Sechs Millionen sind betroffen

Inkontinenz: Was sie über die Erkrankung wissen müssen

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Oberärztin im Patientengespräch: Ricarda Bauer klärt einen älteren Herrn über die Möglichkeit eines künstlichen Blasenschließmuskels auf.

München - Fast sechs Millionen Deutsche leiden an Inkontinenz. Doch weil die Erkrankung als Tabuthema gilt, gehen nur wenige zum Arzt. Die tz geht dem Krankenbild auf den Grund.

Es gibt gesundheitliche Probleme, über die spricht man einfach nicht so gerne. Dazu zählt die Harninkontinenz. Bis zu sechs Millionen Leidensgenossen haben ihre Blase nicht mehr hundertprozentig unter Kontrolle, schätzen Experten.

Sie wissen zwar, dass vor allem ältere Semester und weitaus mehr Frauen als Männer von dieser Steuerungsschwäche betroffen sind. Genaue Statistiken existieren allerdings nicht. „Inkontinenz ist eine Volkskrankheit mit einer sehr hohen Dunkelziffer“, erklärt Professor Dr. Christian Stief, erfahrener Chefurologe am Uniklinikum Großhadern. „Wir gehen davon aus, dass nur etwa ein Drittel der Betroffenen zum Arzt geht. Viele schämen sich oder glauben irrtümlich, sie müssten sich mit ihrer Inkontinenz abfinden – nach dem Motto: Das gehört halt zum Älterwerden dazu…“ Wie groß der Leidensdruck der Patienten zum Teil ist, berichtet Professor Stief im tz-Interview.

"Niemand muss sich seiner Erkrankung schämen"

Dabei könnte die moderne Spitzenmedizin den allermeisten Patienten helfen und ihre Harninkontinenz in vielen Fällen sogar heilen. „Niemand muss sich für seine Erkrankung schämen oder Angst vor der Untersuchung haben“, betont Privatdozentin Dr. Ricarda Bauer, Leiterin der Spezialsprechstunde für Harninkontinenz am Uniklinikum Großhadern. Die Expertin ist heuer – gemeinsam mit ihrer Kollegin Prof. Dr. Ursula Peschers von der Chirurgischen Klinik Bogenhausen – erstmals Tagungspräsidentin beim Jahreskongress der Deutschen Kontinenz-Gesellschaft in München.

Dazu werden am kommenden Freitag und Samstag im Veranstaltungscenter MOC in Freimann rund 1300 Teilnehmer erwartet. Bereits am nächsten Mittwoch haben Interessenten während eines Patientenforums von 16 bis 18 Uhr in der Frauenklinik in der Maistraße die Gelegenheit, vom Wissen der Experten zu profitieren. „Eines unserer vordringlichen Ziele ist es, das Thema Harninkontinenz öffentlich aus der Tabuzone zu holen“, sagt Dr. Bauer. Im großen tz-Medizin­report zum Top-Kongress erklärt die Großhaderner Spezialistin, wie die Untersuchungen in der Regel ablaufen und welche Behandlungsmöglichkeiten zur Verfügung stehen.

Die Erkrankung und ihre Symptome

Was heißt Harninkontinenz eigentlich genau? Grundsätzlich bedeutet das Fremdwort so viel wie Kontrollverlust über die eigene Blase. Der Betroffene ist nicht mehr in der Lage, den Urin sicher zu speichern und selbst zu bestimmen, wann er abgelassen wird. „Harninkontinenz ist praktisch ein Sammelbegriff“, erklärt Privatdozentin Dr. Ricarda Bauer. „Die häufigsten sind die Belastungsinkontinenz und die Dranginkontinenz. Wenn ein Patient gleichzeitig unter beiden Formen leidet, dann sprechen wir Mediziner von einer Mischinkontinenz. Sie trifft besonders häufig ältere Patienten.“

Variante I: Belastungsinkontinenz

Sie macht vor allem Frauen zu schaffen. Dabei schwächelt der Blasenschließmuskel – ein Problem, das sich mit zunehmendem Alter verschärfen kann. Seine Wurzeln hat es aber oft bereits in jüngeren Jahren. „Denn der Blasenschließmuskel ist Teil der Beckenbodenmuskulatur, die während der Schwangerschaft arg strapaziert wird“, erläutert Dr. Bauer. „Deshalb kommt es auch relativ oft vor, dass Frauen in den ersten Monaten nach der Geburt Probleme mit ihrer Blase haben“, weiß die Urologin.

Häufiger Gang zur Toilette.

Zwar bekommen die meisten jungen Mamas das Problem mithilfe von Rückbildungsgymnastik wieder gut in den Griff, aber manchmal bleibt trotzdem eine Gewebeschwäche zurück. Wenn dann später einmal der natürliche Alterungsprozess bei Muskeln und Bändern einsetzt, kann die Blase wieder außer Kontrolle geraten.

Neben dem „Klassiker“ Schwangerschaft kommen allerdings auch andere Ursachen infrage – etwa eine angeborene Gewebeschwäche (genetische Veranlagung), hormonelle Umstellungen während der Wechseljahre oder auch eine Überbeanspruchung. Ein Problem, das viele ältere Frauen kennen, die ihr Leben lang körperlich hart gearbeitet haben.

Männer sind wesentlich seltener betroffen als Frauen – allerdings nimmt auch ihre Zahl zu. Vor allem deshalb, weil Belastungsinkontinenz in der Regel eine Folge von Eingriffen an der Prostata ist. Prostatakrebs gilt als eine der häufigsten Tumorerkrankungen bei Männern. Die operative Entfernung ist handwerklich anspruchsvoll. Die Ärzte müssen auf engstem Raum arbeiten und schneiden, dabei können der Blasenschließmuskel und vor allem dessen Nerven Schaden nehmen.

Egal welches Geschlecht: Alle Patienten haben gemein, dass sie bei alltäglichen körperlichen Belastungen Urin verlieren. „Klassischerweise geht er in Spritzern ab“, weiß Dr. Bauer. „Zum Beispiel beim Heben, Tragen, Husten, Niesen oder beim Sport.“

Variante II: Dranginkontinenz

Bei diesem Krankheitsbild spielt der Harnblasenmuskel verrückt. Eigentlich soll der sogenannte Detrusor auf Kommando die Blase zusammendrücken und so den Urin aus der Blase spülen. Bei einer Dranginkontinenz wird er überaktiv und spannt sich unkontrolliert an. „Das Gemeine daran ist Unberechenbarkeit“, berichtet Dr. Bauer. „Die Patienten verspüren einen überfallartigen Harndrang und haben gleichzeitig das Gefühl, das Wasser keine Sekunde mehr halten zu können.“ Oft verlieren sie tatsächlich Urin, bis sie die Toilette erreichen – meistens nicht tröpfchenweise, sondern auch schwallartig.

Die Ursachenforschung gestaltet sich nicht immer leicht. „Es gibt eine große Bandbreite von Erkrankungen, die eine Dranginkontinenz auslösen oder zumindest begünstigen können. Sie reicht von einer harmlosen Blasenentzündung bis hin zu einer vergrößerten Prostata. Aber auch Diabetes, neurologische Erkrankungen wie MS oder Parkinson, Alzheimer, Hormonmangel, Folgen des Alterungsprozesses oder Bandscheibenvorfälle können Auslöser sein“, weiß die Spezialistin. „Manchmal können auch Wechselwirkungen von Medikamenten gegen andere Erkrankungen eine Rolle spielen.“ In manchen Fällen können auch ein Tumor in der Blase oder ein Blasenstein die Beschwerden auslösen.

Andreas Beez

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