund um die Uhr für meinen Mann da, mache mit ihm Gedächtnisspiele, rede mit ihm oder schaue Filme wie Winnetou. Die Krankheit ist auch für Angehörige sehr belastend.“

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Er ist schon für zwei Tage pro Woche angemeldet: der ehemalige Ingenieur Michael Fuchs (73) aus Anzing. Seine Frau Ursula (69) hat jetzt auch mal wieder Zeit für sich. © Sigi Jantz

schlimmsten, so Ursula Fuchs, sei gewesen, dass sich ihr Mann verschlossen habe, als er eine Veränderung bemerkte. Als er die passenden Worte nicht mehr fand. Und als er im Straßenverkehr so schreckhaft wurde, dass er sogar einen Unfall baute. „Patienten können das anfangs sehr gut überspielen. Mein Mann wollte auch nicht, dass ich mit zum Arzt gehe. Sehr spät habe ich erfahren, dass er den Verdacht auf Demenz selbst schon Jahre zuvor seinem Arzt gegenüber geäußert hat. Mir hat er nichts gesagt.“

Eines Tages aber war offensichtlich: Da stimmt was nicht. „Mein Mann wollte zu seinem 70. Geburtstag Einladungskarten verschicken und konnte plötzlich einfach nicht mehr schreiben.“ Der erste Verdacht auf einen Gehirntumor bestätigt sich nicht beim Neurologen, der ehemalige Ingenieur Fuchs hat Demenz. Nach zwei Reinfällen mit Pflegekräften, die nach Hause kamen, hoffen er und seine Frau nun auf die Tagesstätte. „Mir gefällt ist es hier schon ganz gut“, sagt Fuchs.

Nina Bautz

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