Krankheit des Vergessens

Interview: Wie Alzheimer unser Leben verändert

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Bianca Broda, Geschäftsführerin der Alzheimer Gesellschaft München e.V.

München - Im tz-Interview erklärt Bianca Broda, Geschäftsführerin der Alzheimer Gesellschaft München e.V., wie die Krankheit des Vergessens unsere Stadt verändert.

Bianca Broda, Geschäftsführerin der Alzheimer Gesellschaft München e.V.

In München leben bereits heute 22 000 Demenz­patienten, bis zum Jahr 2030 werden es nach Schätzungen des städtischen Sozialreferats sogar 29 000 sein. „Wir stehen vor gewaltigen Herausforderungen“, sagt Bianca Broda. Im tz-Interview erklärt die Geschäftsführerin der Alzheimer Gesellschaft München e.V., wie die Krankheit des Vergessens unsere Stadt verändert.

Frau Broda, wie präsent ist das Thema Alzheimer-Demenz in München?

Bianca Broda: Alzheimer ist mitten unter uns. Manche Menschen glauben noch immer, die Erkrankung betreffe nur Personen, die bereits in Altersheimen wohnen. Aber das ist ein Trugschluss. Es gibt auch jüngere Menschen, die eine De­menzerkrankung haben. Sie sind zum Teil deutlich unter 65 Jahren und in einem sehr frühen Stadium erkrankt. Wenn man ihnen in der Stadt, beispielsweise auf dem Marienplatz, begegnet, sieht man ihnen dies auf den ersten Blick natürlich nicht an. Aber sie brauchen trotzdem manchmal Hilfe. Auch deshalb, weil sie die Hektik der Großstadt überfordert.

Wie ist es um die Solidarität der Stadtgesellschaft insgesamt bestellt?

Broda: Da zeigt unsere Stadt unterschiedliche Gesichter. Einerseits haben die Münchner oft besonders wenig Geduld – beispielsweise beim Einkaufen an der Kasse, am U-Bahnsteig oder in der Fußgängerzone. Das ist für viele Menschen mit Demenz ein Problem. Andererseits erleben wir auch viel Hilfsbereitschaft. Es gibt immer wieder aufmerksame Münchner, darunter auch viele junge, die sich beispielsweise um orientierungslose Patienten kümmern, sie sogar nach Hause bringen.

Welche Möglichkeiten haben Alzheimer-Patienten und ihre Angehörigen, sich selbst Hilfe zu holen?

Broda: Generell kann man sagen: Erfreulicherweise ist der Alltag der Patienten und ihrer Angehöriger in den vergangenen Jahren immer mehr in den Fokus gerückt. Inzwischen gibt es gerade in München ein sehr gutes Netzwerk der Hilfe, das eine Fülle von Angeboten in allen Lebensbereichen bietet. Ich möchte alle Betroffenen ausdrücklich einladen und ermutigen, diese Möglichkeiten zu nutzen.

Wie stark werden diese Angebote bereits genutzt?

Broda: Allein die Alzheimer Gesellschaft München macht etwa 2500 Beratungen pro Jahr – telefonisch, bei Hausbesuchen oder in unserer Geschäftsstelle in der Josephsburgstraße in Berg am Laim. Darüber hinaus gibt es auch viele weitere kompetente Ansprechpartner überall in der Stadt. Alle stehen für die vielleicht wichtigste Botschaft, dass man mit Alzheimer nicht alleine klarkommen muss. Jeder hat die Möglichkeit, Hilfe in Anspruch zu nehmen. Trotzdem kommen viele Angehörige erst spät zu uns – nämlich dann, wenn sie bereits an der persönlichen Belastungsgrenze angelangt sind oder diese bereits überschritten haben.

Woran liegt das?

Broda: In vielen Fällen haben die Angehörigen gewisse Schwierigkeiten, offen über die Erkrankung ihrer Nächsten zu sprechen. Manche schämen sich sogar. Dafür gibt es allerdings nicht den geringsten Grund!

Wie und wo kann man sich über die Hilfsangebote in München informieren?

Broda: Eine gute Übersicht bietet der Demenz-Wegweiser für München. Er ist unter anderem in der Geschäftsstelle der Alzheimer Gesellschaft München erhältlich oder über die Internetseite www.agm-online.de gegen eine Bearbeitungsgebühr von drei Euro zu bestellen.

Welche Lücken beziehungsweise Schwachstellen hat das Netzwerk der Hilfe?

Broda: Es gibt zu wenige Angebote für Patienten im Frühstadium. Viele von ihnen sind noch sehr leistungsfähig. Sie wollen nicht nur als Hilfsbedürftige gesehen werden, sondern sich auch aktiv einbringen. Das gelingt durch Projekte wie gemeinsame Mittagstische, etwa für die Mitarbeiter im Institut für Demenz- und Schlaganfallforschung am Uniklinikum Großhadern, oder Vorlesegruppen für Kinder. Hier haben wir noch großen Nachholbedarf.

Welche Angebote sollten in München darüber hinaus dringend ausgebaut werden?

Broda: Die Pflege von Demenzpatienten in Krankenhäusern ist ein Riesenproblem. Sie brauchen während ihres Klinikaufenthalts besondere Zuwendung, aber diese können die häufig überarbeiteten Mitarbeiter gar nicht leisten. Hier steckt die Hilfe in den Kinderschuhen. Auch bei der Kurzzeitpflege muss sich etwas tun. Darauf sind viele Angehörige angewiesen – beispielsweise dann, wenn sie selbst mal eine Operation haben. Ein weiteres Angebot, das ausgebaut werden muss, ist die Nachtpflege. Bislang gibt es nur einen Verein, der insgesamt sieben Betreuungsplätze hat – viel zu wenig angesichts von 22 000 Demenzpatienten in München.

Interview: Andreas Beez

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