Interview

Experte warnt vor Burnout: „Keine Erkrankung, sondern ein Risikozustand“

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Professor Dr. Dr. Martin Keck warnt vor den Folgen eines Burnouts.

Immer mehr Menschen leiden unter einem Burnout. Jeder fünfte hat damit zu kämpfen. Die tz hat sich mit dem Experten Professor Dr. Dr. Martin Keck unterhalten.

München - Burnout gilt als neue Volkskrankheit: Inzwischen hat jeder fünfte damit zu kämpfen – in unterschiedlichen Erscheinungsformen und Schweregraden. Die meist pflichtbewussten und motivierten Arbeitnehmer haben eines gemein: „Sie fühlen sich ausgebrannt, erschöpft, ihnen wird die Belastung im Job einfach zu viel – häufig vor dem Hintergrund, dass sie auch im privaten bzw. familiären Bereich bereits viel um die Ohren haben“, erklärt Professor Martin Keck, Klinikdirektor und Chefarzt des Max-Planck-Instituts für Psychiatrie in Schwabing sowie Vorsitzender des Münchner Bündnisses gegen Depressionen. Mit seinem Team behandelt er jährlich etwa 1000 Patienten stationär und viele weitere ambulant. Im tz-Interview erklärt der renommierte Experte, wie gefährlich ein Burnout werden kann.

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Professor Dr. Dr. Martin Keck im Gespräch mit der tz

Die Weltgesundheitsorganisation WHO stuft Stress als eine der größten Gesundheitsgefahren des 21. Jahrhunderts ein – gerade im Berufsleben. Aber früher haben die Menschen ja auch schon viel gearbeitet. Warum spitzt sich dieses gesellschaftliche Problem derart dramatisch zu?

Professor Dr. Dr. Martin Keck: Das hat zwei wesentliche Gründe. Zum einen ist das Thema Arbeitsüberlastung mehr im öffentlichen Bewusstsein als früher. Immer mehr Betroffene trauen sich heute gegenüber ihren Chefs und ihren Kollegen zu sagen: Mir geht es psychisch nicht gut.‘ Früher haben sich viele Patienten ein Alibi für ihre Krankmeldung gesucht, beispielsweise Rücken- oder Kopfschmerzen, weil sie fürchteten, als psychisch labil oder nicht belastbar abgestempelt zu werden.

Und der zweite Grund?

Prof. Keck: Die Arbeitswelt hat sich durch Digitalisierung und Globalisierung radikal verändert. Per E-Mail und Handy ist man ständig erreichbar, zudem müssen Mitarbeiter immer öfter rund um die Uhr reagieren – vor allem, wenn sie mit Geschäftspartnern in anderen Zeitzonen weltweit zusammenarbeiten. Und das gilt nicht nur für Top-Manager.

Wenn sich Arbeitnehmer heillos überfordert fühlen, ist heute meistens von einem Burnout die Rede, dagegen wird der Begriff Depressionen eher vermieden. Gibt es eigentlich einen Unterschied?

Prof. Keck: Ja. Burnout ist keine Diagnose und auch keine Erkrankung, sondern ein Risikozustand. Er bedeutet: Wenn die zu hohe Stressbelastung chronisch wird oder sogar noch zunimmt, dann kann sich daraus eine schwere Erkrankung entwickeln – etwa eine Erschöpfungsdepression oder eine Angsterkrankung, aber auch ein Herzinfarkt, ein Schlaganfall oder ein Diabetes. Gerade Depressionen werden übrigens oft unterschätzt. Dabei begeht etwa jeder fünfte Betroffene einen Suizidversuch.

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„Stress ist ja an sich nichts Ungesundes“

Wie kann ich mich vor einer solch verhängnisvollen Kettenreaktion schützen?

Keck: Der erste und wichtigste Schritt ist, zu erkennen, wenn die persönlichen Belastungsgrenzen überschritten sind.

Wie merkt man das?

Prof. Keck: Stress ist ja an sich nichts Ungesundes. Entscheidend ist aber, dass sich Phasen der Anspannung und Entspannung abwechseln und im Gleichgewicht stehen. Wenn man die Fähigkeit zur Regeneration verliert, man sich beispielsweise nicht einmal mehr im Urlaub erholen kann, ohne an die Arbeit zu denken, dann ist das ein großes Warnsignal. Oft sind die Betroffenen sehr verantwortungsbewusst, wollen unbedingt einen super Job machen, aber sie fühlen sich körperlich und emotional ausgebrannt. Ganz typisch ist auch eine verzerrte Selbstwahrnehmung. Viele Betroffenen glauben, sie erbringen ihre gewohnte Leistung nicht mehr, dabei stimmt dies objektiv betrachtet gar nicht. Besonders kritisch wird es, wenn ein normalerweise hoch engagierter Mitarbeiter immer öfter zynische Bemerkungen über seine Arbeit fallen lässt.

Würden Sie einem Arbeitnehmer mit psychischen Problemen raten, seinen Chef und/oder seine Kollegen darüber zu informieren?

Prof. Keck: Das kommt auf die jeweilige Persönlichkeit und auch auf das Klima in der Firma an. In vielen Fällen lohnt sich Offenheit, weil inzwischen zahlreiche Firmen für die Burnout-Problematik sensibilisiert sind und ein Interesse daran haben, dass ihre Leistungsträger wieder gesund werden. Man muss sich für ein psychisches Tief nicht schämen, es liegt weder an Willensschwäche noch an Faulheit. Grundsätzlich lohnt es sich allerdings, vorher genau zu überlegen, was und wem man etwas sagt. Man kann sich beispielsweise auf mögliche Rückfragen vorbereiten, Antworten zurechtlegen. Es zwingt einen ja auch niemand zu einer sofortigen Rechtfertigung, wenn man etwa wegen einer Erschöpfungsdepression krankgeschrieben ist. Schließlich erwartet nach anderen schweren Erkrankungen wie einem Herzinfarkt ja auch keiner, dass man erstmal stundenlang mit seinem Chef telefoniert.

Auch der Hausarzt kann eine gute Anlaufstelle sein

Wie kann man einem Kollegen helfen, wenn man ihn für Burnout-gefährdet hält?

Prof. Keck: Man sollte den Kollegen in einer ruhigen Minute und unter vier Augen behutsam darauf ansprechen. Man könnte beispielsweise sagen: Mir ist aufgefallen, dass du dich in letzter Zeit oft ärgerst und leicht in die Luft gehst...

Bei Depressionen gilt eine Gesprächstherapie als erfolgversprechend. Aber wie findet man überhaupt einen geeigneten Experten?

Prof. Keck: Das ist leider gar nicht so einfach. Selbst in einer Großstadt wie München beträgt die durchschnittliche Wartezeit auf eine Psychotherapie 20 Wochen. Das ist viel zu lange. Deshalb rate ich den Betroffenen, sich bei zu langen Wartezeiten an große Ausbildungsambulanzen zu wenden, dort bekommt man oft schneller einen Platz. Beispielsweise bei uns im Max-Planck-Institut oder beim VFKV in der Lindwurmstraße. Auch der Hausarzt kann eine gute Anlaufstelle sein, um sich Tipps für die Therapeutensuche zu holen: Wen empfiehlt der Hausarzt, mit wem arbeitet er zusammen? 

Interview: Andreas Beez

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Die vier Hauptmerkmale des Burnouts

1. Erschöpfung

Das Gefühl, körperlich und emotional dauerhaft entkräftet und ausgelaugt zu sein.

2. Zynismus

Eine distanzierte, gleichgültige Einstellung gegenüber der beruflichen Tätigkeit bei vorhergehendem sehr großem Engagement.

3. Infeffektivität

Das Gefühl beruflichen und privaten Versagens sowie der Verlust des Vertrauens in die eigenen Fähigkeiten.

4. Ohnmacht

Das Gefühl der Hilflosigkeit und des Kontrollverlustes – man reagiert nur noch.

Risikofaktoren für einen Burnout

1.

Arbeitsüberlastung.

2.

Zeitdruck.

3.

Unerreichbare, unrealistische Ziele – von außen vorgegeben, aber auch selbst gestellt.

4.

Kontrollverlust: Mangel an Einfluss auf die Arbeitsgestaltung, die Aufgaben oder die Abläufe.

5.

Fehlende Wertschätzung, Anerkennung oder Belohnung durch Rückmeldung, Lob, Lohn oder Weiterbildungen.

6.

Mangel an Gemeinschaft oder Zusammenhalt.

7.

Mangel an Fairness.

8.

Wertekonflikt: Es müssen Aufgaben erledigt werden, die nicht dem eigenen Wertesystem oder Weltbild entsprechen und die innerlich abgelehnt werden.

9.

Unscharfe Grenze zwischen Beruf/Arbeitswelt und Privatleben, zum Beispiel durch ständige Erreichbarkeit über Mobiltelefon oder Internet/Mail.

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