1800 Spitzenforscher machen Patienten Mut

Neue Hoffnung für Krebs-Patienten

München wird in diesen Tagen zur Hauptstadt der Hoffnung: Rund 1800 Spitzenforscher aus aller Welt beraten beim Europäischen Krebskongress EACR die neuesten Erkenntnisse im Kampf gegen die Volkskrankheit.

Darunter befinden sich auch zahlreiche Spezialisten des renommierten Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ) mit Sitz in Heidelberg, das heuer sein 50. Bestehen feiert. Die ermutigendste Botschaft zum Jubiläum: „Es herrscht Aufbruchstimmung in der Krebsmedizin. Wir machen momentan große Fortschritte“, berichtet Professor Christof von Kalle. In der tz erklärt der DKFZ-Experte und Direktor des Nationalen Centrums für Tumorerkrankungen (NCT), wie die sogenannte „personalisierte Therapie“ den Patienten besser helfen soll.

Es ist eine Revolution, die sich in der Krebs-Medizin gerade mit Macht ihren Weg bahnt: Wissenschaftler und Ärzte setzen seit einigen Jahren immer mehr auf die sogenannte personalisierte Onkologie. Dahinter verbirgt das ehrgeizige Ziel, jedem einzelnen Patienten eine maßgeschneiderte Therapie anbieten zu können. Sie soll das herkömmliche Konzept ersetzen, bei dem Patienten mit der gleichen Krebsart stets mit der gleichen Chemotherapie behandelt werden.

Natürlich sei die personalisierte Onkologie kein Allheilmittel, betonen Krebsforscher unisono. Aber sie gibt ihnen praktisch effektivere Waffen im Kampf gegen die unterschiedlichsten Arten an die Hand. Möglich wird dies, weil die Spezialisten die feindlichen Zellen im Körper praktisch viel besser ausspähen können als noch vor einigen Jahren. Im Hightech-Labor wird der DNA-Code des Tumors entschlüsselt – um zu enttarnen, wo der Krebsherd besonders verwundbar ist. „Wir besorgen uns sozusagen den Bauplan des Tumors“, erklärt Professor von Kalle.

Und das funktioniert so: Eine Probe des Tumorgewebes – sie stammt von einer Operation oder einer Biopsie – wird in eine spezielle Flüssigkeit gegeben. Dadurch lösen sich die „bösen Zellen“ – die Erbinformationen des Tumors werden sozusagen sichtbar. Das Material kommt in einen Sequenzer. „Dieser Apparat liest die DNA-Sequenzen des Tumors aus und stellt sie farbig dar“, erläutert Professor von Kalle.

Gleichzeitig werden auch die gesunden Zellen des Patienten analysiert – er muss dazu nur eine Speichelprobe abgeben. So können die Ärzte die Baupläne des Tumors und der gesunden Zellen vergleichen. Sie erhalten wertvolle Informationen darüber, wo genau sich jene Defekte befinden, die die bösartigen Zellveränderungen verursachen.

Die molekulargenetische Untersuchung des Tumorgewebes konnte in den vergangenen Jahren immer weiterentwickelt werden. Aber bis die Ergebnisse vorliegen, dauert es noch immer etwa 40 Tage. „Man muss sich vorstellen, dass in einem Gramm Gewebe etwa eine Milliarde Zellen stecken“, erläutert Professor von Kallen.

Aber wenn der individuelle Krebs-Code erst mal geknackt ist, dann geht’s der Krankheit mit Konzept an den Kragen. „Wir haben bereits 30 bis 50 Medikamente für zielgerichte Therapien zur Verfügung, und weitere 1000 sind bereits in der Erprobungsphase. Bis ein Medikament einsatzreif ist, dauert es etwa zwei bis zehn Jahre“, erklärt der Top-Onkologe weiter. Die Entwicklung neuer Substanzen wird mit Hochdruck vorangetrieben, es kommen ständig neue dazu.

Wie effektiv die neue Strategie sein kann, hat sich bereits bei der Behandlung des schwarzen Hautkrebses herauskristallisiert. „Noch vor drei bis vier Jahren galt diese Diagnose als absolute Katastrophe“, berichtet Professor von Kalle. „Und heute gibt es bereits drei bis vier Medikamente, die die Krankheit ein halbes Jahr bis zum einem Jahr aufhalten können.“ Ganz neu ist auch eine Immuntherapie, die die Krankheit bei immerhin 10 bis 20 Prozent der Betroffenen sogar zum Stillstand bringen kann.

Professor von Kalles Fazit: „Die Grundlagenforschung ist am Krankenbett angekommen!“

Andreas Beez

Die neuesten Fakten zur Volkskrankheit

Die jüngsten belastbaren Statistiken und Zahlen beziehen sich auf 2010. In diesem Jahr sind nach Schätzungen des Zentrums für Krebsregisterdaten (ZfKD) 252 400 Männer uind 224 900 Frauen an Krebs erkrankt.

Am häufigsten kommen bei Männern Prostatakrebs (65 830 Neuerkrankungen) und Lungenkrebs (35 040) vor.

Frauen erkranken am häufigsten an Brustkrebs (70 340 neue Fälle) oder an Darmkrebs (28 630).

Jeder vierte Todesfall ist auf eine Krebserkrankung zurückzuführen. So starben im Jahr 2010 in Deutschland insgesamt 858 768 Menschen – davon erlagen 218 268 einem Krebsleiden.

Experten schätzen, dass 2015 etwa 220 000 Patienten an Krebs sterben werden. Das entspricht über 600 Sterbefällen pro Tag.

Gemessen an allen Todesursachen steigt der Krebsanteil bei Männern über die Jahre leicht an. Laut Vorhersagen von Spezialisten wird er 2015 bei etwa 30 Prozent liegen. Dagegen bewegt sich der Anteil der Frauen bei etwa 22 Prozent – und geht seit Jahren leicht zurück.

Leider verschont der Krebs auch die Kleinen nicht: In Deutschland erkranken jährlich etwa 1800 Kinder unter 15 Jahren daran.

Rubriklistenbild: © dpa

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