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Hightech gegen den Prostatakrebs

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Professor Christian Stief (l.) mit seinen Spezialisten (v.l.) Kora Tang, Privatdozent Dr. Alexander Roosen und Professor Armin Becker © Beez

In der neuen Serie Spitzenmedizin in München berichtet die tz über innovative Therapien und OP-Verfahren, über hochwirksame Medikamente und wissenschaftliche Erkenntnisse. Heute geht es um den Kampf gegen Prostatakrebs.

Medizin-Mekka München – die bayerische Landeshauptstadt beheimatet eine Fülle von Top-Kliniken und ausgezeichneten Praxen. Hier arbeiten hochspezialisierte Ärzte, um ihren Patienten mit modernsten Methoden zu helfen. In der neuen Serie Spitzenmedizin in München berichtet die tz über innovative Therapien und OP-Verfahren, über hochwirksame Medikamente und wissenschaftliche Erkenntnisse. Und wir lassen Patienten zu Wort kommen, die ihre Erfahrungen mit den neuen Behandlungs­methoden schildern. In der Auftaktfolge geht es um den Kampf gegen Prostata- und Brustkrebs. Dazu gibt es jeweils fünf Gesundheits-Tipps von unseren ­Experten.

Helmut Pfaffinger verkörpert das, was man in Bayern ein g’standenes Mannsbild nennt: Kernig, ein bisserl kräftiger, früher Skilehrer, immer einen lustigen Spruch auf Lager. Und normalerweise ist er keiner, der nahe am Wasser gebaut ist. Aber nach seiner erfolgreichen ­Prostatakrebs-Operation verabschiedet sich der 64-jährige Heizungsingenieur geradezu sentimental von seinen Urologen in der Uniklinik Großhadern: „Wenn ich ein Madel wäre, würde ich jedem einzelnen Doktor ein Bussl geben!“

Eigentlich hätte der wichtigste Assistent der Mediziner auch eins verdient: Da Vinci ist zwar kein Mensch, sondern ein OP-Roboter. Aber in ihm steckt das Herzblut innovativer Wissenschaftler und Ingenieure. Seit drei Jahren dient Da Vinci den Großhaderner Operateuren quasi als verlängerter Arm. Der entscheidende Unterschied: Die Roboterarme sind so klein und haben derart filigrane „Finger“, sprich winzige Instrumente an der Spitze, dass sie praktisch durch ein Schlüsselloch passen würden (siehe Artikel rechts). So konnte das OP-Team um Da-Vinci-Spezialist Dr. Armin ­Becker ihrem Patienten Pfaffinger die Prostata besonders schonend entfernen. Ohne größere Schnitte und hohen Blutverlust.

Der Stein, der Pfaffinger vom Herzen gefallen ist – er wirkt fast so groß wie der Geigelstein über seiner Heimatgemeinde Sachrang im Chiemgau. „Mein Lieblingsberg“, sagt der begeisterte Tourenskigeher. Und Dr. Becker verspricht ihm: „Wenn Sie in der Reha gut mitarbeiten, werden Sie noch diesen Winter wieder hinaufsteigen können.“ Gerade mal sieben Tage sind seit der Operation vergangen.

„Ich konnte von Anfang an das Wasser gut halten“, sagt Pfaffinger erleichtert. Und Chef­urologe Professor Christian Stief ist sehr zuversichtlich, dass der Patient schon bald wieder auf seine Manneskraft vertrauen kann. Die Angst vor Inkontinenz und Impotenz – „sie war natürlich nicht wegzudiskutieren“, berichtet Pfaffinger. „So wie ihm geht es verständlicherweise vielen Patienten“, weiß Professor Stief. Er macht ihnen aber auch viel Mut – und zwar aus der Erfahrung von mehr als 3000 Operationen heraus: „Es gelingt uns sehr oft, die Prostata so vorsichtig zu entfernen, dass der Schließmuskel der Blase und die Errektionsnerven dabei heil bleiben.“

Irgendwie kann Pfaffinger sein Glück noch gar nicht so richtig fassen – und davon hat er zweifellos reichlich. Denn inzwischen weiß der Patient auch, dass der Krebs noch nicht gestreut hatte. Eine entsprechende Untersuchung des entfernten Tumorgewebes im Labor fiel negativ aus. „Sie sind geheilt“, bestätigt Professor Stief. Und Helmut Pfaffinger bedankt sich bei seinen Ärzten auf seine Art – herzlich und humorvoll: „Schauen Sie mich an: Ich bin die beste wandelnde Reklame für ihren Da Vinci..."

Da-Vinci-Code: So hilft der OP-Roboter

Der 1,8 Millionen Euro teure OP-Roboter stammt aus einer amerikanischen Innovationsschmiede. „Da Vinci“ – benannt nach dem großen italienischen Naturwissenschaftler Leonardo Da Vinci – hat vier Arbeitsarme. An dessen Enden befinden sich feinste Ins­trumente. Sie sind hauchdünn, nicht größer als eine Bleistiftspitze. Trotz aller Hightech: „Der Patient muss keine Angst haben, dass der Roboter auch nur einen einzigen Arbeitsschritt von selbst macht“, betont Professor Christian Stief. „Er wird zu 100 Prozent vom Operateur gesteuert.“

Dazu sitzt der Arzt vor einem Bildschirm, der das Operationsfeld sehr stark vergrößern kann. Das macht ein sehr präzises Arbeiten möglich. Der Operateur arbeitet mit Joysticks. Diese kleinen Steuerungsknüpel führen die Bewegung des Chirurgen präzise aus.

Eine winzige Spezialkamera liefert 3-D-Bilder aus dem OP-Gebiet, so dass der Operateur die Instrumente exakt positionieren kann. Ein weiterer Arzt überwacht die Arbeitsschritte der Roboterarme direkt am Operationstisch.

Im Falle der Prostata-OP wird das entfernte Gewebe noch im Bauch des Patienten in ein spezielles Plastiksäckchen verpackt und dann durch einen Hautschnitt quasi abtransportiert. Da-Vinci-Experte Professor Becker: „So können wir sicherstellen, dass keine Krebszellen im Körper des Patienten verloren gehen und sich erneut ausbreiten.“

Der größte Vorteil für den Patienten: Da Vinci arbeitet in sogenannter Schlüsselloch-Technik – das bedeutet, dem Operateur reichen kleinste Schnitte, um die Arbeitsarme des Roboters ins Operationsgebiet zu bringen. Dadurch erholt sich der Patient oft schneller als nach einem herkömmlichen Eingriff.

Unser Experte:

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© Beez

Christian Stief gehört zu den Klinikchefs, die gerne noch so oft wie möglich selbst am OP-Tisch stehen. Der 54-jährige Professor gehört zu den weltweit erfahrensten Prostata-Operateuren, er führt jährlich etwa 350 -Eingriffe durch. Die Urologie am Uniklinikum Großhadern leitet Stief bereits seit 2004. Der Direktor, der aus Ensheim im Saarland stammt, hat vor seiner Münchner Zeit unter -anderem in Freiburg und Hannover gearbeitet. Christian Stief ist verheiratet und hat zwei Söhne. Foto: Bee

Stiefs Tipps für die tz-Leser

1. Gehen Sie ab dem 45. Lebensjahr einmal im Jahr zur Prostatakrebs-Vorsorge; leiden Verwandte ersten Grades schon in jüngeren Jahren an Prostatakrebs, gehen Sie schon mit 40 hin. Lassen Sie Ihren PSA-Wert bestimmen. Dabei handelt es sich um das sogenannte Prostataspezifische Antigen im Blut. Es gibt Aufschluss darüber, ob Zellveränderungen in der Prostata vorliegen. Bei einem gesunden Mann bis 50 muss der PSA-Wert unter 1,0 liegen.

2. Ab dem 35. Lebensjahr vergrößert sich beim Mann die Prostata kontinuierlich. Sie kann die Harnröhre einengen. Alarmzeichen sind: schwächer werdender Harnstrahl, wenn sie öfter plötzlich dringend zur Toilette müssen, oder nachts mehr als einmal zum Wasserlassen aufstehen.

3. Gutartige Prostata-Vergrößerungen lassen sich zu Anfang gut mit pflanzlichen Mitteln behandeln. Sie basieren auf der Basis von Kürbiskernöl oder Palmblätterextrakt. Das hilft etwa drei bis fünf Jahre. Danach können sie so genannte Alphablocker einnehmen. Diese ­chemischen Arzneimittel verschaffen ihnen weitere drei bis fünf Jahre Linderung. Dann ist häufig eine OP erforderlich. Dabei wird etwa 50 bis 60 Prozent des Prostata­gewebes weggeschnitten oder mit einem Laser verdampft. Die OP dauert etwa eine Stunde, der Patient muss im Regelfall maximal vier Tage in der Klinik bleiben.

4. Wenn Sie nicht mehr gut Wasser lassen können, gehen Sie rechtzeitig zum Arzt. Sonst können Sie einen sogenannten chronischen Harnverhalt bekommen. Darunter versteht man einen Rückstau des Urins in den Nieren, der eine Blutvergiftung verursachen kann.

5. Lassen Sie sich nur in größen Prostata-Zentren operieren. Dieser Eingriff erfordert viel Erfahrung. Ein Prostata-Operateur gilt aber erst dann als erfahren, wenn er mindestens 250 Mal diese OP selbst durchgeführt hat. Trotzdem werden rein statistisch gesehen 87 Prozent der Patienten von Kollegen operiert, die weniger als die geforderten Prostata-Operationen pro Jahr machen.

Anesthesist

Je früher der Krebs entdeckt wird, desto effektiver und schonender lässt er sich bekämpfen. Vielen Patienten, die einen noch relativ kleinen und langsam wachsenden Tumor in ihrer Prostata haben, können die Ärzte inzwischen sogar eine Operation oder eine Strahlentherapie ersparen. „Stattdessen wird der Mini-Krebsherd mit einer speziellen Lasertechnik praktisch ausgestanzt“, erklärt Professor Christian Stief. Das geschieht minimalinvasiv, indem feinste Lasersonden unter Ultraschallkontrolle über die Haut eingestochen werden und gezielt in die Prostata eingebracht werden.

Die fokale Prostatakarzinom-Therapie (PCA) ist ein junges, hochinnovatives Verfahren. Der Großhaderner Urologe Dr. Alexander Roosen hat am 6. März 2012 den ersten Eingriff dieser Art in Bayern durchgeführt. „Inzwischen haben wir bereits neun Patientenso behandelt“, berichtet der Spezialist. Der große Vorteil: „Bei der PCA-Therapie können wir Kontinenz und Potenz fast immer erhalten.“

Das kann auch Gerhard Schwenk bestätigen: „Mir geht es wieder gut. Die Schmerzen waren absolut erträglich. Ich konnte nach drei Tagen wieder selbst mit dem Auto nach Hause fahren“, berichtet der Beurfsfeuerwehrmann aus Westerheim in Baden-Württemberg,

Und so funktioniert der Eingriff: Während der Patient in Vollnarkose schläft, sticht der Arzt am Damm – zwischen Hodensack und After – die dünnen Laser-Glasfäden ein und führt diese bis zur Prostata vor. Gleichzeitig bekommt der Patient eine spezielle lichtempfindliche Substanz gespritzt. Unterm Laserlicht erfolgt eine chemische Reaktion. Die Substanz gibt so genannte freie Radikale ab. Das sind – vereinfacht ausgedrückt – eine Art „Killer-Moleküle“, die kleinste Gefäße zerstören, die den Tumor ernähren. „Man hungert den Tumor praktisch aus“, erklärt Professor Stief. „Das bösartige Gewebe stirbt ab.

Andreas Beez

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