Hautarzt im tz-Interview

Experte erklärt: So stoppen Sie Haarausfall

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Wie dünn sind meine Haare schon? Wer sich Sorgen macht, sollte zum Hautarzt gehen.

München - Zahlreiche Menschen leiden darunter: Haarausfall. Doch Glatze ist kein Schicksal mehr – es gibt wirksame Therapien für Frauen und Männer. Die tz sprach mit einem Experten.

Jeder Mensch hat Haarausfall – etwa 100 Haare täglich werden abgestoßen, verdrängt von neuen Härchen, die sich unter den alten gebildet haben. Das ist ein ganz normaler Vorgang, der leicht aus dem Gleichgewicht geraten kann: Erbliche Faktoren, Stress, Krankheiten, Medikamente oder Mangelerscheinungen beeinflussen das Wachsen und Sterben in den Haarfollikeln. Was kaum jemand weiß: Zwischen dem 30. und 60. Lebensjahr verlieren wir die Hälfte unserer Haare. Bei Frauen dünnen sie meist insgesamt aus, sodass die Kopfhaut durchscheint. Männer bekommen eher eine Glatze. Auch wenn die schwindende Haarpracht normal ist – schön finden muss man sie ja trotzdem nicht. Welche Mittel die Haare wieder sprießen lassen und warum es so wichtig ist, nicht zu spät zum Arzt zu gehen, darüber sprach die tz mit dem Münchner Hautarzt Dr. Hans-Ulrich Voigt.

Woran merke ich, ob ich wirklich zu viele Haare verliere? 

Dr. Hans-Ulrich Voigt: Das ist tatsächlich ganz subjektiv, zu mir kommen fast täglich Frauen mit einer prachtvollen Haarmähne, die meinen, sie litten unter Haarausfall. Der Lebenszyklus eines Haares besteht aus einer Wachstumsphase und einer Ruhephase, an deren Ende es ausfällt. Dieses Haar wird durch ein Neues ersetzt. Die Haardichte bleibt also gleich. Wenn mehr Haare ausfallen als nachkommen, werden die Haare im Laufe der Zeit lichter. Das ist zum Teil ein ganz normaler physiologischer Vorgang und tritt meist als diffuser Haarausfall auf. Davon unterscheiden muss man aber krankhafte Formen, wo vorübergehend oder auf Dauer die Ausfallrate deutlich erhöht ist. Da gibt es den kreisrunden Haarausfall, der letztlich eine Immunstörung ist und speziell behandelt werden muss. Schließlich gibt es vernarbende Formen, bei denen sich die Kopfhaut entzündet und die Haarwurzeln vernarben.

Bei Männern wird Haarausfall oft vererbt, welche Ursachen gibt es bei Frauen? 

Voigt: Bei Frauen gibt es über 80 mögliche Haarausfallursachen, die man kennt. Fünf davon sind häufig: z. B. hormonelle Verschiebungen (nach dem Absetzen der Pille, nach einer Schwangerschaft, in den Wechseljahren). Die Haarwurzeln reagieren sehr empfindlich auf hormonelle Veränderungen, und jede Schwankung führt mit drei Monaten Zeitverzögerung zum verstärkten Haarverlust. Verbreitet sind auch Mangelerscheinungen, z. B. von Eisen, Zink und Biotin. Dann kommt es zum Haarausfall nach Infektionen oder bei Entzündungen im Körper, bei Schilddrüsenfunktionsstörungen und bei chronischem psychischen Stress.

Wie finden Sie die Ursache?

Voigt: Für eine Diagnose müssen die Haarwurzeln untersucht werden. Da gibt es zwei Methoden: Das Trichogramm, für das etwa 100 Haare einzeln ausgerissen werden. Das schätzen die Patienten meist nicht besonders. Moderner ist die Computerhaaranalyse, das Trichoscan: Dabei wird eine kleine Stelle rasiert, nach drei Tagen eingefärbt, im Computer eingescannt und von einem Programm ausgewertet. Zusammen mit einer Blutanalyse auf Mangelerscheinungen, Schilddrüsenproblemen oder Infektionen sieht man die Ursachen meist deutlich. Mit dem Computerscan kann man auch prüfen, ob therapeutische Maßnahmen wirken. Der Scan wird von den gesetzlichen Krankenkassen nicht gezahlt, er kostet circa 90 Euro. 

Ist Haarausfall Schicksal? 

Voigt: Nein, man kann gegensteuern. Man kann bei Frauen z. B. in die hormonellen Verschiebungen eingreifen und diesen Effekt ausschalten. Darüber hinaus kann man den Haarausfall, der mit dem Alter kommt, bremsen, indem man Mittel gibt, die den Haarausfall verzögern oder sogar stoppen können. Das Mittel der Wahl beim diffusen Haarausfall ist heute Minoxidil, das frei in der Apotheke erhältlich ist. Für Männer als fünfprozentige Lösung oder Schaum, für Frauen als zweiprozentige Lösung. Dieses Mittel, ursprünglich als Blutdruckmittel entwickelt, bremst den Haarausfall – egal welche Ursache ihm zugrunde liegt. Das ist in Studien gut belegt. Als Nebenwirkungen berichten mir Patienten manchmal ein Brennen auf der Kopfhaut oder einen Juckreiz. Meistens haben diese Menschen sehr trockene Kopfhaut. Wenn die Behandlung nicht sehr gut hilft, kann man die Haarwurzeln z. B. zusätzlich stimulieren mit eigenen Wachstumsfaktoren, die aus dem eigenen Blut gewonnen und direkt an die Haarwurzeln gespritzt werden. Das ist ein relativ modernes Konzept. Es ist in Studien belegt, dass dies zu einem vermehrten Haarwuchs führt und auch die Dicke der Haare zunimmt. Zusätzlich bewährt hat sich eine Therapie mit Ernährungsfaktoren für die Haarwurzeln wie Aminosäuren und Zink, die in hoher Konzentration direkt in die Kopfhaut einspritzt werden.

Medizin kurios: Bei diesen Patienten staunt sogar der Arzt

Die Ärztin und Journalistin Martina Frei hat sich in ihrem Buch "Das Mädchen mit den zwei Blutgruppen" unglaublichen Fallgeschichten aus der Medizin gewidmet. Eine kleine Auswahl der kuriosesten Krankheiten und Heilungen finden Sie hier. © dpa
Achterbahnfahren kuriert Schwindel und Übelkeit - zumindest im Fall eines 42-jährigen Wissenschaftlers. Nach einer Fahrt mit der "Oachkatzelbahn" im Wolfratshausener "Märchenwald" war er beschwerdefrei. Die Beschleunigungskräfte hatten kleine, abgerissene Kristalle, die auf seinen Rezeptoren im Innenohr saßen und für die Gleichgewichtsstörung verantwortlich waren, irgendwohin gewirbelt, wo sie nicht mehr störten. © dpa
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Eines Morgens meldete sich eine aufgebrachte 18-Jährige in einer Klinik - sie war völlig blau angelaufen. Die Ärzte sahen darin ein Symptom für akuten Sauerstoffmangel. Ein alkoholgetränkter Tupfer löste schließlich das Problem: Bei der jungen Kanadierin hatte über Nacht die neue blaue Bettwäsche abgefärbt. © dpa
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"Der Kuss war leidenschaftlich. Was danach kam, ein Albtraum", beschreibt Frei einen anderen Fall. Eine 20-Jährige rang nach einem Gute-Nacht-Kuss ihres Freundes nicht nur um Luft, sondern beinahe auch um ihr Leben. Der junge Mann hatte eine Stunde zuvor Shrimps gegessen. Was er nicht wusste: Seine noch recht neue Liebe war allergisch gegen Krustentiere. © dpa
Die Wiedervereinigung hatte bei einer 72-jährigen Ostdeutschen sogar gesundheitliche Folgen: Nach der Wende bekam die Diabetikerin ein neues Blutzuckermessgerät. Plötzlich waren die Werte trotz höherer Medikamentendosis viel zu hoch. Im Gespräch mit einem Arzt stellte sich heraus, dass das Gerät den Wert in Milligramm pro Deziliter anzeigte. In der DDR rechnete man aber mit der Einheit Millimol. © dpa
Eine völlig abgemagerte 21-Jährige gab Medizinern ein großes Rätsel auf. Die junge Frau litt unter starkem Durchfall und Bauchschmerzen, eine Essstörung konnte allerdings ausgeschlossen werden. Erst als die Patientin kaugummikauend zum nächsten Termin erschien, ging dem Arzt ein Licht auf: Die Frau hatte zu viel Sorbitol - ein Zuckerzusatzstoff, der in Kaugummis und Süßigkeiten enthalten ist - im Organismus. Bei übermäßigem Verzehr führt der Stoff zu Durchfall und Abmagerung. © dpa
Eine Seniorin wollte nach einem anstrengenden Einkaufsmarathon am Ausgang eines Ladens eine kleine Pause einlegen. Beinahe hätte sie das ihr Leben gekostet, denn sie hatte sich ausgerechnet zwischen zwei Pfosten des Anti-Diebstahl-Systems ausgeruht. Der Grund: Das Warensicherungssystem hatte den Herzschrittmacher der alten Dame außer Gefecht gesetzt. © dpa
Demi-Lee Brennan bekam mit neun Jahren eine neue Leber. Die Chirurgen hatten bei einer Transplantation in so jungen Jahren mit Komplikationen gerechnet, nicht aber damit, dass das Mädchen neun Monate später eine andere Blutgruppe haben würde. Sie hatte tatsächlich die Blutgruppe ihres Spenderorgans angenommen - die Abstoßungsgefahr war damit für immer gebannt. © dpa
Ein australischer Straußenfarmer brach eines Tages nach einem Ausflug ins Outback zusammen. Seine Muskelschwäche verschlimmerte sich derart, dass er künstlich beatmet werden musste. Der Grund: Der 44-Jährige hatte täglich vier bis zehn Liter Coca-Cola getrunken. Der Softdrink hatte dazu geführt, dass der Mann Unmengen von Kalium über den Urin ausschied und so unter extremem Mangel litt. © dpa
Ein 46-Jähriger wurde am Flughafen festgenommen, weil die Detektoren angeschlagen hatten. Der Mann hatte aber weder Waffen noch Sprengstoff bei sich. Schuld war eine Therapie mit radioaktivem Jod, der er sich wenige Wochen zuvor wegen seiner Schilddrüsen-Überfunktion unterzogen hatte. © dpa
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Einem 67-jährigen Briten mit Problemen beim Wasserlassen gab ein Arzt folgenden Tipp: Er solle während der Pinkelpausen einen Kopfstand machen. Dies würde die Blasensteine, die seinen Harnausgang versperrten, verschieben. © dpa
Wellness-Oasen sind ein eher harmloses Terrain. Eine 53-Jährige klagte allerdings nach einem Besuch über schreckliche Schmerzen im Oberbauch. Ärzte fanden heraus, dass sich unterhalb des Zwerchfells Luft angestaut hatte. Später gab die Frau zu, sich im Whirlpool auf eine der Düsen gesetzt zu haben. Die Luft drang durch die Scheide in die Gebärmutter und von dort über die Eileiter in den Bauchraum. Das Problem löste sich nach wenigen Tagen in Luft auf. © dpa
Diese und weitere medizinische Kuriositäten finden Sie in Martina Freis neuem Buch "Das Mädchen mit den zwei Blutgruppen. Unglaubliche Fallgeschichten aus der Medizin." Erschienen ist es bei Eichborn 2010. Es hat 224 Seiten und kostet 16,95 €. © Eichborn

Ist Heilung möglich? 

Voigt: Bei Frauen ist es häufig nur ein vorübergehendes schubweises Phänomen. Diesen Schub kann man verkürzen und den Effekt auch bis zur völligen Wiederherstellung umkehren. Bei Männern ist oft eine starke genetische Komponente dabei. Man kann den Haarausfall trotzdem bremsen oder sogar stoppen und, wenn man früh anfängt, ein gewisses Wiederwachstum erreichen. Aber natürlich nicht, wenn jemand schon seit vielen Jahren eine Glatze hat.

Man darf nicht zu lange warten?

Voigt: Die Haarwurzeln schrumpfen und vernarben. Wenn sie tot sind, kann man sie nicht mehr zum Leben erwecken. Daher sollte man frühzeitig mit einer Behandlung beginnen. Bei Männern gibt man zusätzlich zum Minoxidil das Medikament Finasterid, das ursprünglich zur Behandlung von Prostatavergrößerungen entwickelt wurde und in niedriger Konzentration wirksam gegen Haarausfall ist. Es blockiert ein Enzym, das die Umwandlung des Hormons Testosteron in einen Abkömmling verhindert, welcher die Haarwurzeln schädigt. Wenn man diese Umwandlung hemmt, fallen die Haare nicht aus.

Sind Haartransplantationen als letzte Möglichkeit noch gefragt?

Voigt: Sie werden tatsächlich noch relativ häufig nachgefragt, weil es mittlerweile gute technische Möglichkeiten dafür gibt. Man entnimmt entweder einzelne Haare oder Haarstreifen vom Hinterkopf und setzt die einzelnen Haare dann in winzige Ritze in die kahle Kopfhaut. Diese Haare fallen natürlich erst mal aus, aber später wachsen sie wieder. Es ist die einzige Möglichkeit, ein Areal, in dem die Haarwurzeln abgestorben sind, zu behandeln.

Haarausfall: So schonen Sie Ihre Haare

Wer die Haare ständig in sehr straffen Frisuren zurückkämmt oder ständig an Strähnen zieht, verursacht mechanische Schäden, die dazu führen können, dass Haare schneller ausfallen.

Heißes Föhnen vermeiden.

Beim Haarewaschen sollte man milde Shampoos verwenden.

Tönen ist besser als färben. Besonders Blondieren und Haarfarben mit einem hohen Wasserstoffperoxidanteil ­belasten die Haarwurzeln.

Es ist egal, ob die Haare häufig oder selten gewaschen werden, man sollte milde Shampoos verwenden und Spülungen, damit die Haare leichter kämmbar sind.

Dauerwellen und Haarsprays können das Haar schädigen, nicht dagegen ­Haargele und Wachs.

Haarausfall: Hätten Sie's gewusst?

Fünf Millionen Haare hat der Mensch auf dem Körper, davon 90.000 bis 150.000 auf dem Kopf.

Blonde haben zwar die dünnsten Haare, dafür aber auch mit circa 150.000 die meisten! Schwarze Haare sind oft besonders dick und kräftig, dafür sind es aber auch nur rund 100.000, mit circa 90.000 Haaren müssen sich Rothaarige bescheiden.

Haare haben eine niedrige Lebenswartung: Sie werden nur circa zwei bis sieben Jahre alt.

Haare bestehen aus Horn, dem gleichen Material wie Finger- und Fußnägel. Es handelt sich also um abgestorbene Zellen. Haare enthalten weder Blutgefäße noch Nerven und werden von Biologen Hautanhangsgebilde genannt, ebenso übrigens wie die Federn bei Vögeln.

So entsteht ein Haar: Die Haarwurzeln in der Kopfhaut produzieren Haarzellen. Diese schieben sich nach oben und werden zu sogenannten Spindeln, die schließlich lange Fasern ausbilden und sich untereinander zu einem Haar verdrehen.

Zwei Gene sind mittlerweile identifiziert, die für den erblich bedingten Haarausfall bei Männern verantwortlich sind. Eines wird nur vpm der Mutter vererbt, das erklärt, warum manche Männer in puncto Haarausfall häufig nach dem Großvater mütterlicherseits schlagen. Ein weiteres Gen kann von Vater oder Mutter vererbt werden und erklärt die häufig ähnlich lichte Haarpracht von Vätern und Söhnen.

Glatzen sind bei afrikanischen und asiatischen Männern praktisch unbekannt – dank einer glücklichen genetischen Fügung. Die Haarwurzeln nehmen das umgewandelte Testosteron, das sie zum Verkümmern bringt, über einen bestimmten Rezeptor auf. Dieser Rezeptor fehlt bei Männern mit afrikanischer, asiatischer und arabischer Herkunft meistens. Frauen fehlt dieser Rezeptor ebenfalls.

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