Sie wog nur 320 Gramm

Frühchen Viktoria: Ein Wunder, dass sie noch lebt

+
in Jahr nach der Entlassung aus dem Krankenhaus: Sabine Helmer und Andreas Metzger freuen sich über ihre gesunde Tochter ­Victoria

München - Dass Victoria überlebt hat, gleicht einem kleinen Wunder: Gerade mal 320 Gramm leicht und 26,5 Zentimeter groß war das winzige Mädchen. Ein noch viel größeres Wunder ist es, dass Victoria völlig gesund ist.

„Wir haben viel Glück gehabt“, sagen Sabine Helmer und Andreas Metzger und betrachten stolz ihr Töchterchen. Victoria krabbelt durch das Zimmer, zieht sich am kleinen Tischchen hoch. Ein blauer Beißring wird mit viel Geplapper in den Mund gesteckt. Victoria verliert das Gleichgewicht und plumpst unsanft auf den Boden. Das kleine Mädchen schnauft durch und krabbelt wieder los.

Sabrina Weigel und Andrea Killiches auf ihrer Station

Vom Glück wird im Gespräch mit der tz sehr viel die Rede sein, obwohl es am Anfang eher nach großem Pech und Unglück aussah. Als die Schwangerschaft von Sabine Helmer in der 26. Woche per Kaiserschnitt beendet werden musste, lag sie schon zwei Wochen im Harlachinger Krankenhaus, weil ihr ungeborenes Kind nur noch unzureichend von der Plazenta versorgt wurde. So lange es ging, wollte Sabine Helmer die Schwangerschaft durchhalten, jeder Tag im Schutz der Gebärmutter würde ihrem Kind den frühen Start ins Leben ein klein wenig leichter machen. Plötzlich verschlechterte sich der Gesundheitszustand der Mutter dramatisch: akute Schwangerschaftsvergiftung. Mutter und Kind waren in großer Gefahr. Victoria wurde in ihrer Fruchtblase auf die Welt geholt und nach Öffnen der Fruchtblase und Erstversorgung auf der Reanimationseinheit von der Entbindungsstation direkt in die benachbarte Frühgeborenenstation des Harlachinger Krankenhauses gebracht. Der Inkubator war vorbereitet, für das winzige Mädchen lag alles bereit.

Chefarzt der Kinderklinik, weiß wann das nächste Frühchen kommt

Der Chefarzt der Kinderklinik Professor Dr. Walter Mihatsch ist täglich bei Besprechungen auf der Entbindungsstation anwesend und weiß daher im Voraus, ob sich seine Abteilung auf einen neuen Zwerg einrichten muss. Mihatsch: „Diese Zusammenarbeit ist sehr wichtig für uns und auch für das Überleben der Frühgeborenen.“ 54 Kinder unter 1500 Gramm wurden im letzten Jahr auf seiner Station behandelt.

Victoria war gerade mal 320 Gramm leicht, 26,5 Zentimeter groß und hatte einen Kopfumfang von 21 Zentimetern. Ein Glück war, dass sie sofort selbstständig atmete und auch später nur einmal kurzzeitig eine maschinelle Beatmung brauchte, die für den kleinen Körper sehr anstrengend ist. Ein riesiges Glück war es, dass es nicht zu einer Hirnblutung kam, wie es bei extrem kleinen Frühgeborenen der Fall sein kann. Victoria konnte normale Luft atmen und war nicht auf viel Sauerstoff angewiesen. Mit Sauerstoff werden viele Frühchen gerettet, dabei kann die sehr empfindliche Netzhaut der unreifen Augen geschädigt werden.

Neonatologie rettet Leben von Frühgeborenen

Frühgeborene sind nicht fit fürs Leben, auf der Neonatologie müssen sie im wahrsten Sinne des Wortes nachreifen. Bis zur 28. Schwangerschaftswoche sind die Augen des Fötus geschlossen, die Verdauung, die Atmung, der Blutkreislauf – nichts ist bereit für ein Leben außerhalb des Mutterleibs. Frühgeborene gerade im richtigen Maß zu unterstützen, ist ein ständiger Balance-Akt. In den letzten Jahren ist die Versorgung viel sanfter geworden. Seit man weiß, wie wichtig Körperkontakt und Nähe für die Babys sind, haben die Eltern rund um die Uhr Zugang zu ihren Kindern. Die Kleinen werden Mutter und Vater auf die Haut gelegt, Känguruh-Methode heißt das. Die Babys spüren Körperwärme, Herzschlag und die beruhigende Stimme der Eltern.

Das Giraffenzimmer war für 90 Tage das erste Zuhause der Familie Helmer-Metzger, dort saßen die Eltern stundenlang mit ihrem nackten Kind auf der bloßen Haut, hörten Musik, erzählten oder sangen ihrer Kleinen vor. Die Krankenschwestern wurden erst zu Vertrauten, dann fast so etwas wie Freunde. Mit ihnen diskutierten Vater und Mutter über die beste Behandlung, und über das, was man sich eben so im Internet zusammenliest. Ein Glück übrigens, dass Schwestern und Ärzte es normal finden, dass Eltern sich informieren, und Ängste verstehen.

Victoria: Nach 87 Tagen endlich verlegt

Nicht immer war das Mädchen stabil, es gab Aussetzer im Herzschlag, die mühsam abgepumpte Milch wurde ausgespuckt, der Körper konnte seinen Salz- und Mineralienhaushalt lange nicht selbst regulieren. Zum Glück gingen solche Tage vorbei. Victoria wuchs, sie nahm stetig zu. Nach 87 Tagen wurde das Mädchen auf die Normalstation verlegt und dann durften vor einem Jahr die Eltern ihre kleine Tochter mit heimnehmen. Das war eine Woche vor dem errechneten Geburtstermin, und das Mädchen war schon über drei Monate alt. Um bei der Eingewöhnung zu helfen und bei allen Fragen Rat zu geben, kommt die Kinderkrankenschwester Sabrina Weigel im Rahmen der Harl.e.kin-Frühchennachsorge immer noch vorbei.

Victoria hat seit ihrer Geburt ihr Gewicht verzwanzigfacht, und ihre Größe mehr als verdoppelt. Was für eine großartige Leistung ihres Körpers! Dennoch ist sie mit ihren 66 Zentimetern und 6,5 Kilo klein und sehr zart für ihr Alter. Den Eltern ist das nicht so wichtig, was zählt, ist natürlich: Haupt­sache das Kind ist gesund. Genau das hat kürzlich eine umfangreiche Entwicklungsuntersuchung bei Professor Walter Mihatsch ergeben: Das Mädchen ist perfekt altersgemäß entwickelt. Und das sei ja wohl ein Riesenglück, findet Andreas Metzger, der stolze Vater, der sein müde gewordenes Kind jetzt auf den Arm hat, wo es sich gemütlich einkuschelt: „Das ist auch der Grund, warum wir uns zu einem Interview bereit erklärt haben. Wir wollen anderen Eltern mit Frühchen Mut machen, dass nach einem dramatischen Beginn alles gut werden kann.“

Keine der Komplikationen ist eingetreten

Professor Walter Mihatsch, Chefarzt der Klinik für Kinder und Jugendmedizin, und die Stationsleiterinnen der Neonatologie Sabrina Weigel und Andrea Killiches berichten über die besonderen Herausforderungen ihrer Arbeit.

Wenn so ein besonders kleines Kind auf die Welt kommt, worauf bereiten Sie die Eltern vor?

Professor Walter Mihatsch untersucht eines der Kinder auf seiner Station

Professor Mihatsch: Das große Risiko bei Victoria war ja, dass sie so klein und leicht war. Wir besprechen gemeinsam, zu welchen Komplikationen es kommen kann. Es war ja alles möglich – aber nichts davon ist eingetreten. Sehr gefürchtet haben wir uns vor einer Gehirnblutung. Am Anfang weiß man nicht, wird das Kind überleben, wird es mit einer Behinderung überleben oder wird es gesund sein? Victoria hat die ersten Tage ganz allein geschnauft, in der zweiten Woche war sie krank und brauchte eine Beatmung, aber dann ging es wieder allein. Sie hat die Muttermilch gut vertragen, die Mutter hat sieben Monate lang Milch abgepumpt. Wir alle sind immer entspannter und ruhiger geworden.

Sie betreuen die Kinder und auch die Eltern. Was ist anstrengender?

Andrea Killiches: Es ist ja für die Eltern eine sehr belastende Zeit, und Dinge, die mir schon gut bekannt sind, oder wo ich sage, das ist jetzt nichts Ernstes, kann den Eltern natürlich trotzdem große Sorge bereiten. Dafür haben wir immer Verständnis. Die Eltern sind immer willkommen, sie können jederzeit anrufen.

Sabrina Weigel: Erst gestern waren Zwillinge da, die vor 28 Jahren in der 28. Schwangerschaftswoche geboren wurden. Die Mutter war sehr erstaunt, wie sich die Versorgung der Frühchen geändert hat. Sie hat ihre Söhne erst nach Wochen zum ersten Mal auf den Arm nehmen dürfen. Heute binden wir die Eltern so schnell wie möglich in die Pflege ein.

Andrea Killiches: Man hat gemerkt, wie unglaublich gut der Elternkontakt für die Babys ist, und die Bindung der Eltern zu ihrem Kind ist deutlich inniger. Es ist einfach wichtig, dass Mutter und Vater das Gefühl haben, sie können etwas für ihr Kind tun.

Wie lange bleiben Sie mit den Kindern und ihren Eltern in Kontakt?

Mihatsch: Es entsteht schon eine sehr enge Bindung, besonders zu den Schwestern. Man durchlebt ja eine dramatische Zeit zusammen. Wir haben einfach ein riesiges Interesse zu sehen, wie sich die Kinder entwickeln. Bis zum Alter von zwei Jahren kommen die Kinder regelmäßig zu Nachuntersuchungen zu uns. Wir können so noch helfen, den Weg für die Zukunft zu bahnen.

S. Stockmann

Auch interessant

Meistgelesen

So können Sie einen Herzinfarkt erkennen - und zwar bereits eine Woche zuvor
So können Sie einen Herzinfarkt erkennen - und zwar bereits eine Woche zuvor
Unglaubliche Geschichte: Frau trinkt vier Wochen lang jeden Tag drei Liter Wasser - so schaut sie danach aus
Unglaubliche Geschichte: Frau trinkt vier Wochen lang jeden Tag drei Liter Wasser - so schaut sie danach aus
Herpes-Viren Auslöser von Multipler Sklerose? Neue Studie mit erschreckendem Ergebnis
Herpes-Viren Auslöser von Multipler Sklerose? Neue Studie mit erschreckendem Ergebnis
Dschungelcamp 2020: Eine Tasse Reis, eine Tasse Bohnen pro Tag - Das macht die Dschungeldiät mit dem Körper
Dschungelcamp 2020: Eine Tasse Reis, eine Tasse Bohnen pro Tag - Das macht die Dschungeldiät mit dem Körper

Kommentare