Trainer im tz-Interview

Gehen mit Prothese muss neu gelernt werden

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Michael Kramer hat seine Prothese nie versteckt, er trainiert Betroffene.

München - Michael Kramer (44) testet Beinprothesen für die Zeitschrift Rehatreff, trainiert Betroffene und gibt Schulungen für Orthopädietechniker und Therapeuten. Er sprach mit der tz darüber, was Prothesen leisten können.

Eine Prothese soll die ganz normale Teilnahme am Leben ermöglichen. Ist das möglich?

Michael Kramer: Das funktioniert nur, wenn von zwei Seiten aus gearbeitet wird. Die Technik muss versuchen, das verlorene Körperteil und seine Funktionen so gut wie möglich zu ersetzen. Das gelingt bisher nur bruchstückhaft. Die andere Seite jedoch ist viel wichtiger: Ich muss mich damit arrangieren, dass mir ein wichtiges Körperstück fehlt. Erst dann kann ich den Ersatz akzeptieren, weil er eine Verbesserung der Situation darstellt. Wenn ich jedoch verlange, dass das Körperersatzstück mindestens genauso gut sein soll wie mein verlorenes Körperteil oder vielleicht noch besser, dann wird es nie funktionieren.

Muss man das Gehen neu lernen?

Kramer: Unbedingt. Es ist ein sehr intensiver Prozess. Deshalb bin ich im Hauptberuf Prothesengebrauchs­trainer. Das Bewegungsmuster, das wir von Natur aus mitbekommen haben, gilt mit Prothese nicht mehr. Nur ein kleines Beispiel: Nahezu alle Beinprothesen, die es bisher gibt, sind passiv beweglich und werden nur über die Bewegungen des Körpers bzw. des Stumpfes bewegt. Sie können nur die hineingebrachte Energie verwalten, indem sie z. B. einen Widerstand aufbauen. Damit ist vollkommen klar, dass man keine aktive Kontrolle über sein Kunstbein hat. Man hat auch keine willentliche Kontrolle, weil die Anbindung an die Nerven nicht gegeben ist. Wir sind also von einem aktiv und intuitiv funktionierenden Körperteil Lichtjahre entfernt.

Werden die Schulungen bezahlt?

Kramer: Die meisten Menschen bekommen ihre Prothese von den gesetzlichen Krankenkassen und eine Schulung im Rahmen der Reha bezahlt. Erhält der Betroffene jedoch später eine neue Prothese mit neuer Technik, gibt es keine neue Schulung. Wenn jemand ein erneutes Prothesentraining haben möchte, muss er das selbst bezahlen. Somit haben gesetzlich Versicherte das Dilemma, dass sie zwar ein Anrecht auf höherwertige Versorgung haben, wenn diese zur Verfügung steht, aber sie haben kein Anrecht darauf, in die neue Technik eingewiesen zu werden. Auch ich kann nicht mit den gesetzlichen Krankenkassen abrechnen. Ich fahre jedoch zu meinen Kunden und arbeite auch mit den Orthopädiemechanikern vor Ort zusammen, um die Prothese optimal einzustellen, um mit einem gezielten Training das Beste für den Einzelnen herauszuholen. Meine Auftraggeber sind meist die gesetzlichen Unfallversicherungen, wo ich zum Beispiel an den Akademien Studenten unterrichte.

Haben Sie selbst eine Spezialanfertigung?

Kramer: Da ich für Hersteller auch Prothesen teste, bin ich in einer privilegierten Lage. Zudem habe ich selten eine Prothese oder einen Schaft weggeworfen. Zurzeit verwende ich je nachdem, was ich machen möchte, verschiedene Prothesen. So halte ich mich mit Nordic Walking fit, ich gehe schwimmen und ins Fitness-Studio. Je nach Wetter, wie ich mich fühle und was ich vorhabe, habe ich eine gewisse Auswahl und kann mich für ein spezielles Fuß- oder Kniesystem entscheiden. Das ist leider nötig, weil es noch keine Prothese gibt die alles kann – Prothesen sind immer „Spezialisten“ und können nur einzelne Aspekte gut wiederherstellen.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Kramer: Ich wünsche mir ein besseres Bewusstsein dafür, dass eine gute Prothesenversorgung auch eine gute Integration des Menschen in die Gesellschaft bedeutet. Die Rechtslage ist eindeutig. Gibt es ein besseres System, das der Versehrte nutzen kann, dürfen es ihm die Kassen nicht verweigern, nur weil es mehr Geld kostet. Technisch wünsche ich mir, dass wir aktiv und willkürlich bewegliche Beinprothesen bekommen. Bei Armprothesen gibt es bereits Elektromotoren, und es ist die Anbindung an das Nervensystem schon möglich, also ich denke nur an eine Bewegung – und schon wird sie ausgeführt. Bei Beinen können die Nervensignale leider nicht so präzise wie bei Armen einer Bewegung zugeordnet werden, und es besteht bei Fehlinterpretation des Nervensignals Sturzgefahr, deshalb ist man mit Nervensteuerung bei Beinprothesen noch sehr zurückhaltend. Aber die Softwaretechnologie macht große Fortschritte, und von daher kann ich mir schon vorstellen, dass ich noch erleben werde, dass auch Beinprothesen willkürlich gesteuert werden können.

Interview: S. Stockmann

Sie erreichen den Experten unter: www.beinamputierten-gehschule.de Telefon: 0231/5 58 89 82

Prothesen werden zum individuellen Hingucker

Ein schönes Bein, es schimmert in zartem Grün, die aufgemalten Blumen lassen es so kostbar wie ein seltenes Schmuckstück wirken. Erst auf den zweiten Blick erkennt man, dass es sich um eine Prothese handelt. Die junge Frau hat ein Bein verloren. So wie ihr geht es rund 45 000 Frauen und Männern jedes Jahr in Deutschland. Circa 220 000 Menschen leben mit einer Beinprothese. Die Zahlen sind Schätzungen, genaue Statistiken gibt es nicht. Wollten früher die Betroffenen ihr Handicap eher verstecken, gibt es mittlerweile immer mehr Menschen, die den Arm- oder Beinersatz als Ausdrucksmittel ihrer Individualität begreifen.

Eine Vorreiterrolle übernehmen junge Menschen, die mitten im Leben stehen und Spaß am Auffallen haben. So posiert die britische Paralympics-Schwimmerin Jo Jo ­Cranfield mit einem künstlichen Arm, um den sich eine große grüne Schlange windet. Der ehemalige britische Soldat Ryan Seary hat seine Beinprothese mit abnehmbaren Muskelsträngen aufpeppen lassen. Diese Körperersatzstücke – so heißen Prothesen im Amtsdeutsch – stammen von der britischen Künstlerin und Prothesenbauerin Sophie de Oliveira Barata und ihrem „Alternative Prosthetic Limb Project“: „Ich mache das Gegenteil von dem, was früher üblich war. Anstatt die Behinderung zu verstecken, mache ich auf sie aufmerksam. Ich will auf eine positive Art und Weise, die Stärken der Menschen in den Mittelpunkt rücken.“

Auch in Deutschland gibt es Orthopädietechniker, die künstliche Gliedmaße extravagant aufpeppen – je nach Wunsch des Trägers zum Beispiel als Roboterarm oder in den Farben des Lieblingsvereins oder als Plastik, die so aussieht, als hätte sich ein Pitbull in die Wade verbissen. Frank Purk aus Hamburg bietet in seiner Prothesenschmiede eine breite Palette an, er sagt: „Es geht um den Spaß am Tragen der Prothese, außerdem möchte ich das konventionelle Denken infrage stellen.“

Michael Kramer (44) aus Dortmund verlor sein rechtes Bein vor über 20 Jahren, und von Anfang an hatte er Probleme mit der Schaumstoffverkleidung, die der Prothese ein unauffälliges normales Aussehen geben sollte: „Ich war gerade mal 21 und in der Ausbildung zum Maurer. Für mich war die Schaumstoffverkleidung, die auch über das Kniegelenk hinweg ging, unglaublich hinderlich, weil sie die Bewegungsmöglichkeit der Prothese eingeschränkt hat. Dazu kam, dass der Nylonstrumpf der Verkleidung sehr leicht kaputt ging. Ich fand wirklich, dass ich schon genug Schwierigkeiten hatte, und wollte mich nicht auch noch mit Laufmaschen herumärgern.“ Sein Orthopädietechniker hatte Verständnis und löste die Verkleidung. Übrig blieb die nackte Skelettkonstruktion, die „sofort viel besser funktionierte“. Kramer sagt: „Mir fehlt ein Bein, das ist eine Tatsache. Für mich gibt es keinen Grund, das zu verstecken.“ Er begrüßt die neue bunte Welt der künstlichen Körperteile: „Die Spezialisierung z. B. bei den Laufprothesen hat dazu geführt, dass Sportler damit Leistungen erzielen, die große Aufmerksamkeit erregen. Die Bilder im Fernsehen und die Berichterstattung zum Beispiel über Paralympics bewirken eine bildhafte Gewöhnung der Allgemeinheit an Menschen mit Behinderung. Es zeigt, dass diese versehrten Menschen nicht nur mit ihrem Schicksal umgehen können, sondern sie können sogar Leistungen erzielen, vor denen nicht behinderte Menschen den Hut ziehen. Das ist ein wunderbares Gegengewicht zum traditionellen Leidthema, mit dem Prothesenträger immer noch konfrontiert sind.“

sus

Wissen & Adressen:

Erst wenn gar nichts mehr weiter hilft, wenn Arm oder Bein nicht gerettet werden können - kommt eine Amputation in Frage. Die Gründe sind vielfältig: In der überwiegenden Mehrzahl sind es ältere Patienten, die unter Durchblutungsstörungen, arteriellen Verschlusserkrankungen und z. B. an Diabetes leiden. Bei jüngeren Menschen führen überwiegend Unfälle, Krebserkrankungen oder Einsätze als Soldaten zum Verlust eines Körperteils.

Es gibt zahlreiche Selbsthilfegruppen für amputierte Menschen, auch ein Bundesverband hat sich gegründet: Bundesverband für Menschen mit Arm- und Beinamputation, www.bmab.de

Adressen für extravagantes Prothesendesign: www.frank-purk.de; www.altlimbpro.com

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