Interview mit zwei Schwestern aus Dubai

"Wir waren Aliens für die Münchner"

Nahed (l.) und Souad Almarri kommen jedes Jahr nach München, um sich behandeln zu lassen.
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Nahed (l.) und Souad Almarri kommen jedes Jahr nach München, um sich behandeln zu lassen.

München - Die arabischen Schwestern Nahed und Souad Almarri nutzen die medizinischen Möglichkeiten in München. Im Interview sprechen die beiden Frauen über ihre Erfahrungen.

Wer durch die Innenstadt schlendert, wird früher oder später auf sie treffen: Medizintouristen aus den arabischen Golfstaaten. Menschen, die zu uns kommen, weil sie wissen, dass sie hier ärztliche Top-Versorgung bekommen. Vor allem im Sommer (wenn die arabische Hitze richtig zuschlägt) kommen viele Araber nach München - oft auch mit Familie. Zwei von ihnen sind die Schwestern Nahed und Souad Almarri aus Dubai. Nahed arbeitet als Modedesignerin, Souad ist Hausfrau. Beide können sich ein Leben ohne München gar nicht mehr vorstellen. Das liegt nicht nur an der medizinischen Betreuung. Das Interview:

Seit den Achtzigern kommen Sie regelmäßig her. Was fasziniert Sie an dieser Stadt?

Souad Almarri: Die Stadt ist sicherer als London, bietet eine wunderschöne Landschaft in unmittelbarer Umgebung und hat die besten Ärzte.

Nahed Almarri: Damals waren wir eine der ersten Familien aus dem arabischen Raum, die nach München kamen. Wir waren Aliens für die Bewohner (lacht). Heute können wir sagen, wir haben einen Trend gesetzt.

Warum lassen Sie sich nicht in Dubai behandeln?

Nahed: Ich vertraue den Ärzten dort nicht. Hier in Deutschland vertraue ich ihnen blind. Ich hatte gutartige Tumore in der Gebärmutter, die operativ entfernt wurden. Das habe ich schon dreimal machen lassen und nie hatte ich Angst.

Souad: Weil sie weiß, dass die deutschen Ärzte exzellente Arbeit leisten. Das weiß die ganze Welt.

Wie läuft die Kommunikation zwischen Arzt und Patient?

Nahed: Manchmal auf Englisch, aber meistens ist ein Dolmetscher dabei. Ich schätze die Direktheit der Deutschen sehr. Sie beschönigen nichts.

Wenn Sie in Dubai sind und Fragen an Ihre Münchner Ärzte haben, wie kommunizieren Sie dann?

Nahed: Wir telefonieren. Einmal hatte ich eine Frage und meine Ärztin war gerade in einer Operation. Ich wollte danach noch einmal anrufen, aber sie meldete sich von selbst. Wo gibt es so etwas schon?

Souad: Der Arzt unserer Mutter ist in Rente, und wir haben immer noch telefonischen Kontakt. Die nachgehende Betreuung ist den deutschen Ärzten sehr wichtig. Es geht ihnen nicht in erster Linie ums Geld.

Und das ist in Dubai anders?

Souad: Ja. Dort bezahlt man, bevor man überhaupt untersucht wird. Das ist ein riesiger Unterschied.

Das Klischee vom reichen Golfaraber ist weitverbreitet. Haben Sie das Gefühl, manchmal abgezockt zu werden?

Nahed: Nicht von den Ärzten. Allerdings gibt es viele Vermittlungsbüros, die sich auf Medizintouristen spezialisiert haben und in uns eine wichtige Einnahmequelle sehen. Wir sind mit den Reisebüros der emiratischen Regierung gekommen und deshalb davon verschont geblieben. Aber viele Bekannte haben schlechte Erfahrungen gemacht.

Ein Beispiel?

Arabische Gäste in der Innenstadt - dieses Bild sehen wir mittlerweile öfter.

Nahed: Einer Freundin von mir wurde ein Check in einer privaten Klinik vermittelt. Dafür musste sie 8000 Euro zahlen. Ich habe für meinen Check nur 1500 Euro gezahlt. Aber viele sind auch selber schuld.

Wie meinen Sie das?

Nahed: Für viele Medizintouristen zählt das Prestige. Sie lassen sich nicht in städtischen Kliniken untersuchen, sondern nur in privaten. Weil es luxuriöser ist. Uns geht es aber um die medizinische Qualität.

Wie lange bleiben Sie in München?

Souad: Zwischen sechs und sieben Monaten. Ein Verwandter von uns hat am Arabellapark eine Wohnung gekauft.

Viele Anwohner dort beschweren sich über die Medizintouristen. Können Sie das verstehen?

Souad: Ja. Wir kommen deshalb nicht mehr in den Sommermonaten, weil auch wir uns von den arabischen Anwohnern gestört fühlen. Bis spät in die Nacht wird laut geredet – und das, obwohl die Nachbarn am nächsten Tag arbeiten müssen.

Nahed: Aber nicht alle Araber sind so rücksichtslos. Im Arabischen gibt es ein Sprichwort: Der Fremde muss sich gut benehmen. Daran halten wir uns.

Wie wirken Sie auf die Münchner?

Souad: Dubai hat in Deutschland mittlerweile für viele einen „Wow-Faktor“. Eine Kassiererin bei Kaufhof hat uns einmal gefragt, woher wir kommen. Alle in der Schlange waren interessiert.

Auf welche Vorurteile stoßen Sie?

Souad: Dass jeder arabische Mann vier Frauen hat. Wir sind beide nicht verheiratet und brauchen auch keinen Mann, um jemand zu sein. Dass wir unser Geld grenzenlos ausgeben, stimmt auch nicht.

Nahed: Oder dass wir benachteiligt und unterdrückt seien. In den arabischen Emiraten arbeiten mehr Frauen in Spitzenfunktionen als in Deutschland. Anders als hier verdienen die Frauen dort auch genauso viel wie die Männer. Frauen werden gezielt angeworben, um Karriere zu machen.

Hat sich München durch die Flüchtlingssituation und Bewegungen wie Pegida für Sie verändert?

Souad: Das sind innenpolitische Themen, mit denen wir uns kaum befassen. Aber das Thema Islam scheint die Gesellschaft zu beschäftigen. Wir haben am Rathaus den Muezzinruf gehört. Das fanden wir sehr schön.

Das ist eine Aktion von Pegida und soll Angst vor einer Islamisierung des Abendlandes schüren …

Nahed: Echt? Das wussten wir nicht. Es hat auf uns den Eindruck gemacht, dass diese Leute Angst vor etwas haben. Sie wurden mit Absperrungen und Polizisten geschützt. Aber das ist auch eine Art von Freiheit. Jeder soll seine Meinung sagen.

In Bayern wird über ein Burka-Verbot diskutiert. Das würde im Zweifel auch für Sie als Medizintouristen gelten. Was halten Sie davon?

Nahed: In Mekka, der heiligsten Stätte des Islam, dürfen Frauen auch keinen Gesichtsschleier tragen. Diese Kleidervorschrift steht ja auch nicht im Koran. Aber ich finde, jeder sollte das tragen, was er will.

Kommen Sie nächstes Jahr wieder nach München?

Nahed: Ja, natürlich. Ich muss die Münchner Luft riechen, die Berge sehen, den Tegernsee, den Chiemsee. Wir mögen die bayerische Mentalität sehr. München ist für uns eine zweite Heimat geworden, direkt nach Dubai.

Souad: Wir fahren in München auch Auto ohne Navigationssystem – das sagt doch schon alles.

Dunja Ramadan sprach mit den Schwestern

Dieser Text ist im Rahmen eines gemeinsamen Projektes von tz und Deutscher Journalistenschule (DJS) entstanden. Informationen dazu finden Sie auch unter djs-medizin.de.

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