Wie Nerven am Knie verödet werden

Hitzesonde statt OP gegen Gelenkschmerzen

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Aua! Arthrose kann starke Schmerzen verursachen – wie bei dieser Kniepatientin.

München - Eine neue Hightech-Hitzestoß-Therapie soll eine Operation ersparen, aber trotzdem die Gelenkschmerzen deutlich lindern. Die tz liefert den großen Behandlungs-Überblick aus Patientensicht.

Ein neues Knie, eine neue Hüfte? Wenn starke Arthrose den Alltag zum Albtraum macht, dann denken viele Patienten über ein künstliches Gelenk nach. Aber längst nicht alle können oder wollen sich unters Messer legen. „Gerade für ältere Menschen kann eine Operation problematisch sein – beispielsweise dann, wenn sie schon mal einen Herzinfarkt oder einen Schlaganfall erlitten haben. Manche Senioren fürchten auch eine tiefe Narkose oder einen längeren Klinikaufenthalt sowie die aufwendige Nachbehandlung. Und wieder andere möchten den Zeitpunkt, an dem sie sich ein künstliches Gelenk einsetzen lassen, einfach noch hinauszögern“, erläutert Dr. Martin Marianowicz.

In seinem gleichnamigen Bogenhausener Medizin-Zentrum werden solche Patienten seit einem Jahr mit einer Hightech-Hitzestoß-Therapie behandelt. Sie soll ihnen eine OP ersparen, aber trotzdem die Beschwerden deutlich lindern. Jetzt haben die Spezialisten erste Ergebnisse vorgestellt. Die tz liefert den großen Behandlungs-Überblick aus Patientensicht.

So funktioniert die Therapie: Das sogenannte Denervierungs-Verfahren trägt den englischen Namen Cooled Radiofrequency. „Dabei werden Nerven, die ins Kniegelenk führen und darin starke Schmerzen verursachen, mithilfe einer hochmodernen Hitzesonde vorübergehend verödet“, erklärt Dr. Martin Marianowicz.

Diese Vorteile hat die Hightech-Methode: Den Zusatz cooled – gekühlt; genauer gesagt wassergekühlt – trägt die elektrische Therapie deshalb, weil sie mit nur 65 Grad Hitze auskommt. Diese Temperatur ist vergleichsweise gering gegenüber den 90 Grad, die Radiofrequenz-Sonden früherer Entwicklungs-Generationen erzeugt haben. „Der Vorteil für die Patienten ist, dass sie nun wesentlich schonender behandelt werden können. In erster Linie wird das angrenzende Gewebe um die Nerven herum weniger belastet als früher“, erläutert Dr. Willibald Walter, der stellvertretende Leiter der orthopädischen Abteilung im Marianowicz-Medizin-Zentrum. Er hat inzwischen rund 50 Gonarthrose-Patienten – so nennt man Gelenkverschleiß speziell im Knie – auf die sanfte Tour mit der Sonde therapiert.

So läuft die Behandlung ab: Insgesamt sei der minimalinvasive Eingriff selbst für Risikopatienten wenig belastend, betont Dr. Walter. „Er dauert etwa 20 Minuten, und nach einer anschließenden Ruhepause von einer weiteren Viertelstunde kann der Patient bereits nach Hause gehen.“

Der Patient legt sich auf den Rücken. Zunächst wird sein Kniegelenk örtlich betäubt. „Das Taubheitsgefühl kann bis zu vier Stunden anhalten“, so Dr. Walter. Dann prüft der Arzt zunächst, wo genau die Schmerzleitungen verlaufen, die er ausschalten will. Dazu setzt er Hohlnadeln an drei Orientierungspunkte, die im englischen Fachjargon landmarks heißen. Wenn die Positionen der Nerven auf Millimeterbruchteile genau vermessen sind, wird durch die drei Hohlnadeln hindurch die Hitzesonde nacheinander zu ihren Einsatzorten transportiert. Sie hat einen Durchmesser von nur zwei Millimetern.

Die exakte Positionierung wird mithilfe eins mobilen Röntgengeräts permanent kontrolliert, Mediziner sprechen von einem sogenannten C-Bogen. Und der Generator, der den Strom erzeugt und damit die Hitzequelle speist, besitzt ein computergestütztes Wasserkühlungssystem. „Dadurch ist sichergestellt, dass sie nicht zu heiß läuft und die Patienten damit optimal geschützt sind“, berichtet der Orthopäde. „Aufgrund der örtlichen Betäubung spüren sie die Hitzestöße nicht und haben auch sonst keinerlei Schmerzen.“

So viel bringt die Behandlung und so lange hält sie an: Dr. Walter: „Unsere ersten Erfahrungen zeigen, dass sich die Schmerzintensität der Patienten im Durchschnitt um 60 bis 70 Prozent lindern lässt. Wie lange die Wirkung anhält, können wir noch nicht exakt sagen. Wir gehen von einem Zeitraum zwischen drei Monaten und drei Jahren aus – das ist von Patient zu Patient verschieden. Der Mittelwert dürfte sich bei 15 bis 20 Monaten einpendeln.“ Die Behandlung könne allerdings jederzeit wiederholt werden, erläutert Dr. Walter.

Das sagen die Ärzte zu Nebenwirkungen und Einschränkungen: „Das größte Risiko ist im Grunde die Möglichkeit, dass die Denervierung in Einzelfällen nicht wirkt.“ Ernste Nebenwirkungen seien so gut wie ausgeschlossen, betont der Experte. So liege die Gefahr einer Nervenverletzung, die zu dauerhaften Schäden führe, bei weniger als 0,0001 Prozent. Auch Patienten, die wegen Herz-Kreislauf-Erkrankungen blutverdünnende Medikamente nehmen müssen, können laut Dr. Walter relativ unproblematisch behandelt werden. „Aspirin muss man gar nicht absetzen, stärkere Gerinnungshemmer der neuen Generation wie

Xarelto oder Pradaxa sollte man nur am Morgen des Eingriffs weglassen.“ Wer allerdings noch das Standard-Präparat Marcumar schluckt, der muss es absetzen und vorübergehend auf Heparin-Bauchspritzen ausweichen. „Im Einzelfall wird die Medikation mit dem behandelnden Arzt abgesprochen“, erläutert Dr. Marianowicz.

Welche Gelenke sonst noch behandelt werden können: Hitzestöße im Kampf gegen Arthrose – für Dr. Marianowicz gehört dieser minimalinvasiven Schmerztherapie die Zukunft. „Schließlich hat sie sich schon über viele Jahre an der Wirbelsäule bewährt. Dort wird sie eingesetzt, um die Schmerzfasern rund um die Facettengelenke auszuschalten. Und die technischen Weiterentwicklungen für andere Gelenke sind beachtlich.“ Natürlich, so der erfahrene Orthopäde weiter, könne die Technik keine Wunder vollbringen. „Deshalb versprechen wir unseren Patienten auch keine Bewegungs- und Schmerzfreiheit wie bei einem gesunden Knie. Das wäre unseriös. Aber sie bekommen in den meisten Fällen viel Lebensqualität zurück.“

Grundsätzlich eigne sich die Hitzestoß-Therapie auch für andere Gelenke, sagt Dr. Marianowicz. „Wir werden bald auch Schulterpatienten damit behandeln. Denkbar ist zudem, das Verfahren an den Hüften und an den Sprunggelenken einzusetzen.“ Andreas Beez

Fünf Millionen leiden unter Arthrose

Es ist eine Geißel des Älterwerdens: In der Generation der über 65-Jährigen leidet jeder Zweite unter Arthrose, schätzen Experten. Aber auch Jüngere haben damit zu kämpfen – unterm Strich sind in Deutschland etwa fünf Millionen Menschen von der häufigsten Gelenkerkrankung betroffen.

Dabei wird die schützende Knorpelschicht zerstört – solange bis praktisch Knochen auf Knochen reiben. Das Gelenk entzündet sich, es schwillt an und macht zum Teil heftige Schmerzen. „Ein Medikament, das die Arthrose stoppen oder verschlissenen Knorpel reparieren kann, gibt es bis heute nicht“, berichtet Dr. Martin Marianowicz.

Arthrose kann sich in allen Gelenken ausbreiten, am häufigsten sind Knie, Hüften und Hände betroffen. 50 Prozent der Fälle enstehen durch eine langjährige Überbelastung, berichet der Verein Deutsche Arthrose-Hilfe. Etwa 30 Prozent der Fälle entwickeln sich als Spätfolge eines Unfalls – beim Sport, im Verkehr oder im Haushalt. 20 Prozent der Patienten haben eine angeborene Fehlstellung des Gelenks, die sich bereits in jungen Jahren bemerkbar machen kann.

Im fortgeschrittenen Stadium raubt die Arthrose vielen Betroffenen ihre ganze Lebensqualität. Oft können sie kaum noch einen Schritt tun, ohne die Zähne zusammenzubeißen. Manchmal haben sie selbst dann Beschwerden, wenn sie ruhig im Bett liegen oder auf dem Sofa sitzen. So berichten rund zwei Millionen Bundesbürger, dass sie täglich von Gelenkschmerzen gepeinigt werden. Eine Umfrage der Deutschen Arthrose-Hilfe ergab, dass über 60 000 Deutsche starke Verschleißerscheinungen an sechs oder noch mehr Gelenken beklagen.

Andreas Beez

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