Tipps für Betroffene

Gicht: Feuer im Gelenk

Ein akuter Gichtanfall tritt meist völlig überraschend auf. Der erste Gichtanfall trifft einen oft nachts und tritt häufig am großen Zeh auf.
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Ein akuter Gichtanfall tritt meist völlig überraschend auf. Der erste Gichtanfall trifft einen oft nachts und tritt häufig am großen Zeh auf.

Erst der Gänsebraten zu Weihnachten, dann Sekt und Fondue an Silvester: Sie haben es sich an den Feiertagen richtig gutgehen lassen? Kein Problem – es sei denn, sie leiden an der Gicht.

Dann folgen auf den Genuss oft Gelenkschmerzen. Chefärztin Prof. Julia Mayerle erklärt, was Sie dazu wissen müssen.

An die Feiertage dürfte mancher schmerzhafte Erinnerungen haben. Warum kommt es bei solchen Anlässen besonders oft zu einem Gichtanfall?

Chefärztin Prof. Julia Mayerle: Gichtanfälle werden durch zu hohe Harnsäurewerte im Blut ausgelöst. Und die wiederum entstehen beim Abbau Purin-reicher Nahrungsmittel. Dazu gehören besonders Fleisch, Fisch, Innereien und Alkohol. Patienten, die an der Gicht leiden, haben generell ein erhöhtes Risiko, wiederholt Gichtanfälle zu bekommen. Das gute und reichliche Essen sowie der Alkoholgenuss zu Weihnachten und zum Jahreswechsel löst diese daher besonders leicht aus.

Woran erkennt man einen Gichtanfall?

Chefärztin Prof. Julia Mayerle: Der typische Gichtanfall tritt plötzlich auf

Prof. Julia Mayerle ist Direktorin der Medizinischen Klinik II am Klinikum der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München in Großhadern.

und geht mit stärksten Schmerzen, zudem einer Rötung und Schwellung eines Gelenkes einher. Betroffen ist häufig das Großzehengrundgelenk. Oft tritt dies während der Nacht auf, obwohl die Patienten beschwerdefrei zu Bett gegangen sind. Das hat mit dem Abkühlen der Haut in der Nacht und einem Flüssigkeitsmangel zu tun sowie nächtlichen Veränderungen des Hormon- und des Säure-Basen-Haushaltes. Fragt man nach, findet sich aber oft ein auslösendes Ereignis in den Tagen davor, zum Beispiel reichliches Essen oder Alkoholgenuss.

Betrifft ein Gichtanfall nur die Zehengelenke?

Je länger eine Gicht besteht, umso untypischer werden die Beschwerden oft. Dann können viele Gelenke gleichzeitig betroffen sein und Schmerzen, Rötungen und Schwellungen auch an den Armen und Schultern auftreten. Das entwickelt sich langsam und schleichend. Manche Patienten mit solchen Beschwerden denken dann irrtümlich, diese seien durch körperliche Belastung ausgelöst worden.

Wie entstehen die Beschwerden wirklich?

Der akute Gichtanfall ist eine Entzündungsreaktion, ausgelöst durch Harnsäurekristalle, die sich in Gelenken einlagern. Die Kristalle bilden sich, wenn deutlich zu viel Harnsäure im Blut ist. Die wiederum entsteht beim Abbau sogenannter Purine, die entweder beim Abbau körpereigener Zellen anfallen oder wenn bestimmte Nahrungsmittel verstoffwechselt werden. Normalerweise scheidet man Harnsäuren mit dem Urin aus. Wenn aber zu viel davon anfällt und/oder die Ausscheidung über die Nieren gestört ist, erfolgt dies nicht schnell genug – der Harnsäurespiegel steigt an.

Und was hilft dann bei einem Gichtanfall?

Patienten, die schon mehrfach Gichtanfälle hatten, sind darauf oft vorbereitet. Sie haben Medikamente daheim, die sie bei Bedarf einnehmen können, wie etwa Diclofenac. Dies sollte aber nur in Rücksprache mit einem Arzt erfolgen, zumal man diese Medikamente dann in einer höheren als der sonst üblichen Dosis einnehmen muss. Zudem können sie bei Patienten mit Vorerkrankungen wie etwa Nierenschwäche, Bluthochdruck oder nach einem Herzinfarkt, gefährliche Nebenwirkungen haben. Wer erstmals einen Gichtanfall erleidet, sollte daher zum Arzt gehen.

Heißt das, man muss sofort zum Arzt?

Die Therapie besteht zunächst „nur“ darin, die Schmerzen zu lindern. Wenn sich diese also allein durch vorsichtiges Kühlen und Ruhighalten aushalten lassen, kann man den Arztbesuch etwas hinauszögern. Die akuten Beschwerden bessern sich meist nach einigen Tagen. Bestimmt kennen Sie den Film „Der kleine Lord“, der ja gern an Weihnachten gezeigt wird. Dann erinnern Sie sich vielleicht auch an die Verwandlung, die der Großvater des kleinen Lord Fauntleroy nach Abklingen seines Gichtschubes erfährt. Dennoch, auch nach dem Abklingen der akuten Beschwerden, sollte die weitere Therapie mit dem Hausarzt abgesprochen werden. Dazu gehört es, die Harnsäure zu senken. Das beugt neuen Schüben vor und verhindert, dass die Krankheit fortschreitet und Gelenke unwiderbringlich zerstört werden.

Welche Untersuchungen helfen, wenn die Diagnose unklar ist?

Wichtig zu wissen ist, dass während des akuten Gichtanfalls der Harnsäure-Wert oft nicht wesentlich erhöht oder sogar normal sein kann. Erhöht sind allerdings die Entzündungszeichen – sie können fast so hoch wie bei einer Blutvergiftung, also einer schweren Entzündung im Körper, sein. Bei unklarem Befund und untypischen Beschwerden kann eine Ultraschalluntersuchung des betroffenen Gelenkes erfolgen, die typische Veränderungen zeigt. Eine Punktion des Gelenkes und der Nachweis der Harnsäurekristalle unter dem Mikroskop ist meist nicht notwendig und bei kleinen Gedenken oft auch nicht aussagekräftig genug. Die neueste und beste Methode, eine Gicht auch nach Abklingen des akuten Schubes zu erkennen, ist eine spezielle Computertomografie. Diese „Duale Energy-CT“ macht Harnsäureablagerungen im Gewebe sichtbar. Dies ist zum Beispiel bei chronischen Gelenk- oder Rückenschmerzen sinnvoll, um entzündliche Gelenkserkrankungen wie Rheuma oder Verschleiß wie bei einer Arthrose auszuschließen.

Wie beugt man einem erneuten Gichtanfall vor?

Hierzu kommt vorwiegend eine medikamentöse Therapie infrage, wobei seit kurzem mehrere neue Präparate zur Verfügung stehen. Eingesetzt werden Medikamente, die die Bildung von Harnsäure verhindern (Urikostatika) oder zu einer verstärkten Ausscheidung davon führen (Urikosurika). Zudem sollten auslösende Faktoren minimiert werden. Man geht aber davon aus, dass sich der Harnsäurespiegel durch nicht-medikamentöse Maßnahmen nur um 10 bis 15 Prozent senken lässt.

Welche Faktoren beeinflussen den Wert noch?

Es gibt auch einige Medikamente, die sich ungünstig auf den Harnsäurespiegel auswirken. Darunter sind bestimmte Blutdruckmittel oder niedrig-dosiertes ASS (Acetylsalicylsäure). Aber bloß nicht einfach absetzen! Besprechen Sie mit dem Hausarzt, ob eine Umstellung sinnvoll ist. Es gibt übrigens auch Blutdruckmittel sowie Medikamente zur Behandlung erhöhter Fettsäuren, die sich als Nebeneffekt günstig auf den Harnsäurespiegel auswirken.

Was passiert, wenn Patienten gar nicht handeln?

Zunächst kann es immer wieder zu sehr schmerzhaften Gichtanfällen kommen. Die Entzündungen können nach vielen Jahren auch zur Zerstörung von Gelenken führen. Harnsäurekristalle können sich zudem an anderen Organen, etwa an der Niere oder der Haut ablagern und dort zu Schäden führen. So hat man zum Beispiel nachgewiesen, dass eine Senkung der Harnsäure zu einer Verbesserung der Nierenfunktion führt. Insgesamt sind erhöhte Harnsäurewerte mit einer früheren Sterblichkeit verbunden.

Das Interview führte: Andrea Eppner.

Was Gichtpatienten selbst tun können

Etwa jeder zehnte Mann erkrankt im Laufe seines Lebens an der Gicht. Frauen haben zunächst ein geringeres Risiko – bis zu den Wechseljahren. Dann trifft es auch sie öfter. Doch nimmt für beide Geschlechter das Risiko im Alter zu. Insgesamt steigt die Zahl der Betroffenen. Das liegt vor allem an einer ungesunden Ernährungsweise mit zu viel Fleisch und Alkohol, aber wenig Bewegung. Einen solchen Lebensstil konnten sich früher nur wenige leisten. Daher galt die Gicht damals als Krankheit, die vor allem Reiche trifft. Patienten sollten darum ihren Lebensstil überdenken. „Sie sollten Nahrungsmittel reduzieren, die viele Purine enthalten“, rät Expertin Prof. Julia Mayerle. 

  • Also: Nicht zu viel Fleisch essen, aber auch bei fettem Fisch und Innereien nicht übertreiben. Einer besonderen Bedeutung komme heute zudem der Fruktose (Fruchtzucker) zu. Sie dient als billige Süße und steckt in vielen Lebensmitteln wie Süßigkeiten, süßen Erfrischungsgetränken, Fertiggerichten oder auch Fruchtjoghurts. Gichtpatienten sollten an solchen Speisen sparen. Milch, Kaffee und Kirschen sollen dagegen eine schützende Wirkung haben. Wer genauer wissen will, wie purinreich ein Lebensmittel ist, kann die Werte in Tabellen nachlesen, zum Beispiel bei der „Deutschen Gichtliga“ unter www.gichtliga.de. 
  • Achten Sie darauf, ausreichend zu trinken! Was für Sie die richtige Menge ist, das besprechen Sie am besten mit Ihrem Arzt. Übergewicht erhöht das Risiko für einen Gichtanfall. Betroffene sollten abnehmen, aber langsam: Sonst kann allein schon die Gewichtsreduktion einen Schub auslösen. Das gilt auch für die Bewegung: Aktivität wirkt schützend. Wer es zu schnell angeht, kann so aber einen Gichtanfall provozieren. 
  • Gichtpatienten sollten ihr Blut regelmäßig untersuchen lassen. Dabei sollten nicht nur die Harnsäure-, sondern auch Nieren- und Leberwerte kontrolliert werden sowie das Cholesterin und der Zucker.

Blut - Saft des Lebens

Blut
Ein Tropfen Blut besteht zu 90 Prozent aus Wasser, roten Blutkörperchen (Erythrozyten), weißen Blutkörperchen (Leukozyten) und Blutplättchen (Thrombozythen). Vier bis sechs Liter Blut pulsieren ohne Pause durch den Körper eines erwachsenen Menschen. © dpa
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Der österreichische Immunologe Karl Landsteiner stellte 1901 das Blutgruppen ABO-System vor. Er konnte vier klassischen Blutgruppen A, B, AB und 0 benennen. Danach lässt sich heute genau feststellen, ob ein Blutspender wirklich zum Empfänger passt. Der Körper das Blut verträgt. © dpa
Ein Mensch mit der Blutgruppe A hat auf seinen roten Blutkörpern (Erythrozyten-Oberfläche) das Antigen A, während bei Gruppe B das entsprechend Antigen B vorhanden ist. Blutgruppe AB bedeutet beide Antigene. Menschen der Blutgruppe 0 haben weder das A- noch das B-Antigen.
Ein Mensch mit der Blutgruppe A hat auf seinen roten Blutkörpern (Erythrozyten-Oberfläche) das Antigen A, während bei Gruppe B das entsprechend Antigen B vorhanden ist. Blutgruppe AB bedeutet beide Antigene. Menschen der Blutgruppe 0 haben weder das A- noch das B-Antigen. © dpa
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Der sogenannten Rhesusfaktor bestimmt auch ein weiteres Antigen auf den roten Blutkörperchen: das Blut rhesuspositiv also mit Antigen oder rhesusnegativ ohne Antigen. © dpa
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Die Blutgruppen kommen unteschiedlich häufig in Mitteleuropa vor. Gruppe A: 44,5 Prozent, B: 10,5 Prozent. AB: 4,5 Prozent. 0: 40 Prozent. 85 Prozent der europäischen Bevölkerung sind rhesuspositiv, weshalb es einen ständigen Mangel an rhesusnegativem Spenderblut gibt. © dpa
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Als Universalspender gelten Menschen mit der Blutgruppe 0. Ihr Blut kann von allen anderen Gruppen empfangen werden. © dpa
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Universalempfänger sind dem entsprechend Menschen der Gruppe AB, da ihnen zur Not auch Blut der Gruppen A, B und 0 übertragen werden kann. © dpa
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Die roten Blutkörperchen werden im roten Knochenmark gebildet. Sie leben etwa vier Monate und werden dann in der Milz abgebaut. Fließt das Blut an der Lunge vorbei, nehmen sie dort den Sauerstoff auf und bringen ihn zu allen Zellen des Körpers. Das Kohlenstoffdioxid bringen sie wieder zurück zur Lunge. © dpa
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Die weißen Blutkörperchen sind Immunzellen und die Polizei des Körpers. Sie im Knochenmark gebildet. Auch die Blutplättchen entstehen im Knochenmark. Sie sind für die Blutgerinnung verantwortlich. © dpa
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Blutspenden kann jeder gesunde Erwachsene im Alter zwischen 18 und 59 Jahren mit einem Mindestkörpergewicht von 50 Kilogramm. Da Blut nicht künstlich erzeugt werden, ist das Blutspenden wichtig. Bei einer Blutspende werden dem Körper 0,5 Liter Blut entnommen. © dpa
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Blutplasma kann im Labor durch Zentrifugieren von Blut gewonnen werden. Es besteht zu 90 Prozent aus Wasser. In der leicht gelblichen Flüssigkeit sind Eiweißstoffe, Hormone, Fette, Zucker, Mineralstoffe und Vitamine gelöst. © dpa

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