Experten warnen

Die Beitragsbombe bei den gesetzlichen Krankenkassen

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Unsere Gesundheit ist uns teuer – und die Krankenkassen bitten kräftig zur Kasse.

Das deutsche Gesundheitssystem zählt zu den besten der Welt, aber auch zu den teuersten. Und jetzt dürfte es wohl noch teurer werden. Experten rechnen mit einer Kostenexplosion bei den gesetzlichen Krankenkassen.

Das befürchten Experten wie der Gesundheitsökonom Jürgen Wasem von der Universität Duisburg-Essen. Der Wissenschaftler rechnet damit, dass die Zusatzbeiträge der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) in den nächsten Jahren weit höher ansteigen als bisher angenommen. Laut Spiegel online geht Wasem davon aus, dass sich der Zusatzbeitrag innerhalb von vier Jahren mehr als verdoppeln wird – von heute 1,1 Prozent auf 2,4 Prozent im Jahr 2020!

Bei einem Durchschnittsverdiener (1960 Euro brutto/Monat), der heute im Schnitt 21,76 Euro bezahlt, wären dann 54,74 Euro fällig. Wenn’s gut läuft: Denn SPD-Gesundheitsexperte Heiner Lauterbach geht sogar davon aus, dass „die Kostenwelle erst anrollt“. 

Alle beitragszahlenden Mitglieder gesetzlicher Krankenkassen zahlen 14,6 Prozent ihres Einkommens an die Krankenkasse. Das ist der Grundbeitrag zur gesetzlichen Krankenversicherung. Diese 14,6 Prozent werden je zur Hälfte von Arbeitgebern und Arbeitnehmern getragen werden. Seit 1. Januar 2015 ist es den Kassen möglich, einen Zusatzbeitrag zu erheben, falls diese 14,6 Prozent nicht ausreichen. 

Warum steigen die Zusatzbeiträge so extrem?

Laut Jürgen Wasem, Professor für Medizinmanagement, liegt das daran, dass die Gesundheitsausgaben schneller wachsen als die Einkommen der Versicherten. Außerdem, so der Professor der Universität Duisburg-Essen, gebe es einen Fehler im System, nämlich die Finanzierungsstruktur der Krankenkassen: Die gesetzliche Krankenversicherung (GKV) erhält pro Versichertem Zuweisungen aus dem Gesundheitsfonds. Da die Kosten aber so enorm steigen, reicht dieses Geld nicht aus. Laut Wasems Analyse fehlen bereits jetzt 14,4 Milliarden Euro und im Jahr 2020 sollen es schon 36,7 Milliarden sein.

Wie werden die Löcher gestopft? 

Die Kassen müssen diese Differenz ausgleichen, indem sie von ihren Versicherten Zusatzbeiträge verlangen. Die richten sich nach dem jeweiligen Einkommen.

Was hat die Bundesregierung bisher unternommen, um den Systemfehler zu beheben?

Initiativen gab es viele. Allein Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe habe mehr als ein Dutzend Gesundheitsgesetze gemacht, kritisiert Günter Neubauer, Direktor des Instituts für Gesundheitsökonomik in München. „An den wesentlichen Strukturen jedoch wurde wenig geändert. Das ist ein Flickwerk.“ An die Deckelung der Ausgaben traute sich die Politik nicht ran, moniert Ökonom Wasem. Ähnlich sieht das auch Doris Pfeiffer, Chefin des Spitzenverbands der GKV. „Die Reformen der letzten Jahre haben sich nicht mit Einsparungen beschäftigt, sondern die Kosten erhöht. Das führt zu steigenden Zusatzbeiträgen.“ Zugleich sei bei der Patientenversorgung kein großer Schritt nach vorn gemacht worden. In der Summe stiegen deshalb die Ausgaben im Gesundheitssystem bis 2019 um 3,4 Milliarden Euro verglichen mit 2015.

Was sind die Folgen? 

Dramatische Erhöhungen des Zusatzbeitragssatzes – im Schnitt von 1,1 Prozent in diesem Jahr auf 2,4 Prozent in vier Jahren. Zur Erinnerung: Bei den gesetzlichen Krankenkassen wird nur ein allgemeiner Beitragssatz von 14,6 Prozent je zur Hälfte von Arbeitnehmern und Arbeitgebern finanziert. Darüber hinausgehende Kosten müssen die Versicherten in Form von Zusatzbeiträgen alleine tragen. Der Sozialverband Deutschland fordert deshalb, die Arbeitgeber an den Zusatzbeiträgen zu beteiligen – sonst sei eine tiefgreifende Gerechtigkeitslücke die Folge!

Entwicklung der Krankenkassen-Zusatzbeiträge bis 2020

Gehalt (brutto)

Kranken (1)- und Pflegeversicherungs-beitrag (2) heute

Beitrag 2017

Mehrbelastung 2017

Beitrag 2020

Mehr-belastung 2020

1000

98,75

98,75

+3,00

109,75

+14,00

1500

143,65

148,13

+4,50

164,63

+21,00

2000

191,50

197,50

+6,00

219,50

+28,00

2500

239,38

246,88

+7,50

274,38

+35,00

3000

287,25

296,25

+9,00

329,25

+42,00

3500

335,13

345,63

+10,50

384,13

+49,00

4000

383,00

395,00

+12,00

439,08

+56,00

4237,50

405,74

418,45

+12,71

465,07

+59,33


(1) Durchschnittlicher Krankenkassenzusatzbeitrag

(2) Versicherter mit Kind Quelle: Bild-Zeitung


Was tun, wenn die Krankenkasse zu teuer wird?

Wenn den Versicherten nun ihre Kasse zu teuer wird, können sie zu einer billigeren Kassen abwandern. Denn sie haben ein Sonderkündigungsrecht.

Dieses Recht gilt, wenn ein Zusatzbeitragssatz neu festgelegt wird. Die Krankenkasse muss ihre Versicherten schriftlich auf den vom Gesundheitsministerium ermittelten durchschnittlichen Zusatzbeitrag hinweisen sowie auf die Höhe des eigenen Zusatzbeitragssatzes.

Zudem müssen die Kassen generell auf die Beitragsliste des Spitzenverbandes der Gesetzlichen Krankenversicherung hinweisen. Sie ist unter www.gkv-zusatzbeitraege.de abrufbar.

tz

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