Hannawald: "Plötzlich fing ich an zu weinen"

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"Der Mensch ist nicht fürs Alleinsein gemacht." Sven Hannawald mit seiner Verlobten Alena Gerber.

München - Vor dem psychischen Absturz war auch Skisprung-Legende Sven Hannawald nicht gefeit: Burnout lähmte sein Leben. In der tz erzählt der Wahl-Münchner, wie er die größte Krise seines Lebens überwunden hat.

Sven Hannawald - der Überflieger der Vierschanzen-Tournee 2002.

Als seine Ski den Schnee von Bischofs-hofen küssen, landet Sven Hannawald mitten im Himmel. An diesem Dreikönigstag 2002 ist dem Ausnahmespringer ein Triumph für die Ewigkeit geglückt - beflügelt von Ehrgeiz und Adrenalin: der erste Grand Slam in der 50-jährigen Geschichte der legendären Vierschanzen-Tournee.

Vier Nervenschlachten, vier Siege über den Leistungsdruck. In dieser Sekunde ist der 27-jährige Sportler Sven Hannawald unsterblich geworden - nach 19 Jahren Training, Tiefschlägen und Tunnelblick.

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Aber der sensible Mensch hinter der medialen Fassade des Superstars bleibt verletztlich. In den folgenden Jahren will der Adler zu neuen Höhenflügen abheben - und stürzt ab. Keine Siege mehr, eine quälende innere Unruhe frisst auch die letzten Glücksgefühle auf. "So lange du Erfolg hast, lenkst du dich damit ab", erinnert sich Hannawald, "aber wenn der Erfolg ausbleibt, dann fängt das ganze Theater richtig an." Das Theater - es war sein ganz persönliches Drama. "In meinem Kopf herrschte nur noch Durcheinander, ich konnte mich selbst gar nicht mehr einschätzen: Was macht dir Spaß, was willst du eigentlich? Ich habe mich vom ganzen Wesen her verändert, etwa aus heiterem Himmel angefangen zu weinen. Ich hatte doch immer funktioniert, so kannte ich mich."

Also tat der Sportler das, was er schon immer getan hatte, wenn es in seiner Karriere mal nicht so gut lief: arbeiten, alles für den Erfolg unternehmen, kämpfen. "Damals bin ich von Arzt zu Arzt gelaufen, habe mein Blut untersuchen und die inneren Organe spiegeln lassen. Ich dachte mir: Vielleicht hast du Krebs oder sonst was Schlimmes." Doch keiner der Spezialisten fand etwas - und das steigerte Hannawalds Unruhe nur noch mehr: "Ich wollte endlich einen Grund haben für das, was mit mir los ist." Heute kennt der 36-Jährige diesen Grund: "Mein Körper hat die Notsicherung rausgehauen. Ich musste lernen, dass er kein Roboter ist, den man einfach nachrüsten kann. Ein Körper ist etwas Natürliches, seine Kraft ist endlich."

Zwei Monate in stationärer Behandlung

Am Ende eines langen Ärzte-Marathons war Hannawald zunächst am Ziel, ein aufmerksamer Mediziner diagnostizierte das Burnout-Syndrom, drückte ihm die Adressen von Fachkliniken in die Hand. Und Hannawald handelte. Zwei Monate lang ließ er sich in Bad Grönenbach im Allgäu stationär behandeln. "Dort haben sie bei meinem Körper erst mal die Reset-Taste gedrückt", erzählt der Wahl-Münchner. "Das bedeutet: Du sprichst mit einem Therapeuten über dein Leben, gehst irgendwann in die Vergangenheit zurück." Zwei, bis drei Wochen lang sollte Hannawald keinen Besuch empfangen. Stattdessen machte er alleine lange Spaziergänge. "Das war mir wichtig, um erst mal zur Ruhe zu kommen." Familie und Freunde haben den Rückzug akzeptiert. "Sie waren überrascht, aber sie wollten, dass es mir bald besser geht." Angst vor dem Abgeschottetsein hatte Hannawald nicht. "Die Horrorvorstellungen von einer Art Klapsmühle sind Blödsinn. In der Klinik lebst du eher wie in einem Hotel. Du hast Freizeit und zwischendrin Gesprächstermine. Man versucht, wieder ein Gefühl dafür zu bekommen, was man wirklich machen möchte im Leben."

Der Sportler wollte erst mal zurück auf die Schanze. "Ich habe ein paar Sprünge gemacht. Aber als ich die Turnhalle betrat, in der wir früher trainiert -haben, kam dieses Gefühl der Unruhe zurück. Plötzlich wusste ich: Das macht keinen Sinn mehr." Im August 2005 erklärte Hannawald seinen Rücktritt - und der wurde zum Aufbruch in einer neues Leben. Anfangs sprach er noch regelmäßig mit seiner Therapeutin. "Bis ich gemerkt habe, dass die Abstände, in denen ich ihre Hilfe brauchte, länger wurden. Das hat mich motiviert."

Sven Hannawald mit seiner Verlobten Alena Gerber.

Der Ex-Springer begann, sich für eine neue Herausforderung zu begeistern: den Rennsport. "Auch in diesem Bereich möchte ich gut sein. Ehrgeizig bin ich immer noch, aber ich habe gelernt, darauf zu achten, dass der Ehrgeiz keine krankhaften Auswüchse mehr annimmt. So habe ich meine Lebensfreude wiedergefunden." Das liegt auch am veränderten Blickwinkel auf sein Tun. "Früher spielten Frauen oder Cliquen für mich keine Rolle. Ich habe nur für den Sport gelebt, nichts an mich herangelassen. Jedes freie Wochenende war ich bei meiner Familie."

Heute weiß der 36-Jährige: "Eine Beziehung ist ganz wichtig. Der Mensch ist nicht zum Alleinsein geboren." Mit dem Model Alena Gerber ist er glücklich: „Ich beziehe sie bewusst und aktiv in mein Leben ein." (Sven Hannawald & Alena: Verlobung vor der Wiesn)

Neue Aufgabe: Sven Hannawald fährt jetzt begeistert Autorennen.

Auch seine Rennsport-Familie von emotional engineering mit dem Buchbinder-Callaway-Competition Team, das in der ADAC-GT-Masters-Serie an den Start geht, gibt ihm viel Kraft. "Ich habe das Glück, ein zweites Leben anzufangen. Der Rennsport schenkt mir dieses kindliche Gefühl der Begeisterung." Vom Burnout konnte sich Hannawald befreien - weil er den Mut hatte, sich Schwäche einzugestehen. Diese Leistung hat ihn noch stärker gemacht: "Ich bin wieder bei mir selbst angekommen."

Andreas Beez

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