"Schmerzmittel werden häufig zu unkritisch angewendet"

Experten warnen: So heikel können Schmerzmittel sein

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Die Nebenwirkungen von frei verkäuflichen Schmerzmitteln werden oft unterschätzt.

München - Im Alltag greifen Millionen Patienten schnell mal zur Schmerztablette. Ist auch kein Problem, sagen Experten – solange es bei der gelegentlichen Einnahme bleibt.

Der Schädel brummt, das Knie brennt, der Rücken zwickt: Im Alltag greifen Millionen Patienten schnell mal zur Schmerztablette. Ist auch kein Problem, sagen Experten – solange es bei der gelegentlichen Einnahme bleibt. Wenn aber die Ausnahme schon eher zur Regel wird, kann sich diese Eigenbehandlung (Fachbegriff Selbstmedikation) als gefährlicher Bumerang entpuppen. Davor haben Apotheker und Ärzte beim 15. Suchtforum Bayern (siehe unten) im Zen­trum für Pharmaforschung Großhadern gewarnt.

„Gerade Schmerzmittel, die ohne Rezept erhältlich sind, werden von vielen Patienten häufig zu unkritisch angewendet“, sagte der Vizepräsident der Bayerischen Landesapothekerkammer, Ulrich Koczian. „Deshalb mein dringender Appell: Medikamente, auch die, die man ohne Rezept bekommt, sind keine Bonbons – auch wenn sie in der Werbung oft als harmlose und schnelle Problemlöser angepriesen werden.“

Koczian verwies darauf, dass Präparate mit den Wirkstoffen Ibuprofen, Diclofenac (Voltaren) und Acetylsalicylsäure (ASS) zum Beispiel Magen und Darm schädigen könnten. Paracetamolhaltige Arzneimittel könnten bei Überdosierung Leberschäden verursachen. Außerdem erhöhe der Dauergebrauch von sogenannten nichtsteroidalen Antirheumatika (NSAR) – zu dieser Meddikamentengruppe gehört neben Diclofenac und Ibuprofen beispielsweise Naxopren – das Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall (siehe Tabellen).

Deshalb gelte bei der Selbstmedikation als Faustregel: „Schmerzmittel nicht an mehr als zehn Tagen pro Monat und nicht länger als drei Tage hintereinander nehmen“, betonte Koczian.

„Es ist zwar nichts dagegen einzuwenden, wenn man gelegentlich mal eine Schmerztablette schluckt – aber niemals auf Dauer“, bestätigte Professor Dr. Thomas Meinertz, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Herzstiftung, im tz-Gespräch. „Leider neigen gerade viele ältere Menschen zu einem Dauergebrauch ohne Absprache mit ihrem Arzt. Ich kenne Patienten, die über sechs bis acht Wochen täglich Tabletten gegen Gelenkschmerzen nehmen.“

Von ähnlichen Erfahrungen berichtete der Münchner Wirbelsäulen-Experte Dr. Reinhard Schneiderhan: „Es lässt sich ein Trend hin zu einem sorglosen Umgang mit Schmerzmitteln feststellen. Das gilt gerade für Medikamente, die auch ohne Rezept erhältlich sind. Manchmal lehnen Patienten sogar ein Rezept ab – mit der Begründung, dass sie ohnehin noch einen großen Tablettenvorrat zu Hause hätten.“

Wenn Schmerzen auf Dauer anhalten, sei der Gang zum Arzt von entscheidender Bedeutung, betonte Dr. Holger Kaube, Chefarzt am Zen­trum für Schmerzmedizin der Clinic Dr. Decker. „So ist es beispielsweise bei Kopfschmerzen sehr wichtig, dass eine genaue Diagnose gestellt wird. Denn wenn man weiß, um welche Art von Kopfschmerzen es sich handelt, lassen sich diese zielgerichtet und oft effektiver behandeln.“

Genaue Zahlen darüber, wie viele Menschen Klassiker wie Ibuprofen oder Diclofenac einnehmen, gibt es zwar nicht. Aber die enorme Zahl der Schmerzpatienten erlaubt Rückschlüsse. „Nach Einschätzung der medizinischen Fachgesellschaften leiden etwa 20 Millionen Deutsche an chronischen oder immer wiederkehrenden Schmerzen“, erläuterte Dr. Heidemarie Lux, Vizepräsidentin der Bayerischen Landesärztekammer. Sie warnte auch vor den Folgen eines allzu sorglosen ­Umgangs mit stärkeren, verschreibungspflichtigen Schmerzmitteln: „In Deutschland sind rund 1,4 bis 1,9 Millionen Menschen medikamentenabhängig und weitere 1,7 Millionen gelten als gefährdet“, berichtete Dr. Lux. „Die Medikamentensucht wird oft als stille Sucht bezeichnet, weil sie nicht so schnell auffällt.“ Ihr Appell: „Ärzte, aber auch Angehörige oder Freunde sollten ­Patienten im Verdachtsfall aktiv ansprechen.“

Erhöhtes Blutungsrisiko im Magen-Darm-Trakt

Bei Dauergebrauch

Medikament

Risiko

Aceclofenac

1,43-fach erhöht

Celecoxib

1,45-fach erhöht

Ibuprofen

1,84-fach erhöht

Rofecoxib

2,32-fach erhöht

Diclofenac

3,34-fach erhöht

Meloxicam

3,47-fach erhöht

Ketoprofen

3,92-fach erhöht

Naproxen

4,10-fach erhöht

Indometacin

4,14-fach erhöht

Piroxicam

7,43-fach erhöht

Zur Erläuterung: Die Zahlen stammen von der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft. Sie hat 15 wissenschatliche Studien ausgewertet, die zwischen 1980 und 2011 durchgeführt wurden. Das erhöhte durchschnittliche Risiko bezieht sich immer auf den Vergleich mit Patienten, die das betreffende Medikament nicht dauerhaft einnehmen.

Erhöhtes Risiko für einen akuten Herzinfarkt

Medikament

Risiko

Naproxen

1,06-fach erhöht

Ibuprofen

1,14-fach erhöht

Diclofenac

1,38-fach erhöht

Celecoxib

1,12-fach erhöht

Rofecoxib

1,34-fach erhöht

Zur Erläuterung: Die Zahlen stammen von der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft. Sie hat 18 wissenschatliche Studien mit etwa 100 000 Herzinfarkten ausgewertet. Das erhöhte durchschnittliche Risiko bezieht sich immer auf den Vergleich mit Patienten, die das betreffende Medikament nicht dauerhaft einnehmen.

Das Expertenforum

„Schmerz(medizin) trifft Sucht(medizin)“ – unter diesem Motto diskutierten die Experten beim 15. Suchtforum Bayern in Großhadern. Bei der renommierten Veranstaltung, an der auch Bayerns Gesundheitsministerin Melanie Huml (vorne links) teilnahm, arbeiten verschiedene Verbände zusammen. So zeigt unser Foto (v. l.) Ulrich ­Koczian (Bayerische Landesapothekerkammer), PD Dr. Heiner Vogel (Bayerische Landeskammer der Psychologischen Psychotherapeuten), Dr. Heidemarie Lux (Landesärztekammer) und Prof. Felix Tretter (Bayerische Akademie für Suchtfragen).

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