Wann eine Operation sinnvoll ist

Gallensteine: So vergeht der Schmerz

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Die birnenförmige Gallenblase liegt unterhalb der Leber, eine Kolik verursacht starke Schmerzen.

Die Galle ist nicht, wie viele denken, ein Organ, sondern ein ganz besonderer Verdauungssaft aus Wasser, Mineralstoffen, Cholesterin und Bilirubin, einem gelblichen Abbauprodukt des roten Blutfarbstoffs.

 Etwa ein Liter davon bildet die Leber jeden Tag, das meiste wird direkt in den Dünndarm geleitet: Dort wird die Gallenflüssigkeit gebraucht, um Fette aus der Nahrung zu verdauen. Nur ein kleiner Teil davon wird in der Gallenblase gespeichert und eingedickt. Gerät das Mischungsverhältnis der Galle ins Ungleichgewicht, können sich Gallensteine bilden. Und diese erinnern Hunderttausende Menschen jedes Jahr schmerzhaft daran, dass sie eine Gallenblase haben.

In Medizinlehrbüchern heißt es immer noch, der typische Gallensteinpatient sei über 40 Jahre alt, weiblich, übergewichtig und könnte noch Kinder bekommen. Das ist so nicht mehr haltbar, ist die Erfahrung von Dr. Peter Ferenczy, dem Facharzt für Innere Medizin, Kardiologie von der Diagnostik München: „Es stimmt zwar immer noch, dass besonders oft dicke Männer und Frauen betroffen sind. Aber wir haben auch immer mehr junge und schlanke Patienten.“ Gallensteine sind weit verbreitet: Etwa jede fünfte Frau und jeder zehnte Mann haben diese Klumpen in der Gallenblase, die allermeisten wissen davon nichts. Denn normalerweise bereiten die verkalkten Gebilde, die aus überschüssigem Cholesterin oder aus Kalzium und Bilirubin bestehen, keine Beschwerden. Warum Frauen die Hauptleidtragenden sind, erklärt Dr. Ferenczy so: „Gallensteine entstehen, wenn sich die Zusammensetzung der Gallenflüssigkeit ändert, wenn sie starken Schwankungen unterworfen ist. Frauen erleben oder muten ihrem Körper einfach häufiger solche Umstellungen des Lebenswandels zu. Durch häufige Diäten oder einseitige Ernährung. Auch die Hormonumstellung z. B. während einer Schwangerschaft erhöht das Risiko für Gallensteine. Männer leben zwar nicht gesünder als Frauen, sind in ihrem ganzen Lebenswandel aber konstanter.“

Wenn es jedoch zu Schmerzen kommt, sollte der Besuch beim Arzt nicht auf die lange Bank geschoben werden. Denn bei 30 von 1000 Menschen, die eine Gallenkolik haben, kann es zu schwerwiegenden Komplikationen kommen wie Darmverschluss, Entzündung der Gallenblase oder der Bauchspeicheldrüse.

Die Galle in Zahlen

Lediglich ein sehr kleiner Anteil der Gallenflüssigkeit, etwa 25 Milliliter, werden in der Gallenblase gespeichert und eingedickt. Die Gallenblase, ein kleines birnenförmiges Hohlorgan, liegt rechts im Bauch unterhalb der Leber.

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Mit über 190 000 Eingriffen pro Jahr ist die Entfernung der Gallenblase eine der häufigsten Operationen in Deutschland.

Die kleinen Steine machen die größten Probleme

Viele haben Gallensteine, wissen aber nichts davon. Leben diese Menschen gefährlicher?

Dr. Peter Ferenczy: Nein. Das ist gar kein Problem, von diesen Gallensteinen werden vielleicht 25 Prozent aktiv. Erst dann ist es überhaupt sinnvoll, zu reagieren.

Man wartet also ab?

Ferenczy: Oft werden die Gallensteine bei einer Untersuchung zufällig entdeckt. Sind in der Gallenblase viele kleine Steine mit Größen von drei bis vier Millimetern, ist das viel problematischer, als wenn sich dort einige große Steine befinden. Die kleinen Steine können mit der Flüssigkeit aus der Gallenblase in den Gallengang rutschen und dort schon zu Schmerzen und Entzündungen führen. Der Gallengang mündet über einen sehr kleinen Zugang (der Papille) in den Zwölffingerdarm. Rutschen die Steinchen weiter, verstopfen sie bei der Papille den Gallengang, und es kommt zu einer Gallenkolik mit elenden Schmerzen. Große Steine dagegen verlassen die Gallenblase nicht. Es besteht allerdings die Gefahr, dass sie die Gallenblasenwand reizen können. Auch das kann auf Dauer Probleme machen.

Was sind typische Beschwerden?

Ferenczy: Bei einer Gallenkolik sind es sehr starke krampfartige Schmerzen. Die Gallenblase zieht sich ja zusammen, um die Gallenflüssigkeit in den Darm zu pressen. Wenn Steinchen den Weg verstopfen, tut es unglaublich weh. Oft gibt es vor einer Kolik aber Vorboten, so ein typisches Ziehen im rechten Oberbauch, dort wo die Leber sitzt, z. B. nach zu langem Sitzen in etwas gebückter Haltung. Wenn Schmerzen dazukommen, die bis in den Rücken und die Schulter ziehen, muss man schnell handeln. Das Problem ist, dass bei den meisten Menschen parallel mit dem Gallengang auch der Bauchspeicheldrüsengang in den Zwölffingerdarm mündet. Es kann daher bei einer Gallenkolik zum Rückstau auf die Bauchspeicheldrüse kommen, die sich entzünden kann.

Wann sollte man sich zu einer Operation entscheiden?

Ferenczy: Der Arzt macht zuerst einen Ultraschall und kann dann in den meisten Fällen schnell sehen, wo das Problem sitzt. Wenn Gallensteine Beschwerden machen, rät man heutzutage zu einer Operation. Aber vor dem Eingriff muss man unbedingt ein MRCP machen, das ist eine kernspintomaografische Untersuchung ohne Strahlung und ohne Kontrastmittel. Vor der Operation muss nämlich geklärt werden, ob der Gallengang frei ist von Steinen. Ist der Gang frei, kann man problemlos in einer endoskopischen Operation die ganze Gallenblase entfernen. Befinden sich jedoch im Gallengang Steine, muss man die auch entfernen. Das erfolgt dann per Endoskop über den Magen.

Warum kann man nicht nur die Steine entfernen?

Ferenczy: Früher hat man versucht, Gallensteine aufzulösen oder zu zertrümmern. Aber beim Zertrümmern werden aus großen Steinen kleine Steine, die erst recht Probleme machen. Außerdem liegt es ja an der Zusammensetzung der Gallenflüssigkeit, ob sich Steine bilden. Es werden sich also erneut Steine bilden. Es gibt Empfehlungen, über die Nahrung die Zusammensetzung der Gallenflüssigkeit eventuell zu verändern. Aber das dauert auf jeden Fall Jahre, und ob es hilft, ist mehr als fraglich. Eine Operation ist bei Gallensteinen, die Beschwerden bereiten, das derzeit beste Mittel der Wahl

Ist es sinnvoll, sich Gallensteine z.B. vor einem Urlaub entfernen zu lassen?

Ferenczy: Wenn man große Steine hat, muss man sowieso keine Sorgen haben. Gefährlicher sind, wie gesagt, die kleinen Steine. Wenn es bisher nie Probleme gab, rate ich nicht zu einer Operation, denn jede Operation ist mit Risiken verbunden. Auch bei der Entfernung der Gallenblase gibt es ein Risiko für Blutungen und Infektionen, oder dass z. B. die Gallenwege oder umliegende Organe verletzt werden.

Wie findet man einen guten Arzt?

Ferenczy: Die großen Münchner Kliniken haben viel Erfahrung bei dieser Operation mit der minimalinvasiven Technik. Der Chirurg braucht zwei Zugänge für die Instrumente und einen weiteren Zugang für die Optik. Er wird dann die Gallenblase freipräparieren, den Zuführungsgang von der Leber zur Gallenblase verschließen und die gesamte Gallenblase mit den Steinchen nach draußen ziehen. Man sollte sich erkundigen, wie viele Gallenblasen die Klinik pro Jahr entfernt und sich einem Arzt mit viel Erfahrung anvertrauen.

Leben ohne Gallenblase

Die Vorratshaltung von Gallenflüssigkeit in der Gallenblase war in früheren Zeiten für Menschen sinnvoll, als sich Perioden von Nahrungsknappheit und Nahrungsüberschuss abgewechselt haben. Ein Hormon im Darm steuert die Entleerung der Gallenblase. Es wird immer dann aktiv, wenn Speisebrei in den Darm rutscht und zusätzlichen Verdauungssaft benötigt. So stellt der Körper sicher, dass möglichst viel Fett verdaut und aufgenommen werden kann. Wenn nun die Gallenblase fehlt, fließt die gesamte gebildete Galle direkt in den Dünndarm. Die meisten Menschen merken davon kaum etwas, meist wird der Stuhlgang etwas weicher und heller. Es kann weiter ganz normal gegessen werden.

n Porzellangallenblase Manchmal hat der Patient starke Beschwerden, aber der Arzt kann im Ultraschall keine Gallenblase entdecken. Dann kann es sich um eine sogenannte Porzellangallenblase handeln. Dabei ist die Gallenblase komplett mit Steinen ausgefüllt. Es kommt zu einer chronischen Entzündung der Gallenblasenwand, die hart und dick wird und sich verkalken kann. Im Computertomografen ist die Porzellangallenblase dann zu sehen.

sus

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