Interview zum Thema Inkontinenz

Klinik-Chef: "Viele der Patienten vereinsamen"

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Kennt sich mit Fällen von Inkontinenz aus: Professor Dr. Christian Stief ist Direktor der Uniklinik Großhadern.

München - Wer an Inkontinenz leidet, hat häufig auch mit psychischen Problemen zu kämpfen. Klinikdirektor Professor Dr. Christian Stief spricht im Interview über das Tabuthema.

Allein in der Urologie des Uniklinikums Großhadern werden jedes Jahr etwa 3000 Patienten wegen ihrer Harn­inkontinenz behandelt. Hinter der nüchternen Statistik verbergen sich zum Teil erschütternde Einzelschicksale, weiß Professor Dr. Christian Stief. Im tz-Interview wirbt der Klinik­direktor für einen offeneren Umgang mit der wohl am häufigsten verschwiegenen Volkskrankheit und für mehr gesellschaftliche Akzeptanz.

Welche Erfahrungen machen Sie mit Inkontinenz-Patienten in der täglichen Praxis?

Professor Dr. Christian Stief: Ihr Leidensdruck ist oftmals riesengroß. Inkontinenz gehört zwar nicht zu den lebensbedrohlichen Erkrankungen, aber sie raubt vielen Patienten die gesamte Lebensqualität und manchen sogar den Lebensmut. Sie schämen sich für ihr Problem und haben Angst davor, dass andere Menschen etwas davon mitbekommen.

Wie gestalten diese Patienten ihren Alltag?

Stief: Sie richten ihr komplettes Leben nach der Blase aus. Das bedeutet: Sie gehen nicht mehr ins Kino, in Konzerte oder ins Theater, sie suchen ihre Freizeitziele danach aus, wo es in unmittelbarer Nähe eine Toilette gibt. Einige Patienten ziehen keine helle Hosen mehr an, weil sie unbedingt vermeiden wollen, dass Außenstehende darauf einen Urinfleck entdecken könnten. Gerade ältere Patienten stürzen häufiger, weil sie überhastet versuchen, so schnell wie möglich zur Toilette zu kommen.

Welche Folgen hat diese Lebens- und Leidensweise?

Stief: Viele Patienten ziehen sich immer mehr zurück, manche vereinsamen regelrecht. Sie entwickeln Depressionen und in dramatischen Fällen sogar Selbstmordgedanken. Oft kommen Männer noch schlechter mit ihrer Erkrankung klar als Frauen. Wir haben beispielsweise 50 bis 60 Jahre alte Patienten, die mitten im Berufsleben stehen und Einlagen tragen müssen. Das macht ihnen sehr zu schaffen. Probleme in der Ehe beziehungsweise in der Partnerschaft und in der Familie sind eine häufige Folge.

Warum ist die Hemmschwelle, zum Arzt zu gehen, trotzdem so groß?

Stief: Zum einen ist es vielen Patienten peinlich, über ihre Inkontinenz zu reden. Sie glauben irrtümlich, sie müssten damit irgendwie alleine klarkommen. Und zum anderen haben sie unberechtigterweise Angst vor der Untersuchung. Sie befürchten beispielsweise, dass sie sofort einen Katheter für eine Blasenspiegelung gelegt bekommen oder gar auf dem Operationstisch landen. Dabei ist dies in den allermeisten Fällen gar nicht nötig. Und generell gilt: Alle Untersuchungsmethoden sind allenfalls unangenehm, aber absolut nicht schmerzhaft.

Was müsste geschehen, damit mehr Inkontinenz-Patienten zum Arzt gehen?

Stief: Wir müssen es schaffen, durch Aufklärung ihr Vertrauen zu gewinnen. Die Botschaft ist doch sehr ermutigend: Inkontinenz ist kein unabdingbares Schicksal. Sie lässt sich gut behandeln, in vielen Fällen sogar heilen. Es gibt auch überhaupt keinen Grund, sich dafür zu schämen. Und umgekehrt gilt für alle Nichtbetroffenen: Inkontinenz ist kein Grund, einen Mitmenschen bloßzustellen – weder mit Worten noch mit Blicken. Jedem sollte klar sein: Es kann uns alle treffen, bei sechs Millionen Betroffenen ist die Wahrscheinlichkeit alles andere als gering.

Interview: Andreas Beez

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